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Céline verliert vor Gericht – Bayer muss keinen Schadenersatz zahlen

Die junge Frau Céline hatte nach Einnahme der Antibabypille Yasmin eine Lungenembolie erlitten. Ihre Schadenersatzklage gegen den Hersteller wurde jetzt vom Bundesgericht abgewiesen.

Der Arzt hätte über die Risiken informieren müssen: Mitarbeiter in der Yasmin-Verpackungsabteilung im Berliner Supply Center von Bayer.
Der Arzt hätte über die Risiken informieren müssen: Mitarbeiter in der Yasmin-Verpackungsabteilung im Berliner Supply Center von Bayer.
Matthias Lindner, Keystone

Céline war 16 Jahre alt, Nichtraucherin und kerngesund, als sie Anfang 2008 zum ersten Mal das Verhütungsmittel Yasmin einnahm. Wenige Wochen später erlitt sie eine beidseitige Lungenembolie und als Folge des Sauerstoffmangels eine schwere Hirnschädigung. Seither ist sie spastisch gelähmt und muss permanent betreut werden.

Célines Familie verklagte den Yasmin-Hersteller Bayer auf 5,3 Millionen Franken Schadenersatz sowie 400'000 Franken Genugtuung – und verlor vor Bezirksgericht und Obergericht. Nun hat auch das Bundesgericht die Klage abgewiesen. Das Pharmaunternehmen hafte als Hersteller der Verhütungspille nicht für die schwere Gesundheitsschädigung der Frau.

Sie hatte vor gut fünf Jahren die Antibabypille Yasmin von Bayer wenige Wochen eingenommen und eine Lungenembolie erlitten: Die damals 16-Jährige Céline (rechts).
Sie hatte vor gut fünf Jahren die Antibabypille Yasmin von Bayer wenige Wochen eingenommen und eine Lungenembolie erlitten: Die damals 16-Jährige Céline (rechts).
Screenshot SRF
Hormonale Verhütungsmittel (Yasmin von Bayer ist nur eines von vielen) stehen im Verdacht, dass sie unter bestimmten Bedingungen Lungenembolien auslösen können: Schachteln der Bayer-Pille Yasmin.
Hormonale Verhütungsmittel (Yasmin von Bayer ist nur eines von vielen) stehen im Verdacht, dass sie unter bestimmten Bedingungen Lungenembolien auslösen können: Schachteln der Bayer-Pille Yasmin.
Keystone
Hatte sich mit Yasmin auch in den USA in Auseinandersetzungen verwickelt: Der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer, hier ein Werk in Leverkusen.
Hatte sich mit Yasmin auch in den USA in Auseinandersetzungen verwickelt: Der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer, hier ein Werk in Leverkusen.
Keystone
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In seiner Argumentation folgte das Bundesgericht dem Zürcher Obergericht: Den Patienten fehle bei rezeptpflichtigen Medikamenten in der Regel das nötige Fachwissen, um die Gefahren richtig einschätzen zu können. Deshalb müsse der Arzt über diese informieren. Es sei aus diesem Grund nicht zu beanstanden, dass Bayer auf das allenfalls höhere Risiko einer Embolie nur in der Fachinformation für Ärzte hingewiesen habe − nicht aber in der Patienteninformation zu Yasmin. Der Beipackzettel der Verhütungspille hatte keinen Hinweis auf ein erhöhtes Thromboserisiko enthalten.

Für Célines Anwalt Felix Rüegg ist es «einigermassen erstaunlich», dass dem Beipackzettel der Verhütungspille produkthaftpflichtrechtlich keine Bedeutung zukommen soll. «Damit wird der Beipackzettel überflüssig, umso mehr werden die Ärzte in die Pflicht genommen», sagt Rüegg. «Das wird sicher noch zu reden geben.» Es sei zudem bevormundend, dass die Frauen keinen Anspruch darauf hätten, sich selber informieren zu können.

Die Angehörigen von Céline seien «sehr enttäuscht» über das Urteil. Sie hätten bis zum Bundesgericht prozessiert, um von Bayer die finanziellen Mittel zu erhalten, damit Céline aus dem Heim nach Hause geholt werden könne. «Jetzt geht die teure Heimbetreuung von Céline voll zulasten der Allgemeinheit», sagt Rüegg. «Bayer hat den Gewinn aus dem Pillenverkauf.»

Anwalt prüft Vorgehen gegen Gynäkologen

Einen Weiterzug des Urteils an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg hält der Anwalt für chancenlos. Auf jeden Fall prüfen werde man hingegen ein Vorgehen gegen Célines Gynäkologen. Dieser stehe nach dem Urteil des Bundesgerichts «sicher zusätzlich in der Verantwortung».

Auch die Krankenkasse CSS hatte Berufung gegen den Entscheid des Obergerichts eingelegt. Sie bedauert das Urteil des Bundesgerichts: «Mit diesem Urteil wird die Pflicht des Pharmaherstellers, Patienten über die Risiken und Nebenwirkungen ausreichend aufzuklären, geschmälert. Das ist weder im Interesse der Versicherten noch der Krankenversicherungen», wird Philomena Colatrella, Generalsekretärin und Mitglied der Konzernleitung der CSS Versicherung, in einer Medienmitteilung zitiert.

Für Colatrella sendet das Urteil falsche Signale aus. Den Patienten werde die Möglichkeit genommen, sich umfassend und aus erster Hand zu informieren. «Dies kommt einer Entmündigung der Patienten gleich.» Nach Einschätzung der CSS ist die Lungenembolie eine erwiesene Nebenwirkung des Verhütungsmittels Yasmin. Dieses weise für junge Frauen ein mindestens doppelt so hohes Thrombose- oder Lungenembolierisiko auf.

US-Klagen sind erfolgreicher

In den USA wehren sich Frauen, die mit den Antibabypillen Yasmin, Yaz und Yasminelle Schaden genommen haben, erfolgreicher gegen Bayer: Im letzten Juli erklärte sich der Pharmakonzern bereit, 8900 Klägerinnen mit 1,8 Milliarden Dollar zu entschädigen, wie «Infosperber» vermeldete. Diese drei Verhütungspillen gehören zu den umsatzstärksten Arzneien der Bayer-Pharmasparte. Im Jahr 2013 kam die Firma damit nach eigenen Angaben weltweit auf Einnahmen von 853 Millionen Euro.

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