Das Vollgeldsystem schützt vor Exzessen

Rudolf Strahm hat in seiner Kolumne der Vollgeldinitiative Mängel vorgeworfen, die nicht zutreffen. Die Vorteile für die Schweizer Wirtschaft liegen auf der Hand.

Ein Thema, das bewegt: Das Abstimmungsbüchlein und ein Flyer der Pro-Vollgeld-Initiative. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Ein Thema, das bewegt: Das Abstimmungsbüchlein und ein Flyer der Pro-Vollgeld-Initiative. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Damals: Dubiose Geschäfte einer Tessiner CS-­Filiale führten 1977 zu einem Verlust von 1,4 Milliarden Franken, gaben den Ausschlag für den historischen Chiasso-Skandal und führten zur SP-­Bankeninitiative. Ein Foto von 1979 zeigt, wie die stolzen Initianten, junge Frauen und Männer, die Unterschriften für die Bankeninitiative im Bundeshaus einreichen, und vorne rechts erkennt man den Ruedi Strahm. Die Initiative wird fünf Jahre später zwar abgelehnt, aber einige Begehren – internationale Rechtshilfe bei Steuerbetrug, besserer Schutz der Kleinsparer – werden vom Parlament realisiert.

Heute: Permanente Finanzkrise. Unsere Banken unterhalten ein Kasino, dessen jährliche Geldbewegungen auf eine Billiarde Franken geschätzt werden – eine Eins mit 15 Nullen.

Die Vollgeldinitiative zielt auf eine zentrale Ursache der ganzen Krise: Sie will die Realwirtschaft stärken und Exzesse auf den Finanzmärkten bekämpfen. Rudolf Strahm, der verdiente Politiker und renommierte Ökonom, Mitglied der SP, hat in dieser Zeitung die Initiative abgelehnt. Aber seine Begründungen basieren auf Missverständnissen und Unterstellungen.

Strahm meint, die Vollgeldinitiative wolle die Kreditgewährung zwischen Banken verbieten. Das ist nicht der Fall. Interbankenkredite schaffen kein neues Geld und sind nicht Gegenstand der Initiative. Die Initiative will nur die Gelderzeugung der Banken aus dem Nichts unterbinden. Strahm bestreitet, dass eine Bank allein Geld herstellen kann. Ein Irrtum – wie man auch bei der Nationalbank oder der Aargauer Kantonalbank nachlesen kann. Banken erzeugen neues Geld, wenn sie Kredite vergeben. Dass dies immer in Verbindung mit einem Kreditnehmer und nur mittels gewisser Reserven (etwa Mindestreserven, Einlagen und Eigenkapital) möglich ist, ändert nichts an der Tatsache, dass auch einzelne Banken Geld schöpfen.

Strahms Hauptthese aber lautet: Vollgeld wäre höchstens eine Lösung für eine Insel. Das entspricht dem zentralen Urteil des Nein-Komitees: «Ein Experiment mit unserem Geldsystem, enorm riskant und weltweit einmalig». Mit dieser Haltung wären 1848 die Schweiz und 1892 die direkte Demokratie nicht entstanden, und dank dieser «Vorsicht» ist das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt worden. Aber Strahm, der gestrenge Beobachter aller zukunftsorientierten Bewegungen – bedingungsloses Grundeinkommen oder Mikrosteuer auf dem Zahlungsverkehr –, begleitet diese mit destruktiver Kritik. Bei der Vollgeldinitiative sieht er zwar durchaus auch gute Ansätze: Hätte sie eine Eigenmitteldeckung von 10 oder gar 20 Prozent gefordert, um die Bankrisiken abzudecken, wäre die Fachwelt der Ökonomen einverstanden gewesen. Ja, also, warum schlug er dem Bundesrat nicht rechtzeitig vor, die Vollgeldinitiative mit einem solchen Gegenvorschlag zu parieren?

Die Wirtschaft stabilisieren

Worin besteht denn das Risiko der Vorlage? Die Initiative schlägt im Wesentlichen zwei Massnahmen vor: Der Zahlungsverkehr soll erstens ausserhalb der Bankbilanzen stattfinden. Damit werden unsere Lohnkonten und der Zahlungsverkehr vom Risiko möglicher Bankkonkurse gelöst. Die Banken sollen zweitens selber keine Schweizer Franken schaffen dürfen. Sie sollen ihre volkswirtschaftliche Aufgabe erfüllen: nur noch Geld sammeln und es an Investoren verleihen. Die Schaffung von schuldfreiem Geld ist gar nicht neu; das gab es in der Geschichte immer wieder. Zudem ist die Nationalbank frei, weiterhin auf dem Kreditweg Geld in Umlauf zu bringen und die Geldmenge kurzfristig zu steuern.

Die Warnungen der Gegner vor Kreditknappheit und höheren Zinsen verblassen bei genauer Betrachtung im Nichts. Vollgeld führt zu einer Stabilisierung der Wirtschaft und einer Normalisierung der Finanzpolitik der Nationalbank. Der Berner Ruedi Strahm sollte bei Mundartdichter Kurt Marti nachlesen:

wo chiemte mer hi / wenn alli seite / wo chiemte mer hi / und niemer giengti / für einisch z luege / wohi dass me chiem / we me gieng

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2018, 22:57 Uhr

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Oswald Sigg


Der ehemalige Vizekanzler und Sprecher des Bundesrats (2005 bis 2009) ist Mitglied der SP und ein Befürworter der Vollgeldinitiative.

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