Der böse, übermächtige Staat

Der Vater, der seine Kinder nicht ins Heim zurückgebracht hat, wird als Held gefeiert. Gleichzeitig werden Politiker und Beamte so häufig bedroht wie nie – erleben wir einen Verlust des Vertrauens in die Institutionen?

Empört und wütend: Demonstranten bei der Mahnwache für die getöteten Flaacher Geschwister (März 2015). Foto: Keystone

Empört und wütend: Demonstranten bei der Mahnwache für die getöteten Flaacher Geschwister (März 2015). Foto: Keystone

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Auch der Wutbürger kennt seinen Bertolt Brecht. «Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!», heisst es in einem Onlinekommentar zum Fall des 46-jährigen Aargauers, der seine beiden fremdplatzierten Töchter nicht wie vereinbart zurück ins Heim brachte. Und sie stattdessen mit der Mutter auf die Philippinen schickte.

Für seinen Widerstand gegen die ­Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) wird der Vater im Internet als Held gefeiert. Seine eigene Facebook-Seite wird von Freundschaftsanfragen überflutet, und in einer neuen Facebook-Gruppe dokumentieren Fans den Fall in Echtzeit. Da gibt es ein «Geiler Vater! Held!» für ihn und ein «Fuck Kesb!» für die Behörde. Dem Vater, der zuerst diversen Medien ausführlich über die Flucht seiner Töchter Auskunft gab, ist die plötzliche Aufmerksamkeit etwas suspekt. Nach seiner Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft schrieb er gestern auf seiner Facebook-Seite: «Mal ehrlich: Ich will gar kein Held sein. Ich habe es nur gemacht, weil ich meine Familie aus der ewigen Zwickmühle des Staates befreien wollte.»

Hohe Dunkelziffer

Und genau dafür lieben ihn die Leute. Der ohnmächtige Einzelne gegen den übermächtigen Staat – es sind solche Geschichten, die in sozialen Medien regelmässig für Empörung sorgen. Besonders laut wird es dabei, wenn die Kesb involviert ist. Nach der Kindstötung von Flaach (ZH) zu Beginn des Jahres erlebte die Schweiz eine hochemotionale Debatte über die Rolle der Kinderschutz­behörde. Die Kesb wurde für den Tod der Kinder verantwortlich gemacht, «Stasi-Behörde» und Schlimmeres gescholten. Auch in diesem Fall ergoss sich die ­Empörung der Bürger via Facebook und in den Kommentarspalten der Medien. Ähnlich verlief die Debatte beim gewalttätigen Rentner Peter Hans Kneubühl, der sich 2010 in seinem Haus in Biel verschanzt hatte, einem Polizisten ins Gesicht schoss und danach floh. «Catch me if you can», stand auf den Fan-T-Shirts für Kneubühl, auf Facebook (wo sonst?) wurden mehrere Unterstützungsgruppen gegründet, in denen es unter anderem hiess: «Polizei, dein Freund und Helfer, schlag sie tot und hilf dir selber.»

Schlag sie tot, die Polizei. Die Behörde. Die Politik. Die Verbalattacken finden auch abseits des Internets Widerhall. Staatsangestellte werden heute viel häufiger bedroht als früher. Alleine zwischen 2010 und 2013 ist die Zahl der Fälle in der Schweiz um 23 Prozent auf 2776 Fälle ­gestiegen. 20 Jahre früher waren es knapp 400, wie der TA im Februar dieses Jahres berichtete. Und das sind nur die registrierten Straftaten – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Stabiles Vertrauen ins System

Das gleiche Bild bei Magistraten und Bundesangestellten: Das Fedpol hat 2014 insgesamt 202Drohungen registriert, beinahe doppelt so viele wie noch vor 2Jahren. Erst diese Woche hat SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen in der «Berner Zeitung» von «massiven Drohungen» berichtet, die nach einem Auftritt gegen sie ausgestossen wurden. Und sie ist nicht die Einzige: Regelmässig veröffentlichen Parlamentarier die an sie gerichtete Hasspost auf Twitter oder Facebook.

Auch die Gerichte sind davon betroffen: Nach einem Angriff auf einen Bundesrichter regte das Bundesgericht an, gewisse Straftatbestände gegen Magistratspersonen als Offizialdelikte zu werten. Nun kümmert sich der Bundesrat um das Thema Drohungen – und scheint gewillt, dem Bundesgericht entgegen­zukommen, wie Radio SRF vor kurzem berichtet hat.

Hass und Drohungen gegen Behörden, Beamte, Politiker und Richter: Verliert die Bevölkerung das Vertrauen in die Institutionen? Tibor Szvircsev Tresch winkt ab. Das Gegenteil sei richtig. Der Dozent für Militärsoziologie ist Herausgeber der jährlichen Sicherheitsstudie der ETH Zürich. Seit 20 Jahren messen die Forscher das Vertrauen der Bevölkerung in ihre ­Institutionen und stellen fest: Es ist überall gestiegen. «Wir leben heute in einer Empörungsgesellschaft», sagt Szvircsev Tresch. Wenn irgendetwas passiere, werde das sofort und laut kommentiert. «Die Mehrheit hört man dabei aber nicht. Sie schweigt.» Und diese Mehrheit hat laut Szvircsev Tresch ein «gutes Gefühl», ein «stabiles Vertrauen» in das Schweizer System und seine Strukturen. Dass die allgemeine Wahrnehmung eine andere sei, habe mit der Medialisierung der Gesellschaft zu tun, in der Einzelstimmen viel besser hörbar seien als noch vor ein paar Jahren, sagt der Soziologe.

Satiriker und Psychotherapeut Peter Schneider beschäftigt sich berufsmässig mit Empörung und Empörten und kommt zu einem gleichen Schluss: «Früher haben diese Leute vielleicht einen Leserbrief geschrieben. Nun haben sie mit dem Internet ganz andere Möglichkeiten.» Es sei schwierig abzuschätzen, ob sich heute tatsächlich mehr Leute empörten als früher. «Sicher ist nur: Sie werden dabei viel besser gehört.» Dabei spielen auch die etablierten Medien eine kritische Rolle: Sie verstärken den Empörungsprozess. Zeitung X berichtet über Fall Y. Die Menschen empören sich ­öffentlich über den Fall, gründen eine ­Facebook-Gruppe – und darüber berichtet dann wieder die Zeitung X, wo natürlich wiederum die Leserinnen und Leser kommentieren . . . und so weiter und so fort. Es ist jener Mechanismus, für den der kürzlich verstorbene Soziologie­professor Kurt Imhof den Begriff «Empörungsbewirtschaftung» geprägt hat. Und es ist jener Mechanismus, der sich in ­diesen Tagen im Falle des heldenhaften Vaters aus dem Aargau einmal mehr ­beispielhaft zeigt.

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Was halten Sie von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb?

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22.7%

Sie hat einen schwierigen Job – wie sie‘s macht, ist's falsch.

 
33.5%

Sie ist unnötig und sollte abgeschafft werden.

 
43.9%

2352 Stimmen


(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.07.2015, 23:18 Uhr

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