Der Courant-normal-Mensch

Bisher ging es mit seiner Karriere stetig aufwärts. Doch nun beschert der Datendieb dem Nachrichtendienst-Chef Markus Seiler ein ernstes Problem.

«Der beste Nachrichtendienst der Welt»: Nachrichtendienst-Chef Markus Seiler. (Archivbild)

«Der beste Nachrichtendienst der Welt»: Nachrichtendienst-Chef Markus Seiler. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Hannes Nussbaumer@tagesanzeiger

Markus Seiler wäre gewiss glücklich, wenn er den Satz rückgängig machen könnte, den er im Mai 2009 der «Neuen Luzerner Zeitung» zu Protokoll gegeben hatte. Damals, rund einen Monat, nachdem ihn der Bundesrat zum Chef des neu geschaffenen Nachrichtendiensts ernannt hatte, sagte Seiler: Es gehe ihm nun darum, «den besten Nachrichtendienst der Welt» aufzubauen.

Dabei war die Aufgabe des heute 44-Jährigen auch ohne Superlativanspruch schwierig genug: Seiler musste die zuvor getrennt operierenden Inland- und Ausland-Nachrichtendienste zu einer einzigen Behörde zusammenführen. Als erster Chef des fusionierten Nachrichtendiensts hatte er nicht nur zwei Aufgabenbereiche, sondern auch zwei Kulturen zusammenzubringen.

Seilers Berufung zum obersten Nachrichtendienstler war die Frucht einer zielstrebigen Beamtenkarriere. Der Staatswissenschaftler gilt als Mann mit ausgeprägtem Ehrgeiz, beseelt vom Drang nach oben. Seiler war Sprecher der FDP, danach persönlicher Mitarbeiter von FDP-Bundesrat Kaspar Villiger. 2001 machte ihn Bundesrat Samuel Schmid zum Vizegeneralsekretär im Verteidigungsdepartement VBS. 2004 wurde er Generalsekretär.

«Ich will Seiler nicht»

Dabei verlief die Kür zum VBS-General nicht ohne Nebengeräusch. Hohe Offiziere zweifelten an Seilers Führungserfahrung und monierten, dass er, anders als seine Vorgänger, kein Generalstabsoffizier sei. Derweil warf die SVP – zu jener Zeit noch die Partei von Bundesrat Schmid – Seiler vor, er sei «kooperationsbesessen»: ein eiserner Verfechter des VBS-Konzepts «Sicherheit durch Kooperation». Ueli Maurer, damals SVP-Präsident, sagte dem «Tages-Anzeiger»: «Ich will Seiler nicht.»

Als 2009 derselbe Ueli Maurer die Nachfolge Schmids als VBS-Chef antrat, galt es daher als ausgemacht, dass er Seiler durch einen Getreuen aus dem SVP-Lager ersetzen würde – zumal sich Schmid inzwischen von der SVP losgesagt und der BDP zugewandt hatte, begleitet und beraten von seinem Vertrauten Seiler. Was diesen in den Augen der SVP zum Mitverräter machte.

Im VBS angekommen, installierte Maurer zwar tatsächlich alte Gefährten in seiner Nähe – so machte er etwa Yves Bichsel, einst SVP-Generalsekretär und Vizegeneralsekretär unter Justizminister Blocher – zu seinem Stabschef. Aber Seiler liess er auf seinem Posten – bis er ihm die sensible Stelle des Nachrichtendienstchefs anvertraute.

Weniger wohlwollend

Warum das? Hans Fehr, SVP-Nationalrat, Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission und erklärtermassen kein Freund von Seiler (dieser ist für Fehr ein «Kooperationsapostel»), sagt: «Seiler hat gute Arbeit geleistet. In der Sache konnte er sich behaupten.» Darum will Fehr vorerst keine Rücktrittsforderung an die Adresse des Nachrichtendienstchefs stellen: «Man muss nun genau abklären, was geschehen ist und ob Seiler eine Schuld trifft.»

Weniger wohlwollend urteilt Jo Lang. Der frühere grüne Nationalrat und Sicherheitspolitiker bezeichnete Seiler vor Jahren als «Courant-normal-Mensch», der Krisen nicht gewachsen sei. Anlass für die Zuschreibung war Seilers Rolle in der Affäre um Ex-Armeechef Roland Nef. Seiler, damals VBS-Generalsekretär, war Mitglied der Findungskommission für den Armeechef und also mitverantwortlich für die Fehlbesetzung. Lang fühlt sich nun bestätigt. «Seiler ist ein guter Beamter, solange nichts Aussergewöhnliches passiert. Wenn aber Durchsetzungskraft und mutige Entscheide gefordert sind, ist Seiler überfordert.» Eine Eigenschaft, die besonders fatal sei, wenn einer im Nachrichtendienst tätig sei. Lang: «Dort sind aussergewöhnliche Situationen der Normalfall.»

Tages-Anzeiger

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