«Das wird der Schweiz ein Reputationsproblem eintragen»

Präventivmediziner Felix Gutzwiller hält die Argumente gegen das Tabakproduktegesetz für vorgeschoben.

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Der Ständerat lehnt weitergehende Vorschriften zur Reduktion des Tabakkonsums ab, etwa ein ­Werbeverbot. Enttäuscht Sie als Präventionsmediziner diese Abwehrhaltung?
Ja, aber die vorgebrachten Argumente wie jene gegen das Werbeverbot sind nur vorgeschobene Begründungen. Hier findet ein Stellvertreterkampf statt. Hinter der Rückweisung des Tabakproduktegesetzes steht der Kampf der Tabakindustrie gegen einen Beitritt der Schweiz zum Rahmenübereinkommen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Eindämmung des Tabakgebrauchs. Die Tabakindustrie will jedoch selber nicht in Erscheinung treten. Deshalb überlässt sie das Feld dem Gewerbeverband, der gegen zusätzliche Regulierungen und Vorschriften kämpft.

Grafik: Tabakbranche in der Schweiz Zum Vergrössern hier klicken

Warum will die Tabakindustrie einen Beitritt der Schweiz zur WHO-Übereinkunft verhindern?
Die Schweiz ist einer der wenigen Produktionsstandorte, an dem noch Zigaretten mit derart hohen Schadstoffwerten produziert werden dürfen, dass sie etwa in der EU oder den USA nicht mehr zugelassen sind. Die Schweiz erlaubt also den Export von schädlichen Produkten, die sie ihrer eigenen Bevölkerung nicht mehr zumuten will. Weiter will die Tabakindustrie die Einführung des Track-and-Trace-Systems verhindern, mit dem man die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Tabakprodukten gewährleisten kann. Mit diesem System könnte man verfolgen, welche Lieferungen etwa in Entwicklungsländer gehen oder ob es einen Schwarzmarkt gibt.

Wie steht die Schweiz ­international da, wenn sie die WHO-Übereinkunft nicht ratifiziert?
Bisher sind rund 170 Länder beigetreten. Ich habe an internationalen Konferenzen mehrfach festgestellt, dass das Abseitsstehen der Schweiz überhaupt nicht verstanden wird. Das wird der Schweiz bald einmal ein grosses Reputationsproblem eintragen, wie sie es in der Vergangenheit schon in anderen Bereichen erlitten hat, etwa beim Finanzplatz. Die Schweiz betreibt ein Doppelspiel: Sie will einerseits in Genf den Sitz der Weltgesundheitsorganisation haben und erlaubt andererseits Produktion und Export von Tabakprodukten, die in Entwicklungsländern grosse Gesundheitsschäden verursachen. Die Zigaretten mit massiv höherem Teer- und Nikotingehalt führen dazu, dass bei den Rauchern eine stärkere Abhängigkeit entsteht und dass die Zigaretten noch schädlicher sind.

Die Tabakindustrie lobbyiert bei den Schweizer Parlamentariern mit dem Argument gegen das ­Tabakproduktegesetz, dass sie in der Schweiz für insgesamt rund 8000 Arbeitsplätze sorge.
Es ist eine ethische Frage: Will die Schweiz ein Produktions- und Umschlagplatz für Tabakprodukte sein, die in die Dritte Welt geliefert werden? Gesundheitsexperten aus der Dritten Welt haben mich darauf angesprochen. Die Schweiz redet sich heraus, indem sie die Verantwortung an die in diesen Ländern herrschenden Politiker abschiebt. Diese würden eben Tabakprodukte mit höherem Teer- und Nikotingehalt erlauben. Aber irgendwann wird sich die Schweiz auf internationalem Parkett die Frage gefallen lassen müssen, warum sie das zugelassen hat. Dahinter stehen die Interessen der Tabakindustrie mit ihren Produktionsstandorten und Konzernsitzen in der Schweiz. Diese befinden sich vor allem in der Westschweiz, weshalb vor allem Politiker aus der Romandie zu diesem Thema auffallend schweigen.

Im Ständerat wurde mit der ­Handels- und Gewerbefreiheit argumentiert, die durch das ­Werbeverbot für Tabakprodukte oder durch die Meldepflicht der Tabakindustrie für ihre ­Marketingaufwendungen tangiert werde. Können Sie diesem ­Argument nichts abgewinnen?
Es gibt keinen Grund dafür, dass die Schweiz für Tabakprodukte grosszügigere Regeln kennt als die EU. Dagegen wird nun die übliche Rhetorik aufgefahren, wonach jeder frei sei, selber über seinen Tabakkonsum zu entscheiden. Der Staat habe niemanden zu bevormunden. Aber wie gesagt: Das sind vorgeschobene Argumente, um in der Bevölkerung Stimmung gegen die Tabakprävention zu machen. Damit hat der Gewerbeverband schon das Präventionsgesetz erfolgreich bekämpft. Dahinter steht wie gesagt die Tabakindustrie, der es um etwas ganz anderes geht.

Dennoch: Hat die geltende ­Tabakprävention in der Schweiz etwas bewirkt?
In der Schweiz stagniert der Raucheranteil bei rund 25 Prozent. Bei den Jungen ist die Raucherquote schwankend, geht mal rauf, dann wieder etwas runter. Das Problem liegt bei den jungen Frauen, bei denen der Tabakkonsum zugenommen hat. Diese Entwicklung wird völlig unterschätzt. Lungenkrebs bei Frauen ist die einzige Krebserkrankung, bei der wir in der Schweiz steigende Zahlen haben. Fatal ist, dass es bei einem Konsum von einem Päckchen pro Tag 20 bis 25 Jahre dauert, bis sich der Lungenkrebs manifestiert. Das heisst, dass wir mit den Folgen des Zigarettenkonsums bei jungen Frauen zunehmend und sicher noch in den nächsten zwei Jahrzehnten oder später konfrontiert sind.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2016, 22:18 Uhr

Felix Gutzwiller
Der 68-Jährige leitete während 25 Jahren das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich. Von 1999 bis 2007 war er Zürcher FDP-Nationalrat und bis 2015 Ständerat.

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