«Das kasachische Lobbying in der Schweiz ist tot»

Kommunikationsberater Marc Comina spielt eine Schlüsselrolle in der Kasachstan-Affäre. Er freut sich darüber, dass man Kasachstan in der Schweiz nun endlich richtig wahrnehme: als Diktatur.

Kommunikationsberater Marc Comina ist der Sprecher von Wiktor Chrapunow, dem ehemaligen Energieminister von Kasachstan, der heute in der Westschweiz lebt.

Kommunikationsberater Marc Comina ist der Sprecher von Wiktor Chrapunow, dem ehemaligen Energieminister von Kasachstan, der heute in der Westschweiz lebt.

(Bild: Keystone Christian Brun)

Dass die Schweiz im Moment wie von Sinnen über Kasachstan und die Winkelzüge einheimischen Lobbyismus spricht, ist ihm zu verdanken. Marc Comina, 50 Jahre alt, Sprecher von Wiktor Chrapunow, dem ehemaligen Energieminister von Kasachstan. Comina hat die NZZ bei ihren Recherchen in der Affäre Markwalder/Baumann unterstützt, bei der bekannt wurde, wie skrupellos das Regime in Astana das Schweizer Parlament zu beeinflussen versucht (lesenswert dazu auch der heutige Beitrag in der NZZ über den Kampf der kasachischen Clans). Comina ist überzeugt: Nach dieser Affäre wird sich kein Schweizer Parlamentarier mehr nach Kasachstan einladen lassen.

Herr Comina, Sie sind Sprecher von Wiktor Chrapunow, der beim kasachischen Regime in Ungnade gefallen ist. Sie müssen sehr zufrieden sein, wie sich der Fall Markwalder entwickelt hat.
Das kann man so nicht sagen. Wiktor Chrapunow freut sich, dass Asat Peruaschew und seine Ak-Schol-Partei als Scheinoppositionelle entlarvt wurden. Die Kollateralschäden für Politiker(innen) und andere, die freuen ihn nicht.

Die Gegenseite hatte gewichtige Akteure – Thomas Borer, Burson-Marsteller, die Zürcher Anwaltskanzlei Homburger, den privaten Nachrichtendienst Arcanum. Sie alle hatten ein Mandat der kasachischen Regierung. Ein unglaublicher Aufwand, um die Schweiz für die Sache Kasachstan zu gewinnen.
Die kasachische Diktatur hat unendliche Mittel für diesen Kampf. Die hat Wiktor Chrapunow nicht. Es ist ein Kampf mit ungleichen Spiessen.

Ganz arm ist auch Wiktor Chrapunow nicht.
Auf seiner Seite werden nicht enorme Summen aufgewendet. Er hat ein paar Anwälte und seit fünf Jahren einen einzigen Kommunikationsberater, mich. Weil es ein Kampf mit ungleichen Spiessen ist, freut es mich umso mehr, wie die Schweiz jetzt auf den Fall reagiert. In Grossbritannien, in Frankreich, in Italien und auch in Belgien sind höchste Kreise mit den Kasachen verbandelt. In der Schweiz hat das Immunsystem unserer Demokratie funktioniert. Die Diktatur hat es zwar geschafft, in der Schweiz einen Fuss in die Tür zu bekommen. Aber jetzt knallt ihr diese Tür mit voller Wucht ins Gesicht. Das kasachische Lobbying in der Schweiz ist tot. Über Jahre hinaus wird sich kein Parlamentarier mehr nach Kasachstan einladen lassen oder im Namen der Diktatur irgendwelche Vorstösse deponieren.

Also ist Ihr Kampf vorüber?
Nein. Noch sind mehrere Strafanzeigen in der Schweiz hängig. Wiktor Chrapunow, einer seiner Anwälte und ich wurden gehackt. Es gibt deutliche Hinweise, dass Kasachstan hinter diesen Angriffen steckt. Sie müssen sich dies vorstellen: Eine fremde Diktatur spioniert in der Schweiz einen Opponenten und seine Mitarbeiter aus. Unglaublich. Die Bundesanwaltschaft untersucht den Fall und wird bald entscheiden, ob sie gegen die Schweizer Auftragnehmer von Kasachstan aktiv wird. Auch das Asylverfahren von Wiktor Chrapunow ist immer noch nicht beendet. Der Kampf läuft auf Hochtouren, der Druck auf Chrapunow hält an. Dieser wird erst weichen, wenn das Rechtshilfegesuch der Kasachen definitiv gegenstandslos geworden ist.

