«Das ist kein Rauchverbot» – «Wir haben es begriffen»

Braucht es den zigarettenfreien Bahnhof? Was ein Raucher und ein Nichtraucher dazu sagen.

Eine junge Frau raucht auf einem Bahnsteig im Bahnhof Winterthur eine Zigarette, während sie auf ihren Zug wartet.

Eine junge Frau raucht auf einem Bahnsteig im Bahnhof Winterthur eine Zigarette, während sie auf ihren Zug wartet. Bild: Martin Rütschi/Keystone

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Ja

Schon das Wort ist falsch: «Rauchverbot». Die SBB können Züge in Bewegung setzen, Verspätungen einfahren, Stellwerkstörungen beheben und uns den Swisspass als Fortschritt unterjubeln. Aber uns das Rauchen verbieten, nein, das können sie nicht. Wenn die SBB in ihren Bahnhöfen ein bestimmtes Suchtverhalten nicht oder nur in bestimmten Zonen zulassen wollen, ist das kein «Rauchverbot». Es ist schon gar keine «Prohibition» und auch keine Zwangsmassnahme von Väterchen Staat im Dienste wohlmeinender Gesundheitserziehung.

Die Freiheit der Raucherin, des Rauchers bleibt unangetastet. Nach wie vor werden alle, wenn immer ihnen danach ist, sich einen Glimmstängel in den Mund stecken und anzünden dürfen. Einfach nicht überall. Einfach so, wie das längst Gesetz ist, genauer gesagt seit 2005.

In einer auf Einschränkungen individueller Freiheiten immer sensibler reagierenden Welt tönt es natürlich wahnsinnig aufgeklärt und fortschrittlich, wenn man sich für etwas einsetzt, was manche Liberale zu den liebenswürdigen kleinen Lastern des Alltags zählen. Man glaubt dann, politisch ein bisschen unkorrekt zu sein und ungeliebten Gesundheitsaposteln ein Stück anarchische Selbstbestimmung abzuringen. Kurz: Man wähnt sich als wahren Liberalen.

Nur ist das, was die SBB jetzt vorhaben, eben gerade nicht jener apokalyptische Generalangriff auf die Freiheit. Nichts, was einen wahren Liberalen erschaudern lassen müsste.

Denn alles, was die SBB laut einem verfrüht an die Öffentlichkeit durchgesickerten Papier tun wollen, ist simples unternehmerisches Handeln. Die Bundesbahnen möchten in den nächsten Monaten etwas tun, von dem sie glauben, dass es eine überwiegende Mehrheit ihrer täglich 1,25 Millionen Kunden wünscht: einen möglichst belästigungsfreien Aufenthalt auf den Bahnhöfen.

Zu diesem Zweck wollen die SBB testen, welche Art von Einschränkungen auf ihrem eigenen Grund und Boden – inklusive extra eingerichteter Raucherzonen und Fumoirs – diesen Kundenbedürfnissen am besten entspricht.

Es geht hier um die ­Freiheit der SBB.

Kein Wort davon, dass die SBB ihren geschätzten Kundinnen und Kunden den Lebensstil vorschreiben wollen. Kein Wort davon, sich zum finsteren Agenten der Volksgesundheit zu machen. Und schon gar kein Wort davon, dass Raucherinnen und Raucher vom öffentlichen Transport ausgeschlossen werden sollen. Statt sich jetzt unnötig über angebliche staatliche Bevormundung aufzuregen, ist den SBB von Herzen dafür zu gratulieren, dass sie ihre Fahrgäste und deren Bedürfnisse ernst nehmen – und sogar danach handeln wollen. Es ist ja nicht so, dass man sich als Bahnkundin oder -kunde von SBB-Chef Andreas Meyer zu viel Feinfühligkeit gewohnt ist, was die eigenen Bedürfnisse betrifft.

Es geht hier also nicht um die Freiheit der Raucher, sondern um die Freiheit der Bundesbahnen, sich als modernes Unternehmen auf die Bahnpassagiere auszurichten.

Nein

Früher, da waren wir Cowboys. Coole Typen, die ihr mangelndes Draufgängertum im echten Leben mit einer lässig zwischen den Fingern gehaltenen Zigi kaschierten. Genussvoll zogen, die Augen zusammenkniffen, die Beine übereinanderschlugen. Verwegen war das, elegant, ein bisschen gefährlich auch.

Heute sind wir böse. Wir stinken. Wir sind Grüsel. Man will uns nicht mehr. Wir sollen weg.

Es soll niemand sagen, wir Raucherinnen und Raucher hätten im vergangenen Jahrzehnt nichts gelernt. Um das Rauchverbot in Restaurants sind wir froh. Im Zug muss niemand rauchen. Im Büro genauso wenig. Wer Kinder an der Hand hat, der raucht nicht. Auf dem Spielplatz braucht es keine Zigaretten.

Wie fest die soziale Ächtung auf die einzelnen Raucher wirkt, lässt sich an deren Sozialverhalten ablesen. Heute werden Zigaretten im öffentlichen Raum ähnlich verstohlen angezündet und geraucht, wie es früher nur die Kiffer mit ihren Joints gemacht haben. Verwegen ist da gar nichts mehr.

Das angepasste Sozialverhalten der Raucher kann man besonders gut an Bahnhöfen beobachten. Natürlich gibt es immer noch notorische «In-den-Wagon-Ausatmer», die Rolltreppenraucher und jene besonders verwerfliche Spezies der Dampfbläser mit ihren elektronischen Zigaretten (ernsthaft, dann kann man es mit dem Rauchen auch sein lassen).

Doch die Rücksichtslosen sind in der Minderheit. Schon heute drängen sich die allermeisten Raucher in Schweizer Bahnhöfen um die paar wenigen Aschenbecher und sehen dabei aus wie die armseligen Kreaturen in jeder Raucherzone dieser Welt. Süchtige.

Dass die SBB in ihren Bahnhöfen nun ein Rauchverbot «prüfen» wollen (zu Deutsch: «einführen»), war zu erwarten. Überraschend ist eher, wie lange es gedauert hat. Ebenso überraschungsarm sind die Ideen aus den anderen Kantonen. Suchtmittelfreie Spielplätze, Rauchverbote auf Gartenterrassen, vor Eingängen öffentlicher Gebäude. Bald kommen da noch Sportstadien hinzu, das Trottoir, der eigene Balkon.

Konsequenter wäre es, Zigis einfach zu verbieten.

Ehrlich: Wir haben es begriffen. Und noch ehrlicher: Es reicht. Wie viel konsequenter wäre es doch, wenn man Zigaretten einfach ganz verbieten würde. Ab mit den Rauchern in ein Suchtprogramm. Fünf Parisienne pro Tag, abzuholen in ihrer lokalen Zigarettenabgabestelle. Man verzeihe das Gejammer. Als Raucher versteht man den Ekel der anderen Leute, wirklich. Man versteht den Wunsch, vom Rauch nicht belästigt werden zu wollen.

Von uns.

Doch kann man nicht wenigstens ein bisschen Gnade walten lassen? Es muss ja nicht der totale Verzicht auf ein Rauch­verbot in den Bahnhöfen sein; selbst Hardcore-Raucher haben inzwischen eingesehen, dass sich hier Widerstand kaum mehr lohnt. Wir wären mit wenig zufrieden. Eine kleine Raucherzone auf dem Perron würde uns schon genügen.

Wir würden auch ganz sicher innerhalb der gemalten Linien rauchen. Und denken an damals, als wir Cowboys waren.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 21:39 Uhr

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