Das grosse Geschäft im Wohnzimmer

Kriminelle werden Gärtner, und Pöstler bringen Drogen: Wie sich der Drogenmarkt in der Schweiz verändert hat.

Allein im Kanton Zürich wurden letztes Jahr mehr als 100 Indoor-Hanfplantagen ausgehoben.<br>Foto: PD

Allein im Kanton Zürich wurden letztes Jahr mehr als 100 Indoor-Hanfplantagen ausgehoben.
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Simone Schmid@MadameSchmid

Die Zahl ist erstaunlich: Im letzten Jahr hat die Kantonspolizei Zürich mehr als 100 Indoor-Hanfplantagen ausgehoben. Die heimlichen Gärtnereien wurden nicht in einer gezielten Razzia entdeckt – sondern das ganze Jahr über. Regelmässig fliegen Plantagen auf, weil sie zu stark riechen, weil es Brände oder Wasserschäden gibt und die Nachbarn der Polizei Hinweise geben. Von Birmensdorf bis Seuzach, Rüti bis Glattbrugg werden in Wohnungen und alten Industriebauten Pflänzchen gezüchtet. Die Experten sagen, dass das Geschäft mit Cannabis boomt. Und das bereitet den Fahndern Sorgen.

«Auch Dealer harter Drogen stellen auf Indoor-Hanfanbau um», sagt Peter Bächer, Chef der Ermittlungsabteilung Strukturkriminalität bei der Kantonspolizei Zürich. Mit einer grossen, professionellen Anlage, bei der mehrmals pro Jahr geerntet wird, erwirtschaftet man schnell einen Umsatz von mehreren Hunderttausend Franken. Ein Geschäft, das kriminelle Banden in den letzten Jahren für sich entdeckt haben – im Kanton Zürich, aber auch in anderen Teilen der Schweiz. «Die Anlagenbetreiber sind oft untereinander zerstritten, sie stehlen sich gegenseitig die Ernte und sind gewalttätig», sagt Bächer. Er nennt die Situation «gefährlich» und «brisant». Die Polizei sei sehr aktiv, um Selbstjustiz zu verhindern.

Ein Milliardenmarkt

Der Schweizer Cannabis-Markt hat sich durch die Verschärfung der Gesetze in den letzten Jahren fundamental ver­ändert. Gras wird fast nur noch indoor angebaut, es ist teurer geworden, und die Umsätze sind laut dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) trotz leicht sinkendem Konsum markant angestiegen. 2011 schätzte das Fedpol, dass jährlich Cannabis im Wert von rund 250 Millionen Franken verkauft wurde. Gras ist noch immer die am häufigsten konsumierte Droge – wie gross der Anteil am ganzen illegalen Drogenmarkt ist, kann jedoch nicht beziffert werden: Aktuelle Studien über den Schweizer Markt gibt es nicht. Die Zollverwaltung schätzt, dass 2012 ­illegale Drogen im Wert von rund einer Milliarde Franken in die Schweiz geschmuggelt wurden – dazu kommen noch jene Substanzen, die im Land selber produziert werden.

Das Cannabis-Geschäft war früher ganz in Schweizer Hand. Laut dem Fedpol dominieren zwar noch immer die Schweizer die Produktion und den Verkauf, rund die Hälfte wird im Land selber angebaut. Aber mittlerweile müssen die Schweizer das Geschäft mit ausländischen Geschäftsleuten teilen, die ent­weder Cannabis ins Land schmuggeln oder selber in der Schweiz anbauen.

«Seit der Umsatz mit Heroin sinkt, sind Gruppierungen aus dem Balkan am Diversifizieren», sagt Christian Schneider, Analytiker beim Fedpol. Neben ­Heroin wird nun vermehrt Cannabis nach Europa geschmuggelt, hauptsächlich aus den Anbaugebieten in Albanien. «Offensichtlich gibt es mehr Grasschmuggel in die Schweiz, als wir bis ­anhin gedacht haben», sagt der Fedpol-Analyst. Die Ware wird zum Beispiel in ausgehöhlten Granitblöcken über die Grenze gefahren, oder in Koffern, die in Linienbussen deponiert und am Busbahnhof wieder abgeholt werden.

Schweizer setzten auf Kontinuität

Die Feinverteilung der Drogen verläuft dann meistens über mehrere, voneinander unabhängige Stufen. «Für die albanischen Netzwerke werden Leute auf dem Balkan angeworben, die für ein paar Monate in die Schweiz kommen und in einer Wohnung dealen», sagt ­Peter Bächer. Normalerweise gebe es auf Schweizer Boden drei untergeordnete Funktionen: einen Drogentransporteur, einen Dealer und einen Geldkurier. ­Organisiert werde vom Ausland aus und der Gewinn werde oft als Bargeld wieder aus dem Land geschafft.

Die Schweizer Banden setzen beim Cannabis-Verkauf mehr auf Kontinuität. Laut Kantonspolizei Zürich wird die Ware meist über private Kanäle ab­gesetzt, über Freundeskreise und in ­Privatwohnungen. Eine britische Studie, die auf Interviews mit Häftlingen beruht, zeigte, dass in Grossbritannien fast der gesamte Cannabis-Handel nicht im öffentlichen Raum stattfindet, sondern in engen Freundeskreisen. «Solche Studien wurden in der Schweiz noch nie durchgeführt, aber wir nehmen an, dass die Situation ähnlich ist», sagt Fedpol-Analyst Schneider. Auch Partydrogen würden über private Kontakte verkauft. «In Zürich besorgt man sich nur Heroin und Kokain im grossen Stil auf der Strasse», sagt auch Peter Bächer.

Im Unterschied zu den ausländischen Banden müssen die Schweizer Produzenten das Geld hier waschen. «Da wird meistens mit Scheinbetrieben operiert, irgendetwas muss ja auch den hohen Wasser- und Stromverbrauch tarnen», sagt Bächer. Ob Pizzeria oder Schreinerei: Der Fantasie sei beim Erfinden von Tarnfirmen keine Grenzen gesetzt.

Drogenpakete mit der Post

Ein neues Phänomen ist der Verkauf von Cannabis, Kokain, Heroin oder Amphe­tamin im Internet. Statt Strassendealer liefern heute vermehrt unwissende Pöstler illegale Drogen aus. Offenbar hat über die Dimensionen in diesem Bereich noch niemand einen Überblick, jede ­befragte Person gibt wieder andere Antworten. Sicher ist: Drogen können im Darknet bestellt werden und werden auch in die Schweiz ausgeliefert, an Konsumenten wie auch an Zwischenhändler. In den Post-Verteilzentren findet die Zollverwaltung bei Stichproben alle möglichen Drogen, die Sendungen variieren von Kleinmengen bis zu grösseren Lieferungen. «Plattformen wie Silkroad spielen eine Rolle», sagt der Fedpol-Analyst. Die Schweizer Strafverfolgungs­behörden seien aber erst daran zu verstehen, wie gross das Ausmass ist.

Für die Arbeit der Ermittler spiele es jedoch keine Rolle, ob die Drogen per ­Internet bestellt oder direkt bei einem Dealer gekauft würden, sagt Peter Bächer: «Die Dealer müssen Drogen einführen oder herstellen, portionieren, verpacken, verkaufen, versenden, einkassieren und Geld oder Kryptowährungen waschen.» Bei all diesen Tätigkeiten hinterlasse man irgendwo Spuren. Indem die Polizei die unterschiedlichen Spuren verfolge, komme man den Banden auf die Schliche.

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