China sucht Anschluss an Cargo sous Terrain

Neben Migros, Coop, Post und Swisscom will auch die chinesische Firma Dagong in das Transportsystem investieren.

Unterirdisch wäre besser: Die Dagong-Gruppe möchte mit Cargo sous Terrain seine eigenen Verkehrsprobleme wie hier in Peking lösen. Foto: Getty Images

Unterirdisch wäre besser: Die Dagong-Gruppe möchte mit Cargo sous Terrain seine eigenen Verkehrsprobleme wie hier in Peking lösen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann aus China steht neben Verkehrsministerin Doris Leuthard. Er trägt eine randlose Brille, lächelt, wirkt locker. Um die beiden herum stehen weitere Shareholder, alles Männer: Leuthard und die Tunnelbohrer. Das Erinnerungsfoto entstand letzte Woche in Bern, kurz vor der grossen Pressekonferenz im Hotel Bellevue. An der verkündet wurde, dass die unterirdische Güterbahn Cargo sous Terrain Wirklichkeit werden könnte, die 100 Millionen Franken für die Planung der Pilotstrecke ­Härkingen–Zürich beisammen sind. Dank den Chinesen.

Der Mann aus China heisst Jianzhong Guan und ist Verwaltungsratspräsident der Dagong-Gruppe. «Um das Investment in der Schweiz kümmert er sich persönlich», sagt Daniel Wiener, Verwaltungsrat bei Cargo Sous Terrain und zuständig für die Investorenbeziehungen. Guan sei extra aus Peking angereist. «Der Vorsitzende Guan ist beeindruckt vom Unternehmergeist der Schweizer Fachleute, ermutigt und hoch motiviert nach seinem Besuch bei Bundesrätin Doris Leuthard», teilt seine Firma auf Anfrage schriftlich mit.

Leuthard, Guan und die Tunnelbohrer. Foto: ZVG

Jianzhong Guan ist ein ungewöhnlicher Investor. Seine Firma sollte eigentlich nur zusehen, was andere treiben: Die Dagong Global Credit Rating Co. mit Sitz in Peking ist die bekannteste Ratingagentur Chinas, prüft also die Zahlungsfähigkeit von Firmen und Staaten. Sie entstand 1994 und sieht sich als Alternative zu den US-Agenturen Moody’s, Fitch sowie S & P, denen sie Parteilichkeit sowie jüngst (nicht ganz zu Unrecht) Versagen in der Kreditkrise vorwirft.

Genau das sei der Sinn dieser Firma, sagen Kritiker: die USA ärgern.

Diesen Monat hat Dagong zum wiederholten Mal die Kreditwürdigkeit der USA herabgestuft – auf Ramsch-Niveau. Und genau das sei der Sinn dieser Firma, sagen Kritiker: die USA ärgern. US-Nobelpreisträger Paul Krugman nannte Dagong 2010 «ein Werkzeug der chinesischen Politik als unabhängige Agentur». «Politik machen mit Länder-Ratings», urteilt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung».

Jianzhong Guan hält dagegen: Dagong sei ein «privates Unternehmen» ohne jeden staatlichen Hintergrund, sagt er in Interviews, er selber sei Hauptinhaber. Dass die Führung Chinas ihren Einfluss geltend machen wird, bezweifelt aber kaum jemand. Guan (51) ist seit seiner ­Jugend Mitglied der Kommunistischen Partei und arbeitete vor 1994 für eine chinesische Staatsfirma in New York.

Die Jury turnt selber mit

Dass eine angeblich neutrale Ratingagentur selber zur Investorin wird, ist kurios. Wie wenn die Jury der Leicht­athletik-WM plötzlich mitturnen würde. Das Projekt in der Schweiz sei «das erste Infrastrukturinvestment» für Dagong weltweit, teilt die Firma mit. Sie hat ­Büros in Mailand und Frankfurt.

«Überraschend» findet den Vorgang Rupert Hoogewerf, der in Shanghai die einflussreiche chinesische Reichstenliste Hurun-Report erstellt und einen guten Überblick über private Investoren hat. «Ungewöhnlich», sagt auch der ehemalige Wirtschaftskorrespondent der «Süddeutschen Zeitung» in China, Marcel Grzanna, der Jianzhong Guan mehrfach getroffen und ihn als zugänglichen, in­teressierten Unternehmer kennen gelernt hat. Doch chinesische Firmen seien eben pragmatisch, sagt Grzanna, gingen dorthin, wo das Geld sei.

