Das Schlimmste, jeden Tag – wie hält er das aus?

Vergewaltigungen, Kinderpornografie, sexuelle Handlungen mit Kindern, Tieren oder Toten: Der Ermittler Simon Steger beschäftigt sich mit nichts anderem.

«Gewöhnen kann ich mich nie daran»: Simon Steger leitet die Fachgruppe Sexualdelikte. Das heisst auch Bilder anschauen. Stundenlang. Illustration: Robert Honegger

«Gewöhnen kann ich mich nie daran»: Simon Steger leitet die Fachgruppe Sexualdelikte. Das heisst auch Bilder anschauen. Stundenlang. Illustration: Robert Honegger

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Was er sieht, übertrifft alles, was er bisher gesehen hat. Und das ist eine Menge bei 18 Jahren als Polizist, 11 Jahre davon bei der Kriminalpolizei. Er befindet sich in der Wohnung eines Mannes, der im Verdacht steht, Kinderpornografie konsumiert zu haben. Sofort ist klar: Es ist auch die Wohnung eines Messies. Und der Verdacht stimmt. Neben dem Bett des Beschuldigten, einer Matratze ohne Rost, liegen Fotos von sexuellem Missbrauch an Kindern. Allesamt ausgedruckt auf A4-Papier. Der Boden ist nicht mehr sichtbar, überall Papier. 160 Kilogramm insgesamt, rund 32'000 Blätter. Bis zum oberen Rand der Matratze.

Auch der Rest der Wohnung ist zugemüllt, mit Flaschen, leeren Verpackungen, überhaupt Abfall. Der Mann, der sich kurz vor der Hausdurchsuchung ins Ausland abgesetzt hat, stellt sich später der Polizei. Er ist vorbestraft wegen sexueller Handlungen mit einem Kind und wird erneut verurteilt – unter anderem wegen Verbreitung und Konsum von Kinderpornografie.

Simon Steger, der Polizist in der Wohnung, hat den Messie nie vergessen. Seit 11 Jahren ist er bei der Fachgruppe Sexualdelikte der Kriminalpolizei Luzern angestellt, seit Frühling 2016 leitet er sie. Täglich hat er mit Vergewaltigungen zu tun, mit Pornografie und Prostitution, mit Menschenhandel, Exhibitionismus, Schändung, Inzest. Er untersucht sexuelle Handlungen mit Frauen und Männern, Tieren und Toten. Und solche mit Kindern. Er befragt Täter, er befragt Opfer, wenn sie denn schon alt genug sind zum Reden. Was macht seine Arbeit mit ihm? Wie hält er sie aus?

Distanz schaffen, immer wieder

Steger, 41 Jahre alt, fester Händedruck, blonde Haarsträhnen im Gesicht, sagt zuerst einmal nichts. Und dann: «Gewöhnen kann ich mich nie daran. Dafür sind die Delikte, mit denen ich zu tun habe, zu schlimm. Aber bis anhin konnte ich gut mit ihnen umgehen.»

Was er sagt und wie er es sagt, klingt abgeklärt. Geradezu cool. Simon Steger sieht auch nicht aus, wie man sich einen Polizisten vorstellt. Er sieht aus wie ein Surfer. Und er ist tatsächlich einer. Wann immer er kann, surft er, die Sportart ist längst zu einem Lebensstil geworden. Deswegen als Polizist weniger zu arbeiten, ist seine Sache trotzdem nicht. Er arbeitet Vollzeit, mindestens. Die Fälle stapeln sich auf seinem Pult. Er arbeitet sie ab. Sie machen ihm sehr wohl etwas aus. Immer wieder erwähnt er die professionelle Distanz, sie sei unabdingbar in seinem Beruf. Sie komme aber nicht von selbst. Er habe sie sich erarbeitet. Immer wieder. Auch im Gespräch mit seinem Team, fünf Männern, vier Frauen. Sie sind auch privat befreundet. Das hilft. Zu Simon Stegers Arbeit gehört:

  • Der Mann, der seine Tochter über Jahre sexuell missbraucht. Die Ehefrau, die ihn einmal dabei ertappt und hofft, er höre damit auf.
  • Die junge Frau aus Osteuropa, die in Luzern zur Prostitution gezwungen wird. Die aus Angst vor ihrem Zuhälter jedoch nicht gegen ihn aus­sagen will.
  • Der Mann, der ein Bild des Models Heidi Klum in das Staubsaugerrohr steckt, um dann hinein zu ejakulieren. Weil es in ihm das Verlangen befriedigt, ihr ins Gesicht zu spritzen.

