Der «Aufstand von unten» ist ein «Aufstand der Verführten»

Der Pfarrer Daniel Winkler aus Riggisberg widerspricht Alt-Nationalrat Rudolf Strahm.

Der Pfarrer Daniel Winkler fordert mehr Solidarität mit Flüchtlingen, wie sie an der Demonstration vom 8. Dezember in Bern gezeigt wurde.

Der Pfarrer Daniel Winkler fordert mehr Solidarität mit Flüchtlingen, wie sie an der Demonstration vom 8. Dezember in Bern gezeigt wurde.

Niemand wird bestreiten, dass eine der Hauptursachen des überall in der Welt aufkeimenden Populismus in der Migrationsfrage liegt. Rudolf Strahm macht sich in seiner am 27. Dezember im «Bund» erschienenen Kolumne zum Anwalt des konservativen, hart arbeitenden Wählers «in Vorstadthochhäusern und im Hinterland» und bricht eine Lanze für ihre Ängste, für Existenz- und Besitzstandsängste. Ängste wahr- und ernst zu nehmen, ist unerlässlich. Diese aber derart kategorisch mit der Migrationsfrage zu verknüpfen, führt auf dünnes, brüchiges Eis.

Im ersten Motiv von dreien für den «Aufstand von unten» macht sich Strahm zum Sprecher der langfristig denkenden Anhänger des Populismus: «Sie fragen sich besorgt, wie unsere Gesellschaft in 20, 50 oder 100 Jahren aussieht, wenn die Zuwanderung aus dem arabischen Raum und Afrika unvermindert weitergeht.» Strahm wird wissen, dass 70 Prozent der ungefähr zwei Millionen Ausländer in der Schweiz aus EU-/Efta-Ländern stammen. Die Angst vor einer Afrikanisierung oder einer Arabisierung der Schweiz scheint vor diesem Hintergrund doch recht gesucht. Es ist gut, sich in Bezug auf die Zukunft Gedanken zu machen, aber wer weiss, was in 50 oder 100 Jahren auf unserer Welt los sein wird?

Dass Abstiegs- und Besitzstandsängste durch die Bevorzugung von Mitarbeitern aus EU-/Efta-Ländern einen Nährboden für Unzufriedenheit und Neid bietet, ist nachvollziehbar. Eine Lösung für dieses Problem ist die Quadratur des Kreises: Sollen Schweizer Unternehmen zur Erlangung einer Symmetrie auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte verzichten? Mit dieserschier unlösbaren Herausforderung befasst sich die Politik seit längerer Zeit. Das am meisten kontroverse Thema der von Strahm genannten «drei Tiefenschichten von Aufstandsmotiven» ist die Identitätsfrage. Er zitiert dabei Francis Fukuyama: «Migration ist der stärkste Faktor der Identitätsverluste.» Leitet sich daraus nicht die Vorstellung einer nationalen Homogenität und kulturellen Gleichförmigkeit ab? Ist die Schweiz ein ethnisch homogenes Volk, und führt Migration tatsächlich zu einem Identitäts- und damit Sinnverlust? Das von Strahm erwähnte Zitat von Fukuyama führt in einen Abgrund.

Woher kommen Ängste, und wie entstehen sie? Wer Ängste beschreibt und ernst nimmt, sollte noch viel stärker diejenigen ernst nehmen, die Ängste gezielt schüren und bewirtschaften. Das gilt umso mehr für Ängste, die keinen Realitätsbezug haben. Populistische Gruppen verstehen sich bestens auf dieses Geschäft. Sie verschaffen sich dadurch politischen Einfluss und gesellschaftliche Macht. Sie verführen und blenden Menschen, welchen es schwerfällt, sich in einer immer komplexer werdenden Welt zu orientieren.

Eitle, Gefühllose und Machtgierige spielen überall auf der Welt gekonnt auf der Klaviatur der Vorurteile und Generalverdächtigungen. Sie bewirtschaften jahrhundertealte Sündenbockmechanismen und legen die Hackordnung fest: Wer sich am schlechtesten wehren kann, steht zuunterst. Fremde und Flüchtlinge, die sich häufig ohne Beziehungsstrukturen als Neuankömmlinge orientierungslos in einer komplexen Welt bewegen, gehören seit Alters her zu den beliebtesten Opfern. Natürlich gibt es auch in diesen Gruppen anständige und unanständige Menschen. Wer aber will eine Gruppe oder ein Volk auf ihre schwächsten Glieder reduzieren?

Der von Rudolf Strahm beschriebene «Aufstand von unten» ist ein «Aufstand der Verführten». Aber eigentlich ist nicht Aufstand, sondern Anstand gefordert. Und im menschlichen Zusammenleben, ob unter Einheimischen oder Ausländern, sind mehr Einfühlungsvermögen und Mitgefühl gefragt.

Daniel Winkler ist seit vierzehn Jahren reformierter Pfarrer in Riggisberg. Seit über vier Jahren ist er in der Flüchtlingsarbeit tätig.

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