Der Kontakt in die Schweiz kam laut Cargo-Sous-Terrain-Verwaltungsrat Daniel Wiener über ihn zustande. Wiener, ein Ökonom aus Basel mit eigener Beratungsfirma, ist auch Präsident der Stiftung Global Infrastructure Basel (GIB). Diese hat Kriterien für die Nachhaltigkeitsbewertung von Infrastrukturprojekten weltweit entwickelt. Dagong habe sich vor etwa vier Jahren gemeldet und die Basler Standards in ihr eigenes Ratingsystem integriert, was die Schweizer gefreut habe.

So soll die unterirdische Metro funktionieren. Video: CST

Im Gespräch über sinnvolle Bewertungsarbeit habe Wiener dann «fast nebenbei» das Projekt Cargo Sous Terrain (CST) erwähnt: «Ich war selber überrascht, dass Dagong finanziell einsteigen wollte», sagt er. Denn auch er habe Dagong bis dahin nicht als Investor wahrgenommen. Dass Dagong primär eine Ratingagentur ist, stellt für Wiener kein Problem dar: «Sollte es je ein Projekt-Rating von CST geben, wird sicher nicht Dagong damit beauftragt.»

Wie viel die Chinesen in der Schweiz investieren, wird erst verraten, wenn der Bund die Kapitalzusagen geprüft hat. Klar ist: Es sind weniger als 50 Millionen Franken. Denn von den insgesamt zugesicherten 100 Millionen stammen mehr als die Hälfte aus der Schweiz, von namhaften Investoren wie Migros, Coop, Post, Swisscom.

Eine offizielle Weisung des Bundes­rats gab es nie, aber den Verantwortlichen wurde deutlich gemacht, dass ein solches Grossprojekt unter dem Heimatboden nicht von ausländischen Investoren kontrolliert werden dürfe. «Es ist der starke Wunsch des Bundesrats, dass die Mehrheit der Investitionen aus der Schweiz stammt», bestätigt Olivia Ebinger vom Bundesamt für Verkehr.

Diesen Wunsch habe man erfüllen können, sagt Wiener – unter Schmerzen, denn im Ausland sei die Begeisterung für das Projekt riesig: «Wir konnten die Investoren auswählen, gerade in China.»

«Wir glauben, dass das CST-System eine Lösung für unsere Probleme sein kann.»Jianzhong Guan, VR-Präsident Dagong

Entschieden hat man sich nun für zwei ausländische Partner. Die französische Firma Meridiam hat Erfahrung mit Infrastrukturprojekten in Europa, den USA und in Afrika, etwa mit Häfen und Autobahnen. Die chinesische Dagong dagegen fungiere als «Beschleunigerin», sagt Wiener: «China hat einen völlig anderen Innovationsrhythmus.» Gemeint sei explizit nicht das Schweizer Gesetzgebungsverfahren, daran werde nicht gerüttelt. Sondern alles danach.

An der Pressekonferenz in Bern machte Jianzhong Guan klar, dass die Re­alisierung einer solchen Tunnelbahn in China schneller möglich sei als in der bewilligungsintensiven Schweiz. Es sei deshalb «sehr gut möglich», sagte er, dass Cargo sous Terrain den Betrieb zuerst in China und nicht in der Schweiz aufnehme. Offensichtlich geht es ihm nicht um die Verbindung Härkingen–Zürich, sondern um die Technologie im Stollen.

China hat bereits mehr als ein Dutzend Städte mit über 10 Millionen Einwohnern, und diese Städte ersticken im Verkehr und Smog. Die Verlagerung des Gütertransports unter die Erde wäre ­attraktiv: «Die Dagong-Gruppe fühlt sich in der Pflicht, das Cargo-Sous-Terrain-System zu exportieren und für den chinesischen Markt anzupassen. Wir glauben, dass das CST-System eine Lösung für unsere Probleme sein kann und wird», teilt Dagong auf Anfrage mit.

Schnell nach China damit

Dieser Wille zum Technologietransfer sorgt nicht für Verunsicherung bei Cargo sous Terrain, im Gegenteil. Man habe stets «global gedacht», sagt Daniel Wiener. Noch sei nichts spruchreif, aber ein Lizenzverfahren vorstellbar.

