Der grosse Kampf um die Schulreform ist lanciert

Die Kritik am Lehrplan 21 wächst. In Baselland kommt es nun zur ersten Volksabstimmung über die Reform. Andere Kantone werden folgen.

Sieben Einzelfächer oder drei sogenannte Sammelfächer in der Sekundarschule? Foto: Reto Oeschger

Sieben Einzelfächer oder drei sogenannte Sammelfächer in der Sekundarschule? Foto: Reto Oeschger

Alan Cassidy@A_Cassidy

Es ist noch gar nicht so lange her, da blickten Bildungsexperten im ganzen Land begeistert ins Baselbiet. Bei der nationalen Harmonisierung der Bildung spielte der Kanton eine Vorreiterrolle. Aus einer Standesinitiative, die Baselland 2002 im Bundesparlament einreichte, wurde der Bildungsartikel in der Bundesverfassung. Noch lange war man im Baselbiet stolz darauf, die «Speerspitze der Harmonisierung» zu sein, wie es der frühere Bildungsdirektor Urs Wüth­rich (SP) gerne nannte.

In diesen Wochen könnte der Kanton erneut zum Pionier werden – aber aus einem ganz anderen Grund. Am 5. Juni stimmen die Baselbieter über zwei Än­derungen ihres Bildungsgesetzes ab, die den Lehrplan 21 zum Ziel haben. Mit diesem wollen die Erziehungsdirektoren den Schulstoff in allen 21 Deutschschweizer Kantonen vereinheitlichen. Bereits am kommenden Wochenende fällt die Landsgemeinde im Kanton Appenzell Innerrhoden einen Entscheid über das Projekt. Baselland ist aber der erste Kanton, in dem es deswegen zu einer Urnenabstimmung kommt.

«Ein ideologisches Projekt»

Zur Debatte steht nicht der Lehrplan direkt. Stattdessen wollen die Baselbieter Initianten dem Kantonsparlament die Kompetenz geben, den Lehrplan zu beurteilen und zu genehmigen. Heute liegt diese Kompetenz bei einem 14-köpfigen Fachgremium, dem Bildungsrat. Und was das von SVP und FDP dominierte Parlament vom Lehrplan hält, wurde in den Diskussionen der vergangenen Jahre immer wieder klar: nichts. Der Lehrplan 21 sei «ein ideologisches Projekt» von Bildungsbürokraten, sagte Jürg Wiedemann vom Verein Starke Schule Baselland gestern bei der Lancierung der Abstimmungskampagne. Es sei richtig, dass die Reform besser abgestützt werde, indem das Parlament eine Mitsprache erhalte. Wiedemann sass selber einige Jahre für die Grünen im Parlament. Nach einem Streit über die Bildungspolitik verliess er die Partei – und politisiert seither als Unabhängiger.

Auch die zweite Vorlage betrifft den Lehrplan. Sie will auf der Sekundarschule sieben Einzelfächer (darunter Geschichte, Geografie, Biologie und Chemie) ins Bildungsgesetz schreiben und damit verhindern, dass drei Sammel­fächer entstehen: «Natur und Technik», «Räume, Zeiten, Gesellschaft» und «Wirtschaft, Arbeit und Haushalt». Diese Sammelfächer machten Lehrkräfte zu oberflächlichen Allroundern und erforderten «millionenteure» Weiterbildungen, sagte Wiedemann.

Die Baselbieter Abstimmung wird in doppelter Hinsicht zum Stimmungstest. Der Widerstand gegen den Lehrplan21 ist vielerorts gross. In 13Kantonen wurden Initiativen oder Vorstösse dagegen lanciert. In Baselland zeigt sich zudem, dass der Protest gegen die Reform nicht nur von konservativer Seite kommt, sondern bis ins linke Lager reicht. Jürg Wiedemann, der grüne Renegat, verwies gestern auf eine Umfrage bei den Baselbieter Lehrkräften, die vom Kanton durchgeführt wurde. Demnach steht eine Mehrheit der Sekundarschullehrer dem Lehrplan21 kritisch gegenüber.

Politisierung der Bildung

Den Abstimmungskampf gegen die Vorlagen führt ein überparteiliches Komitee aus Mitte-links-Vertretern. Mit dabei ist zudem die Handelskammer beider Basel. Das Bündnis wehrt sich dagegen, das Kantonsparlament über den Lehrplan entscheiden zu lassen. «Es kann nicht sein, dass alle vier Jahre ein neugewähltes Parlament je nach politischer Ausrichtung darüber bestimmt, was unsere Schüler zu lernen haben», sagt SP-Fraktionschefin Miriam Locher. Damit werde die Bildung unnötig politisiert. Die Kritik an den Sammelfächern hält Locher für übertrieben. Gerade aus der Wirtschaft komme immer wieder der Wunsch nach vernetztem Denken. Das Kostenargument der Initianten sei zudem falsch: «Wenn wir diese Reformen ablehnen, werden wir in der Nordwestschweiz zur Bildungsinsel und müssen für teures Geld eigene Lehrmittel und Studiengänge für die pädagogischen Hochschulen entwickeln.»

Beide Lager wissen, dass die Stimmung im Baselbiet gegenüber Schulreformen kritisch ist. Auch ausserhalb des Kantons beobachtet man die Abstimmung deshalb mit einer gewissen Nervosität. Und der Präsident des Schweizerischen Lehrerverbands, Beat Zemp, warnte kürzlich gegenüber Radio SRF: «Volksabstimmungen über einen Lehrplan machen einfach keinen Sinn. Das ist viel zu komplex.» Abstimmen wird Zemp, ein Befürworter des Lehrplans, wohl trotzdem – er lebt im Baselbiet.

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