Das Konsum-UFO der Araber ist gelandet

In Ebikon wurde das zweitgrösste Einkaufszentrum der Schweiz eröffnet – obwohl der Markt längst übersättigt ist. Eine Geschichte über Gigantismus dank Millionen aus Abu Dhabi.

Tops und Flops der Mall of Switzerland. Video: Tamedia/Nicolas Fäs, Caroline Freigang

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Dieses Ding ist ohne Zweifel beeindruckend. Seine gewölbte weisse Fassade erinnert ans Münchner Fussballstadion, die Allianz-Arena. Es könnte aber auch ein UFO sein, das hier in Ebikon notlanden musste – mitten im Siedlungsbrei vor den Toren Luzerns.

Experten nennen das UFO einen «Supertanker des Detailhandels». Nicht wegen seiner Form, sondern weil es im Markt maximale Verdrängungskraft besitzt. Mit rund 65'000 Quadratmeter Gesamtmietfläche ist die gestern eröffnete «Mall of Switzerland» das zweitgrösste Shoppingcenter der Schweiz. Es ist ein Drittel grösser als die führenden Zentren der Deutschschweiz, das Berner Shoppyland, die Zürcher Einkaufszentren Glatt und Sihlcity. Grösser ist nur das Shoppi Tivoli in Spreitenbach. Es wurde im Jahr 1970 eröffnet – in einem Land ohne Einkaufszentren.

Heute, 47 Jahre später, gibt es hier kaum noch eine Region ohne Einkaufszentrum. Der Markt ist übersättigt. Die «Mall of Switzerland», der Supertanker in Ebikon, wird entweder untergehen – oder die anderen verdrängen.

Fast 200 Shoppingcenter

15 Jahre dauerte es von der Idee bis zur Eröffnung – und schon ganz am Anfang war klar: Niemand braucht ein neues Einkaufszentrum. Als das Projekt 2003 vorgestellt wurde, hatte die Schweiz mit 1,8 Quadratmeter Detailhandelsfläche pro Kopf die höchste Verkaufsdichte weltweit. Tendenz: steigend. Im Jahr 2000 gab es 100 Einkaufszentren, heute sind es fast doppelt so viele. Im gleichen Zeitraum nahm die Verkaufsfläche in Shoppingcentern um 88 Prozent zu. Am grössten war der Zuwachs im Raum Luzern. Ausgerechnet dort, wo die «Mall» entstehen sollte.

Es brauchte sanften Druck, um der Bevölkerung ein noch grösseres Einkaufszentrum schmackhaft zu machen. Die Promotoren versprachen eine «Touristenattraktion mit internationaler Ausstrahlung». Und in Broschüren, die an alle Haushalte verteilt wurden, hiess es, dass das Vorhaben «weder die traditionellen Einkaufszentren noch die Altstadt Luzern konkurrenzieren» würde.

Das alles war gestern freilich kein Thema mehr. 30'000 Besucher wurden am Eröffnungstag erwartet, künftig sollen es 50'000 täglich sein. Zu bestaunen gab es einen Konsumtempel voller Superlativen. 88 Läden, 16 Restaurants, 12 hochmoderne Kinosäle (darunter die grösste Kinoleinwand der Schweiz), den landesweit grössten Indoor-Kinderspielplatz. Die Besucher kamen aus der ganzen Deutschschweiz, aus St. Gallen oder Basel – und sie schwärmten vom «wunderschönen» Center. Draussen stauten sich die Autokolonnen.

Mit 65'000 Quadratmetern das zweitgrösste Shoppingcenter der Schweiz: Die Mall of Switzerland im luzernischen Ebikon. (Video: Nicolas Fäs)

Peter Mühlemann hätte am Anblick der Kolonnen nur wenig Freude gehabt. Zehn Jahre lang war er Gemeinderat in Ebikon und während dieser Zeit ein erbitterter Feind der Mall. Mühlemann, der vor acht Jahren unerwartet im Amt verstarb, war kein SVP-Politiker, wie man ihn zu kennen glaubt. «Die Erde hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier», war sein Motto. Es stammt von Mahatma Gandhi. Sein Mantra für die Region: Eine gemächlich wachsende lokale Wirtschaft führt zu mehr Stellen und mehr Lebensqualität. Nicht aber eine «hingeklotzte Mammut-Investition».

Mühlemann war ein einsamer Rufer. Seine Gemeinderatskollegen standen geschlossen hinter dem Projekt. Das Stimmvolk stimmte 2005 einem entsprechenden Bebauungsplan mit 55 Prozent zu. Die Frage war nur: unter welchen Umständen.

Schindler, der in Ebikon ansässige weltweit grösste Rolltreppen-und-Lift-Hersteller, hatte das Projekt initiiert. Mühlemann sagte, Schindler habe seine Mitarbeiter damals per E-Mail aufgefordert, an der Gemeindeversammlung für die «richtige Stimmung» zu sorgen.

Zu grosses Risiko

Schindler hat die Sache immer dementiert. Tatsache ist, dass der Konzern neben seiner Fabrik eine 80'000-Quadratmeter-Wiese nicht mehr benötigte. Er wollte sie mit möglichst grossem Gewinn verkaufen.

