Der eritreische Praktikant

Er heisst Iyob Gebreyohannes und hat Glück. Denn er gehört zu den Flüchtlingen, die in der Schweiz arbeiten dürfen.

Mit Elan dabei: Iyob Gebreyohannes bei seiner Arbeit auf der Baustelle in Thun. Foto: Urs Jaudas

Mit Elan dabei: Iyob Gebreyohannes bei seiner Arbeit auf der Baustelle in Thun. Foto: Urs Jaudas

Andrea Tedeschi@tagesanzeiger

Er hat sich zwei Jahre lang danach gesehnt: eine Arbeit, etwas Abwechslung, eine Zukunft. Iyob Gebreyohannes schaufelt Steine in die Mulde, Erde vom Lastwagen, putzt, wischt, räumt auf. Er wirkt konzentriert, spricht wenig. Zuvor hatte er mit dem Vorarbeiter einen Rasen gepflügt, Aushub weggefahren und Platten gelegt für den Veloabstellplatz eines Mehrfamilienhauses im Lärchenfeld-Quartier in Thun. Es ist sein vierter Arbeitstag.

Iyob Gebreyohannes, 32 Jahre alt, hat einen von zehn Praktikumsplätzen auf dem Bau erhalten, die der Kanton Bern mit der Technischen Fachschule seit Sommer 2015 anbietet für Leute wie ihn, also für anerkannte Flüchtlinge. Der Eritreer lebt seit zwei Jahren in der Schweiz und von der Sozialhilfe. Davon soll er wegkommen; die einjährige Vorlehre hilft ihm auf dem Weg zu einer Lehrstelle und damit in die finanzielle Unabhängigkeit. Um die Sozialwerke zu entlasten, hat der Bund vor vier Jahren beschlossen, enger mit den Kantonen, Gemeinden und der Wirtschaft zusammenzuarbeiten und das Arbeitspotenzial von Migranten und Flüchtlingen zu nutzen. Gebreyohannes will nicht mehr von der Sozialhilfe leben und bis in fünf Jahren in seinem Beruf Arbeit finden. Er begnügt sich mit gut 700 Franken im Monat. «Zwei Jahre sind schon vorbei», sagt er in gebrochenem Deutsch. Arbeit sei gut für ihn, aber schwierig zu finden.

Das Warten hat ein Ende

«Ein Tag mit Arbeit ist besser», sagt Gebreyohannes und packt gelbe Plastikbehälter auf die Autoladefläche. Seine früheren Tage waren lang: warten, schlafen, ein wenig Sport treiben.

In Eritrea sei er mit 20 Jahren eingezogen worden und Soldat gewesen, 12 Jahre lang habe er sich auf der Flucht befunden. Als er in der Schweiz ein Asylgesuch stellte, durfte er drei Monate nicht arbeiten. Kaum hatte er eine Bewilligung, beschäftigte er sich, putzte, kochte für Querschnittgelähmte, sammelte Flaschen für drei Franken die Stunde. Daneben lernte er Deutsch in der Migros-Clubschule.

Auf Englisch bewarb er sich für das Pilotprojekt an der Technischen Fachschule. Bei seinem ersten Versuch scheiterte er an der deutschen Grammatik, es war noch zu schwierig. Ein Jahr später klappte es auch mit etwas Glück: Sein Vorgänger, ein 40-jähriger Syrer, brach das Praktikum bei der Baufirma Zaugg in Thun ab. Das war im Oktober. Der offensichtlich motivierte Nachfolger muss sich jetzt zuerst noch an die Schweizer Arbeitsmoral gewöhnen und an den rauen Ton auf der Baustelle. Entscheidend wird jedoch sein, welche Fortschritte er beim Deutschlernen macht. Am Arbeitsplatz lerne man mehr als nur im Kurs. Das sagt der Lehrer des jungen Eritreers, der ihn an zwei Tagen in der Woche an der Technischen Fachschule in Geschichte, Mathematik und Deutsch unterrichtet.

Auf der Baustelle macht sich jetzt der Vorarbeiter hinter dem Haus zu schaffen, auch Abteilungsleiter Daniel Salzmann hat die Baustelle betreten. Bald kann Iyob Gebreyohannes eine Pause einlegen.

Weitverbreitete Vorurteile

Der Chef klingt zufrieden. «Es ist ziemlich gut angelaufen. Ich habe ein gutes Gefühl», sagt Daniel Salzmann. Gebreyohannes ist der dritte Flüchtling, der auf einer seiner Baustellen als Praktikant arbeitet. Sie verrichten dieselben Arbeiten wie Erstjahrlehrlinge. Das sei nicht jedem gegeben, sagt Salzmann. Doch im Gegensatz zu Lehrlingen würden die Männer die einzelnen Arbeitsschritte schneller begreifen, gerade weil sie älter seien.

Wirft man ihm nicht vor, erwachsene Männer für wenig Geld arbeiten zu lassen? «Ich höre den Vorwurf nicht», sagt Salzmann, «aber ich spüre ihn.» Etwa dann, wenn er sich mit anderen Unternehmern darüber unterhält. Doch seine Haltung ist klar: «Wenn schon nur die Hälfte der Menschen in der Wirtschaft bestehen kann, sollten wir es versuchen.» Salzmann spricht in Managerdeutsch von einer möglichen «Win-win-Situation». Es sei aber nicht immer einfach: Sind die Migranten unpünktlich oder unzuverlässig, leide der Zeitplan auf den Baustellen. Steigt ein Praktikant aus, wie etwa der Vorgänger aus Syrien, dürfe man auch den administrativen Aufwand nicht unterschätzen.

Die Baubranche beschäftigt seit Jahrzehnten viele Nationalitäten. Doch gegenüber Flüchtlingen bestehen noch viele Vorurteile, die abgebaut werden müssen, wie Salzmann findet. Ob er den Eritreer am Ende seines Praktikums anstellen kann, hänge von der Wirtschaftssituation ab. «Im Moment ist der Arbeitsmarkt gesättigt», sagt er.

Iyob Gebreyohannes ist zuversichtlich und strahlt das auch aus. Er sagt, er bleibe auf dem Beruf, bis er pensioniert werde. Das sind seine Pläne für die nächsten 30 Jahre. Für heute aber hat er seine Arbeit auf dieser Baustelle beendet, morgen erwartet ihn eine andere.

Er steigt ins grosse Auto seines Chefs, der vorbeifährt an Einfamilienhäusern, dem Waffenplatz, an Einkaufscentren. Die Wolken hängen tief. «Nächste Woche könnte es schneien», sagt der Unternehmer. Im Schnee zu arbeiten, wäre für Gebreyohannes eine Premiere. Beim Firmenhauptsitz steigt er aus, nimmt seinen gelben Sack und den Zug nach Bern.

Dort wird am nächsten Morgen wieder um 5 Uhr aufstehen, sein Mittagessen vorkochen und wieder zur Arbeit erscheinen. Er hat sich so danach gesehnt.

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