«Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, die Person zu entlassen»

Warum hat die Unia Roman Burger nicht fristlos gekündigt? Arbeitsrechtsexperte Thomas Geiser sagt, wie Unternehmen bei Vorwürfen von sexueller Belästigung reagieren müssen.

Spezialisiert auf Arbeitsrecht sowie Privat- und Handelsrecht: Thomas Geiser, Professor an der Universität St. Gallen.

Spezialisiert auf Arbeitsrecht sowie Privat- und Handelsrecht: Thomas Geiser, Professor an der Universität St. Gallen. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Musste die Unia nach diesem Vorfall Roman Burger zwingend freistellen?
Nein. Ein Unternehmen hat die Verpflichtung, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor sexueller Belästigung zu schützen. Der Arbeitgeber ist aber rechtlich nicht verpflichtet, die angeschuldigte Person in einem solchen Fall zu sanktionieren, per sofort freizustellen oder zu entlassen. Er ist ja nicht die Polizei oder die staatliche Strafbehörde. Die belästigte Person hat also Anspruch auf Schutz, aber nicht darauf, dass dem vermeintlichen Täter ein Nachteil zugefügt wird – auch wenn die Tat bewiesen sein sollte.

Trotzdem hat die Unia entsprechende Konsequenzen gezogen.
Es ist natürlich eine andere Frage, ob es sinnvoll ist, jemanden im Unternehmen zu halten, der eine sexuelle Belästigung begangen hat. Das kann nur das Unternehmen selbst beurteilen. Es muss sich fragen, was ihr die Person noch bringt und ob eine Weiterarbeit mit den Betroffenen in irgendeiner Form möglich ist. Eine Gewerkschaft ist zudem auf eine gewisse Glaubwürdigkeit bei den Medien angewiesen. Bis es zu einem solchen Entscheid kommt, werden also verschiedenste Elemente berücksichtigt.

Der Vorfall war der Unia schon länger bekannt. Hätte sie die Öffentlichkeit früher darüber informieren müssen?
Auch hier gibt es keine Verpflichtung. Vermutlich ist es in solchen Fällen aber immer sinnvoll, dass man als Unternehmen möglichst schnell reagiert, um Gerüchte oder Vorwürfe in der Öffentlichkeit gar nicht erst aufkommen zu lassen. Den Namen des vermeintlichen Täters schnell zu veröffentlichen, ist allerdings sehr heikel, auch wenn er schuldig ist. Gibt er kein Einverständnis dafür, kann er wegen schwerer Persönlichkeitsverletzung klagen. Um wen es sich genau handelt, geht die Öffentlichkeit im Prinzip nichts an.

An der internen Information gab es aber auch Kritik. Wie muss man so etwas kommunizieren?
Das ist natürlich immer im Einzelfall zu entscheiden. Grundsätzlich muss das Unternehmen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Vorfall so kommunizieren, dass beide betroffenen Seiten möglichst wenig in ihrer Persönlichkeit verletzt und geschont werden. Sind die Namen aber ohnehin allen bekannt, macht es natürlich keinen Sinn, diese intern geheim zu halten.

Burger soll seine Chefposition missbraucht haben, um mit Mitarbeiterinnen auch persönlich in Kontakt zu kommen. Was können Angestellte in einem solchen Fall tun?
Sinnvollerweise hat ein Unternehmen eine aussenstehende Stelle für Whistleblowing, bei der man solche Vorfälle melden kann. In der Regel kann man auch an die Vorgesetzten der Chefin oder des Chefs gelangen. Die Personalabteilung ist eine weitere Möglichkeiten. Im Allgemeinen ist es sicher sinnvoll, wenn man den Dienstweg wählt und nicht einfach an die Öffentlichkeit geht. Denn in erster Linie schädigt man damit den Arbeitgeber.

Für die Unia ist dieser Vorfall sehr schädlich.
Ja, das, was jetzt passiert, ist für ein Unternehmen natürlich der GAU. Eigentlich müsste man immer versuchen, solche Vorfälle intern zu bereinigen und eine Lösung für alle Beteiligten zu finden. Ähnliche Fälle gibt es praktisch in allen grösseren Unternehmen. Wie weit die Öffentlichkeit überhaupt davon erfährt, ist sehr unterschiedlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2016, 17:03 Uhr

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