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«Die Sanitäter dachten, ich sei tot»

Schwer verletzt wurde Alain Roth, Präsident der Juso Oberaargau, bei Ausschreitungen in Paris. Daraufhin wollte ihn die Mutterpartei loswerden.

Alain Roth war Präsident der Juso-Oberaargau. Im vergangenen Jahr kandidierte er für den Nationalrat.
Alain Roth war Präsident der Juso-Oberaargau. Im vergangenen Jahr kandidierte er für den Nationalrat.
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Am Dienstag, 14. Juni 2016, nahm Roth an den Protesten gegen das Arbeitsgesetz in Paris teil...
Am Dienstag, 14. Juni 2016, nahm Roth an den Protesten gegen das Arbeitsgesetz in Paris teil...
Yoan Valat, Keystone
Alain Roth wurde nach der Demoteilnahme von der Gemeinderats- und der Stadtratsliste gestrichen.
Alain Roth wurde nach der Demoteilnahme von der Gemeinderats- und der Stadtratsliste gestrichen.
Bernerzeitung/ZVG
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Das Bild ging um die Welt. Alain Roth, 23, liegt schwer verletzt auf der Strasse in Paris. Eine Tränengas-Granate der Polizei hat ein blutiges Loch in seinen Rücken gerissen. Zusammen mit Freunden hatte der Präsident der Juso Oberaargau Mitte Juni an einer Grossdemonstration gegen die Arbeitsmarktreform in Frankreich teilgenommen. Seither wurde viel geschrieben, viel spekuliert. Die SP Langenthal strich Roth von der Kandidatenliste für den Gemeinderat und sorgte damit für einen Eklat unter den Genossen. Jetzt bricht der Berner sein Schweigen. Die «SonntagsZeitung» hat den Armee-Offizier im Oberaargau besucht.

Auf Youtube kursiert ein Video, das die Vorfälle vom 14. Juni in Paris zeigen soll. Video: NnoMan Cadoret, Youtube

Herr Roth, was ist die letzte Erinnerung, die Sie an den Vorfall in Paris haben?

Eigentlich weiss ich noch alles ganz genau.

Waren Sie nicht bewusstlos?

Nein, nie. Als sich das Geschoss in meinen Rücken bohrte, sackte ich zusammen, konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hörte die Sanitäter. Sie wollten mich wiederbeleben, dachten wohl, ich sei tot. Da war ich überzeugt: «Das wars, jetzt stirbst du.»

Doch Sie haben überlebt – mit schweren Verletzungen.

Ich habe viel Blut verloren. Dazu kamen grossflächige Verbrennungen und ein Wirbelbruch. Im Spital in Paris wurde ich sofort notoperiert. Danach folgten zwei weitere Operationen. Die Wunden hatten sich entzündet. Die Ärzte befürchteten, dass die Infektionen das Rückenmark angreifen und ich für immer querschnittgelähmt sein würde.

Spätestens da dürften Sie bereut haben, dass Sie an die Demonstration gereist waren.

Überhaupt nicht.

Trotz der Verletzungen?

Nein.

Das tönt jetzt etwas gar heldenhaft.

Ist aber so. Ich wollte nach vorne schauen.

Wie lange blieben Sie in Paris?

Zwei Wochen. Dann wurde ich mit der Ambulanz in das Berner Inselspital verlegt. Ich war noch nie so froh, zurück in der Schweiz zu sein.

Wie geht es Ihnen heute?

Noch bin ich täglich auf die Spitex angewiesen. Vor allem die Pflege der Wunden ist heikel. Bleibende Schäden werde ich aber nicht davontragen. Bald kann ich wieder arbeiten und mein Studium weiterführen.

Rückblickend: Waren Sie naiv? Sagen wir es so: Ich hätte nie damit gerechnet, dass ich an einer bewilligten Grossdemonstration so schwer verletzt werde. Ein blauer Fleck von einem Schlagstock, das kann passieren. Aber sowas? Mir wurde von hinten in den Rücken geschossen.

Die Proteste arteten aus. Ein Teil der Demonstranten griff die Polizei an. Auch die Polizei ging äusserst brutal vor. Egal von welcher Seite: Gewalt ist für mich kein Mittel. Ich will friedlich demonstrieren.

Friedlich, aber schwarz vermummt? Das ist doch ein Widerspruch.

Irgendwann habe ich mir ein Tuch vor den Mund gebunden. Das Tränengas war einfach unaushaltbar. Gewerkschafter neben mir haben ihre Fahnen zerrissen und sich mit den Stofffetzen geschützt.

Und wieso trugen Sie schwarze Lederhandschuhe?

Im Notfall kann man damit die heissen Tränengasgranaten aus der Menschenmenge wegschaffen.

Oder Gegenstände auf die Polizisten werfen.

Wie gesagt, Gewalt kommt für mich nicht in Frage. Ich habe nichts Illegales getan, es läuft auch kein Strafverfahren gegen mich.

Für die SP Langenthal war der Fall trotzdem klar: Sie sind ein Krawall-Tourist. Die Partei hat ihren Namen von der Kandidatenliste für den Gemeinderat gestrichen.

Man muss sich das mal vorstellen. Ich lag schwer verletzt im Spital, hatte Angst, nie wieder gehen zu können. Da rief mich die Parteileitung an und sagte: «Entweder du ziehst dich umgehend zurück, oder wir streichen dich noch heute von der Liste.»

Was haben Sie denn erwartet?

Dass die Parteileitung mich wenigstens zuerst mal fragt, wie es mir geht. Sich nach meinen Beweggründen erkundigt. So, wie es viele andere getan haben. Übrigens auch meine Vorgesetzten in der Armee.

Sie sind Offizier.

Ja, bei den Richtstrahlpionieren. Da war die Vermummung kein Thema. Auch sonst habe ich grossen Rückhalt gespürt. Das berührt mich noch immer. Als ich das erste Mal wieder raus ging, haben mich einige einfach nur umarmt und gesagt: «Schön lebst du noch, schön bist du zurück.» Das ist doch, was zählt. Oder nicht?

Parteien machen in erster Linie Politik.

Umso mehr enttäuscht mich das panische Verhalten der SP Langenthal. Nur weil ein paar Journalisten anrufen. Die Proteste in Frankreich treffen doch ein Kernanliegen der Sozialdemokratie: Der Kampf gegen die ausufernde Liberaliserung des Arbeitsmarktes. In diesem Kampf wollte ich die französischen Arbeiterinnen und Arbeiter unterstützen. Womit wir bei einem weiteren Ur-Gedanken der SP wären: Internationale Solidarität. Kein Wunder steckt die Sozialdemokratie in einer Krise, wenn die Partei ihre Grundausrichtung verwässert und nur noch den Mittewählern nachrennt.

Dann sind Sie aus der SP ausgetreten?

Die Sektion Langenthal werde ich auf jeden Fall verlassen. Das sind für mich keine Sozialdemokraten. Ich habe aber Angebote von anderen Sektionen. Ich muss mir das jetzt in aller Ruhe überlegen.

Also können Sie sich vorstellen, in der Politik zu bleiben?

Natürlich. Aktiv bleibe ich so oder so. Einerseits in der Juso, anderseits werde ich für meine Anliegen weiter auf die Strasse gehen. Jetzt erst Recht.

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