Betriebswirtschaftlich macht der chinesische «Beschleuniger» sicher Sinn. «Über einen so potenten Partner erfährt die Schweizer Technologie Schub», sagt der Chinakenner und Schindler-Kader Kurt Härri per Telefon aus Shanghai. Zugleich verliere eine Firma so ihre Technologie aber auch aus dem exklusiven Besitz. China investiert in die Entwicklung und nimmt die Entwicklung mit. Die Regierung in Peking baue derzeit «brutalen Druck» auf, sagt Härri, weise alle Firmen an, neue Ideen heimzubringen. Gerade die urbanen Verkehrsprobleme seien drängend.

Chinesische Firmen investieren vermehrt in Europa und in der Schweiz. Gemäss einer Studie von Bisnode D & B hatten 2017 mehr als 80 Schweizer Firmen direkte chinesische Eigentümer. Die Übernahmen von Gate Gourmet und Syngenta sind die bekanntesten Fälle.

Wenn Chinesen in der Schweiz investieren, weckt das Ängste.

Das weckt Ängste, gerade im Bereich Infrastruktur. In derselben Woche, da Jianzhong Guan in Bern war, sprach sich die Energiekommission des Nationalrats dafür aus, den Verkauf von strategischen Infrastrukturen der Energiewirtschaft ins Ausland zu unterbinden.

Besonders schwierig an chinesischen Beteiligungen ist zudem, dass hinter fast allen chinesischen Firmen früher oder später der chinesische Staat zu stecken scheint. Die Schweizer Führung von Cargo sous Terrain geht davon aus, dass das bei Dagong nicht der Fall sei; man habe Dagong nach bestem Wissen prüfen lassen, sagt Daniel Wiener. Aber vielleicht sei das gar nicht die entscheidende Frage, denn ohne Billigung des Staates komme in China eh kein Unternehmen voran: «Das Investment muss für uns deshalb auch dann funktionieren, wenn ganz weit hinten trotzdem der chinesische Staat stünde.»

Chinakenner Härri sagt: «Es kann fast nicht sein, dass der Staat bei einem solchen Investment nicht dahintersteht.» Angst sei dennoch nicht angebracht: «Die Chinesen wollen keine Tunnel unter der Schweiz, sondern die Technologie.» Die Prüfung der Investoren obliegt nun dem Bundesamt für Verkehr. Sie werde, heisst es dort, «nach üblichen Sorgfaltsregeln» durchgeführt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2018, 20:48 Uhr

Unterirdisch durchs Land

Cargo sous Terrain

Das Projekt will Güter und Pakete 20 bis 40 Meter unter die Erde bringen und mit 30 km/h führerlos durch Tunnel befördern. Das soll Strasse und Schiene entlasten sowie die Landschaft schützen. Die Kosten sind auf 33 Milliarden Franken veranschlagt. Das erste Etappenziel der privaten AG ist erreicht: Mit 100 Millionen Franken soll die Teilstrecke von Härkingen/Niederbipp SO nach Zürich geplant und vorangetrieben werden. Deren Baukosten liegen bei 3 Milliarden. Nun soll der Bund ein Rahmengesetz erstellen. CST rechnet mit Baubeginn 2023. (dhe)

Karte

Artikel zum Thema

100 Millionen Franken für Güter-U-Bahn gesammelt

«Cargo sous terrain» will den Gütertransport unter die Erde bringen. Das Projekt ist nun einen Schritt weiter. Mehr...

Im Tiefenrausch

Analyse Die Idee, den Güterverkehr vom Parterre in den Soussol zu verlegen, klingt verlockend logisch. Einfach zu verwirklichen ist sie nicht. Mehr...

Unterirdisch durch die Schweiz

Video Eine Metro von St. Gallen bis Genf, und zwar für Güter. Jetzt treten grosse Player auf den Plan. Über Kosten, Etappen und Nutzen einer Jahrhundertidee. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerspuckender Drache: Zur Feier des chinesischen Neujahrs lässt eine Folklore-Gruppe auf den Strassen von Peking die Funken sprühen. (18. Februar 2018)
(Bild: Jason Lee ) Mehr...