Schindlers Pläne gingen nur halb auf. Ein Dutzend Investoren – darunter die Credit Suisse und die UBS – prüften das Projekt und lehnten ab. Die Begründung der CS, Sihlcity-Mitbesitzerin und grösste Bauherrin der Schweiz, lautete: «Der Markt ist zu klein, das Risiko zu gross.» Den Ebikonern wurde ein Geldgeber «aus der Nähe» versprochen. Stattdessen tauchte 2008 ein französischer Investor in Luzern auf, der aber bereits ein Jahr später wegen Geldproblemen wieder absprang.

Danach herrschte jahrelang Funkstille – bis 2014 der in Luxemburg domizilierte Immobilien-Investment-Arm der Abu Dhabi Investment Authority ins Projekt einstieg. Der zweitgrösste Staatsfonds der Welt soll den Golfstaat auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten. 828 Milliarden Dollar ist der Fonds schwer. Das BIP der Schweiz im vergangenen Jahr: 660 Milliarden Dollar.

Die «Mall of Switzerland» wird untergehen – oder alle verdrängen.

Es war, was man gerne als Win-win-Situation bezeichnet: Der Liftkonzern löste mit seinem Bauland einen Gewinn von 75 Millionen Franken, die Araber konnten ihr Geld in Schweizer Betongold investieren.

Zweifel oder gar Kritik am Investor gab es kaum. «Mich erstaunt, dass die Herkunft des Kapitals die Bevölkerung offenbar kaum beschäftigt», meinte kürzlich Hans Moos, der frühere CVP-Gemeindepräsident von Ballwil, gleich neben Ebikon. Ausgerechnet jene Leute hätten geschwiegen, die sonst nur schon beim Anblick eines Kopftuchs in Angstschweiss ausbrechen.

«Flächenvernunft»

Solche Kritik ist das eine. Dann gibt es auch harte Fakten. Thomas Hochreutener ist Direktor Handel beim Marktforschungsinstituts GFK und Verfasser der jährlich erscheinenden Branchenbibel «Detailhandel Schweiz». Das Jahr 2014 bezeichnete er als «Stahlbad» für die Branche. Doch 2015 kam es noch schlimmer: «Das Jahr ging mit einem Umsatzminus von 2,3 Prozent als dürrster Jahrgang der letzten 25 Jahre in die Annalen.» Am härtesten traf es die Shoppingcenter: minus 3 Prozent. Das habe viele Beobachter schockiert, schrieb Hochreutener – und erkannte gleichzeitig Zeichen der Besserung: «Immerhin scheint es, als komme das Shoppingcenter-Land Schweiz in eine neue Phase der Flächenvernunft.» Vergangen seien die Zeiten, als Jahr für Jahr massiv neue Flächen auf den Markt drängten.

Das war vor dem Investment aus Abu Dhabi. 450 Millionen Franken lassen sich die Araber das neue Einkaufszentrum kosten. Branchenexperten schüttelten verwundert den Kopf und tun es noch heute. Für Thomas Lang, Berater für digitale Unternehmen, sind Shoppingcenter als solches ein Auslaufmodell: «Ich kann mir keinen Investor hierzulande vorstellen, der in die ‹Mall of Switzerland› investiert hätte.» Angesichts der rasanten Digitalisierung des Detailhandels – letztes Jahr machten die fünf grössten Onlineshops mehr Umsatz als die fünf grössten Shoppingcenter – «hätte man einfach den Mut haben müssen, die Notbremse zu ziehen.»

Wer leidet?

Das Einkaufsverhalten der Menschen ändert sich, wird digital. Die Unsicherheit unter hiesigen Investoren wächst. Ohne Geld aus dem Ausland wäre gestern kein Einkaufszentrum eröffnet worden, sagt auch Fredy Hasenmaile, Leiter der Immobilienanalyse bei der CS. Er äussert leichte Skepsis, was die Zukunft des zweitgrössten Shoppingcenter der Schweiz angeht. Man müsse solche Orte als «Urban Entertainment Center» konzipieren, es brauche einen guten Mietermix, eine gute Leitung. «Hinreichend für den Erfolg ist dies jedoch nicht mehr.» Es gibt nur eine Sache, bei der Hasenmaile sicher ist: «Leiden werden vor allem die Einkaufsstrassen in den umliegenden Gemeinden.»

Davon will man am glorreichen Eröffnungstag in der «Mall of Switzerland» nichts hören. Heute ist ein Freudentag, ein Tag für Optimismus! «Aus voller Überzeugung» glaubt Jan Wengeler, der Direktor der «Mall» an den Erfolg. Sein Konzept reflektiere den Zeitgeist – Verlierer sieht er keine: «Die gesamte Region wird durch die Mall attraktiver.»

Das hofft auch der Gewerbeverein von Ebikon. Vielleicht sorge die Mall ja dereinst dafür, «dass mehr Leute ins Ebikoner Zentrum kommen». Der Wunsch des Gewerbevereins ging schneller in Erfüllung als gedacht. Tausende Menschen mussten gestern Abend wegen eines technischen Defekts aus der Mall evakuiert werden und ihr Geld woanders ausgeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2017, 20:47 Uhr

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