Was diese Erfahrungen langfristig bei ihm bewirken, kann Steger nicht beantworten. Er wisse es schlicht nicht, sagt er. Er wisse von Polizisten, die hätten 15, 20 Jahre im Beruf gearbeitet. Und dann habe ein einziges kinderpornografisches Bild, eine einzige Befragung eines Opfers alles zum Einstürzen gebracht. Sie hätten eine Pause einlegen oder ganz aussteigen müssen. Das Gleiche könne aber wohl auch einem Polizisten passieren, der mit Verbrechen gegen Leib und Leben oder Verkehrsunfällen zu tun habe. «Das ist quasi Berufsrisiko», sagt er. «Man weiss als Polizist nie, was kommt. Und was es mit einem macht.»

Das Schlimmste für Simon Steger sind Sexualdelikte an Kindern. Nicht nur, weil er selber Familie hat. Die Konsumenten von Kinderpornografie würden verkennen, dass hinter jedem Bild und Video das Schicksal eines Kindes stehe. Sie argumentierten, die Kinder würden die Aufnahmen «ebenfalls geniessen», sagt Steger, was «schlicht absurd» sei. Und sie redeten sich damit heraus, dass sie mit ihrem Konsum die Kinder ja nicht direkt schädigten. Auch das sei falsch. Mit jeden Klick im Netz werde das Kind, zumindest virtuell, erneut missbraucht. Dazu kommt: «Bei der Kinderpornografie bestimmt die Nachfrage klar das Angebot», sagt Steger. «Wenn die Männer die Bilder nicht mehr konsumieren, werden sie auch nicht mehr produziert.»

Täter sind fast immer Männer

Die Täter sind im Bereich der Kinderpornografie fast immer Männer. Erst ein einziges Mal hatte es Steger mit einer Frau zu tun. Ein typisches Profil eines Konsumenten gebe es nicht. Entsprechendes Material finde man in allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten – überhaupt auf erstaunlich vielen Datenträgern heutzutage, sagt Steger, oft stosse man per Zufall darauf.

Einteilen lassen sich die Konsumenten immerhin in Gruppen: Da sind die Kernpädophilen, die sich sexuell einzig von Kindern und Jugendlichen angezogen fühlen. Es gibt die sogenannt regressiven Täter, deren primäre sexuelle Orientierung auf Erwachsene gerichtet ist. Sie haben aus verschiedenen Gründen aber Probleme, mit diesen Beziehungen einzugehen, und greifen als Ersatz auf Kinder zurück. Da sind die «Gwundernasen», die «einfach mal schauen wollen, was das für Bilder sind», sagt Steger und meint es überhaupt nicht verharmlosend. Und schliesslich gibt es die Sammler, die kinderpornografisches Material regelrecht horten. Das Herunterladen von Bildern und Videos im Netz ist eine Sucht für sie – was sie sehen, erregt sie zwar, aber die Datenmenge ist längst zu viel. «Sie schaffen es nicht mehr, alles anzuschauen, was sie runterladen», sagt Steger. Es gehe vielmehr darum, die Bilder zu besitzen. Wie damals der Messie.

Überhaupt die Datenmengen: Sie hätten über die Jahre stark zugenommen, sagt Steger. Es sei nicht selten, dass sie auf konfiszierten Computern, Handys, Tablets und externen Festplatten ein paar Hunderttausend verbotene Bilder fänden. Oder noch mehr. Die Krux dabei: Die Polizisten müssen jedes einzelne Bild anschauen und kategorisieren. Was sieht man darauf? Ist es illegal? Ein sogenanntes Präferenzbild, ein Mädchen in Unterwäsche etwa, ist zwar nicht verboten, kann aber ein Hinweis sein, dass da irgendwo noch mehr zu finden ist. Also muss man weiterschauen.

Steger: «Ich stehe auf der guten Seite. Das hilft.»

Klick auf die Datei. Bild anschauen. Immer wieder. Stundenlang. Unterstützt werden Steger und sein Team von der IT-Forensik der Luzerner Kriminalpolizei. «Wir sagen unseren Leuten, dass sie das nicht länger als ein paar Stunden pro Tag machen sollen», sagt Steger. «Gleichzeitig ist jeder froh, wenn er einen Fall so rasch als möglich erledigt hat. Also sichtet er möglichst viele Bilder pro Tag.» Am Anfang habe sich das für viele «völlig absurd» angefühlt. Mittlerweile hielten sie es aus, weil sie wüssten, «etwas Wichtiges und Wertvolles» zu tun. Von sich selber sagt er: «Ich stehe auf der guten Seite. Das hilft.» Und auch das gehört zu Stegers Job:

  • Die Prostituierte, die gegen ihren Zuhälter ­aussagen will, mit dem Strafverfahren jedoch überfordert ist. Weil sie weder hier noch in ihrer Heimat eine Zukunftsperspektive hat.
  • Der Mann, der in ein Leichenschauhaus einbricht und dort die Leiche einer alten Frau ­sexuell schändet.
  • Die Frau, die ihren Mann während eines Scheidungsstreits anzeigt, weil er den Sohn missbraucht haben soll. Ob sie die Wahrheit sagt, ist schwer zu ermitteln, und das Kind leidet still.

