Computer statt Wandtafel

Economiesuisse regt an, die Kinder in Mathematik und Deutsch nicht nach Alter, sondern nach Niveau zu unterrichten – mithilfe digitalen Unterrichts.

In der Schultasche mit dabei: Das digitale Hilfsmittel. Foto: Kryssia Campos  (Getty Images)

In der Schultasche mit dabei: Das digitale Hilfsmittel. Foto: Kryssia Campos (Getty Images)

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Es ist eine paradoxe Aufgabe: Die Schulen müssen die Arbeitskräfte von morgen auf eine wirtschaftliche Zukunft vorbereiten, die sie gar nicht kennen. Schätzungen zufolge werden zwei Drittel der heutigen Schüler dereinst in Jobs und Funktionen arbeiten, die es noch nicht gibt. Die Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt rasant – und die Wirtschaft ist unzufrieden, wie die Schulen auf diese Entwicklung reagieren. Deshalb drückt sie jetzt aufs Tempo: Ein halbes Jahr bevor grosse Kantone wie Zürich und Bern den Lehrplan 21 einführen, hat der Dachverband Economiesuisse gestern seine Forderungen für einen digitalisierten Unterricht vorgestellt.

Zum einen geht es der Wirtschaft um das neue Fach Medien und Informatik, das künftig ab der Mittelstufe mit mindestens einer Wochenlektion unterrichtet wird. Economiesuisse bereitet Sorgen, dass es in manchen Kantonen auf Kosten der Mathematik eingeführt werden soll, wie Chefökonom Rudolf Minsch sagt. Das sei angesichts des Mangels an Mint-Fachkräften kontraproduktiv. Wichtig sei zudem, dass Informatikinhalte auch in andere Fächer diffundierten – dass etwa im Zeichenunterricht Bilder digital bearbeitet würden. Doch auch dafür seien die Voraussetzungen in den Schulen nicht ideal: Insbesondere ältere Lehrkräfte verfügten nicht über ausreichend Kenntnisse, um den Schülern diese Inhalte näherzubringen. Economiesuisse schlägt deshalb vor, Informatiklehrlinge oder -studenten als Klassenassistenten einzusetzen.

Klassen auflösen?

Doch die Wirtschaft geht noch viel weiter: Nach ihrem Willen soll die Schule nicht nur neue Inhalte anbieten, sondern sich komplett neu organisieren. Konkret sollen Primarschüler künftig in den beiden Kernfächern Mathematik und Deutsch «digital» unterrichtet werden. Individualisierte Lernformen wie Wochenpläne würden bislang durch den enormen Aufwand für die Lehrer erschwert, sagt Minsch. Mit computerbasierten Lernprogrammen sei es fortan wesentlich einfacher, die Lernfortschritte zu kontrollieren und zu dokumentieren.

Die Forderung birgt Sprengkraft, denn der Wirtschaftsdachverband verknüpft den digitalen Unterricht mit einer Aufweichung der Stammklassen: Die Primarschüler sollen in Mathe und Deutsch nicht mehr in ihren Jahrgangsklassen, sondern nach Niveau unterrichtet werden – analog den Leistungsklassen in der Oberstufe. «Wir müssen von der irrigen Meinung loskommen, alle Schüler gleich weit bringen zu können», sagt Minsch dazu. Die Kombination aus leistungsbasierten Klassen und individuellem digitalem Lernen verspreche den grössten Schulerfolg in den beiden Kernfächern – sowohl für die starken als auch für die schwachen Schüler. Minsch ist überzeugt, dass diese Unterrichtsstruktur der Schule den Weg in die Zukunft weisen wird: «Es ist nicht die Frage ob, sondern wann dieses Modell kommt.»

Das beurteilt der Lehrerdachverband LCH indes anders. «Der individuelle Lernprozess kann künftig auch digital abgebildet werden, ohne die Stammklassen aufzulösen», sagt Präsident Beat W. Zemp. Die Lehrerschaft und die Kantone wehren sich zudem gegen den Vorwurf, die Digitalisierung zu zögerlich in die Schulzimmer zu integrieren. Bei der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) heisst es, die Kantone setzten sich intensiv mit deren Auswirkungen auf die Bildung auseinander. Noch im laufenden Jahr werde eine Strategie zum Thema erarbeitet. Und der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver warnt davor, angesichts der neuen computerbasierten Lernprogramme in «Goldgräberstimmung» zu verfallen. Gerade weil die Digitalisierung alles tiefgreifend verändere, sei es wichtig, dass die Schüler nicht vor den Computern vereinsamten.

«Es geht um die Haltung»

Der perfekte Umgang mit den technischen Geräten sei zweitrangig, zumal diese in einigen Jahren bereits wieder überholt seien, so Pulver. Stattdessen müsse sich die Schule eben gerade auf ihre klassische Aufgabe besinnen: «Sie muss den Schülern eine Haltung vermitteln. In diesem Fall die Haltung, keine Angst vor Veränderungen zu haben und Innovationen offen zu begegnen. Das ist nur im zwischenmenschlichen Austausch möglich.»

Das beurteilt Zemp ebenso: «Das Klassenzimmer und die Lehrer werden durch die Digitalisierung keineswegs überflüssig.» Der oberste Schweizer Lehrer begrüsst es, dass auch Economiesuisse dies im Forderungspapier betont. Der Wirtschaftsdachverband verweist auf Studien, denen zufolge soziale Kompetenzen künftig auf dem Arbeitsmarkt sogar eher noch stärker nachgefragt sein werden.

Die sozialen Kompetenzen kämen allerdings gerade in den digitalen Leistungsklassen, wie sie der Wirtschaft vorschweben, zu kurz, gibt Zemp zu bedenken. «Die Schüler lernen in heterogenen Klassen viel voneinander.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2018, 00:03 Uhr

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