Rechtfertigt der innerkasachische Streit diese enormen Summen, die ins Lobbying fliessen?
Wenn man sich vor Augen hält, gegen wen man kämpft, dann ganz sicher. Kasachstan leidet unter einer schrecklichen Diktatur. Es ist keine vier Jahre her, da wurden 15 Arbeiter auf offener Strasse erschossen, ihr angeblicher Anführer wurde später nach einem lächerlichen Schauprozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Dagegen muss man kämpfen! Und dagegen wird Chrapunow sein Leben lang kämpfen. Bis heute hat das kaum ein Echo gefunden. Vor einem Jahr haben wir sein Buch an 30 Journalisten in der Westschweiz geschickt. Keine Reaktion. Im Februar dieses Jahres ging die deutsche Übersetzung des Buches an 30 Deutschschweizer Journalisten. Ebenfalls keine Reaktion. Chrapunow kann sich bei Thomas Borer und Christa Markwalder bedanken. Dank den beiden wissen heute alle Schweizer, dass in Kasachstan eine schreckliche Diktatur herrscht.

Ihre Rolle in der ganzen Affäre ist trotz verschiedenen Texten zum Thema noch nicht ganz geklärt. Was haben Sie konkret gemacht?
Ich habe meinen Job gemacht. Ich erhalte ständig Anrufe von Journalisten, und natürlich helfe ich diesen. Es gibt allerlei Anfragen. Nicht alle können die Daten, die seit gut einem Jahr im Internet veröffentlicht werden, richtig lesen. Einige können sie lesen, haben aber keine Zeit dafür, und andere erhoffen sich, mit einem einzigen Anruf (oder sogar einer einzigen SMS) einen grossen Scoop zu landen. Bis vor kurzem wusste niemand, wo Kasachstan liegt und wer dort die wichtigsten politischen Akteure sind. Da ich seit fünf Jahren Sprecher von Wiktor Chrapunow bin, habe ich einen Wissensvorsprung – diesen habe ich mit den Journalisten geteilt.

Also haben Sie die NZZ auf das entscheidende Mail aufmerksam gemacht?
Es gibt nicht ein, sondern Dutzende von entscheidenden Mails. Ich habe alle Fragen der NZZ beantwortet, wie ich alle Fragen der Journalisten beantworte. Erlauben Sie mir aber, über die Details meiner Gespräche mit Journalisten zu schweigen.

Was unterscheidet eigentlich Ihre Arbeit von jener von Lobbyistin Marie-Louise Baumann, die verschiedene Parlamentarier nach Kasachstan einlud und hinter der Interpellation von Christa Markwalder stand?
Es gibt einen riesigen Unterschied: Sie arbeitet für eine Diktatur.

Haben Sie eigentlich kein schlechtes Gewissen, dass Sie als Lobbyist die unlauteren Methoden der Lobbyisten aufzeigen?
Ob es unlautere Methoden von Lobbyisten gab oder nicht, muss noch abgeklärt werden. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass es für mich als PR-Profi keine einfache Situation ist. Ich war Partner bei Farner, der grössten und ältesten PR-Agentur der Schweiz. Ich stehe zu meinem Berufsstand. Unser Kodex besagt, dass wir mit unserem Verhalten unserem Berufsstand nicht schaden dürfen. Diese Frage stelle ich mir auch im aktuellen Fall, und ich bin überzeugt, dass diese Affäre unseren Berufsstand besser und vor allem transparenter machen wird. Und ich bin davon überzeugt, dass der Ruf meines Berufsstands sich nur verbessern kann, wenn gewisse ethische Fragen, zum Beispiel, ob man für eine Diktatur arbeiten darf, öffentlich debattiert werden.

Schaden in der Affäre nimmt auch ihre ehemalige Partei, die FDP. Ist es nicht typisch, dass vor allem Vertreter des Freisinns involviert sind?
Der Artikel im «Tages-Anzeiger» versucht heute, der Parteienfrage eine Relevanz zu geben, die sie nicht hat. Die Fakten sind deutlich: In den Mails kann man verfolgen, wie Asat Peruaschew versucht hat, sich an eine Gruppensitzung der FDP einladen zu lassen. Die Parteileitung der FDP hat aber klar und deutlich abgelehnt. Asat Peruaschew hat auch versucht, ein Memorandum of Understanding zwischen seiner scheinliberalen Partei und der FDP zu erarbeiten. Daraus wurde nichts. Wenn die Parteizugehörigkeit mit dieser Geschichte überhaupt etwas zu tun hat, dann eher Richtung SVP. Die Interpellation von SVP-Nationalrat Christian Miesch im September 2014 wurde von fünf Parlamentariern der SVP, zwei der FDP und einem der SP unterschrieben. Und der einzige Parlamentarier, der als «Unser Freund» in den kasachischen Mails auftaucht, ist SVP-Nationalrat Christian Miesch.

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