An seine allererste Sichtung von kinderpornografischen Bildern kann sich der Polizist genau erinnern. Er bekam eine DVD in die Hand gedrückt, mit dem Auftrag, die darauf gespeicherten Fotos und Videos zu analysieren. Er sass allein vor dem Computer, und eine eigenartige Spannung befiel ihn. «Ich wusste, jetzt seh ich dann gleich schlimmstes Bildmaterial», sagt Steger rückblickend. «Zuvor hatte ich nie solche Bilder gesehen. Was, wenn sie mir gefallen? Wenn es zu kribbeln beginnt?»

Steger wirkt noch heute erleichtert, wenn er von diesem ersten Moment erzählt. Es kribbelte nicht, die Bilder stiessen ihn ab – «zum Glück», wie er sagt. Kein Ermittler wisse im Voraus, wie er auf solches Material reagieren werde. Mittlerweile bezeichnet Steger die Auswertung von kinderpornografischem Bildmaterial als «Kilo-Wäsche». Bis zu einem Grad habe sie ihn «abgestumpft». Aber wenn er sich das so richtig überlegt, in einem ruhigen Moment, dann empfindet er die Tätigkeit als «sehr belastend».

Schwierig auszuhalten sind insbesondere Fälle, die sich während der Ermittlungen plötzlich ausweiten. Wenn Steger auf Chatprotokolle stösst, aus denen hervorgeht, dass ein Mann mit Minderjährigen bereits virtuell oder echt in Kontakt getreten ist. Oder wenn der Ermittler auf dem gesichteten Material einen Gegenstand aus der Wohnung des Verhafteten erkennt und klar ist: Da hat einer nicht nur Kinderpornografie konsumiert – er hat diese auch selber hergestellt. In manchen Fällen erkennt Steger auf den Bildern sogar ein Kind, das ihm Tage zuvor bei einer Hausdurchsuchung die Tür geöffnet hat. Die Polizei suchte einen Verdächtigen und fand in der gleichen Familie auch – ein Opfer.

«Engstes Vertrauensverhältnis zerstört»

Dass Steger Opfern von Kinderpornografie helfen kann, ist selten. Sie bleiben für ihn meist anonym. Viel öfter hat er mit Frauen, Jugendlichen und Kindern zu tun, die Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. «Wenn mir Kinder erzählen, wie sie vom eigenen Vater, Onkel oder Bruder missbraucht wurden, ist das heftig», sagt er. «Da wird das engste Vertrauensverhältnis zerstört, das es wohl gibt – für immer.» Es tue weh, neben den Schilderungen der eigentlichen Missbräuche die Zerrissenheit der Kinder zu erleben, denen bewusst werde, dass sie mit ihren Aussagen geliebte Menschen aus dem nächsten Umfeld belasteten. Dieser persönliche Kontakt mit den Opfern, Steger sagt es mehrfach, belastet ihn viel stärker als das Sichten illegaler Bilder und Videos: «Bei den kinderpornografischen Fällen begegne ich den Opfern nur am Computer. Es bleibt abstrakt.»

Welchen Einfluss hat seine Arbeit auf die eigene Sexualität? Keine, sagt Steger. Man spalte das völlig ab. Wobei auch er schon von Polizisten gehört hat, die plötzlich nicht mehr mit der Ehefrau schlafen konnten. Die Kinder nicht mehr wickelten. Aus Angst, etwas falsch zu machen – oder plötzlich selber als Täter dazustehen. Andere bekämen Angst in eine andere Richtung. Viele Polizisten sähen überall nur Negatives, beschützten ihre Kinder übermässig, weil sie wüssten, was alles passieren könne. «Auch das gehört wohl zum Dasein eines Polizisten.»

Wenn es gekribbelt hätte, an jenem Tag, als er zum ersten Mal die Bilder sichtete – er weiss nicht, was er gemacht hätte. Zum ersten Mal im Gespräch schaut er einen ratlos an. «Vielleicht hätte ich mir Hilfe geholt», sagt er schliesslich. Dasselbe würde er tun, wenn er irgendwann merkt, dass ihn die Arbeit plötzlich mehr belastet. Wenn er beim Surfen nicht mehr abschalten könnte. Entsprechende psychologische Angebote gibt es innerhalb der Luzerner Kriminalpolizei. Aber bis dahin stören ihn die Rahmenbedingen seiner Arbeit mindestens so sehr wie deren Inhalt: zu wenig Leute, zu wenig Ressourcen, viel zu viele Fälle. Er spricht jetzt wieder, als mache er einen ganz alltäglichen Job.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2017, 23:18 Uhr

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