Blutspendedienst verlangt Geld vom Bund

Weniger Blutverkäufe, weniger Umsatz: Die Dachorganisation Blutspende SRK Schweiz warnt davor, Entnahmestellen schliessen zu müssen.

Der Blutverbrauch in der Schweiz nimmt ab – die Zahl der Blutspender allerdings auch. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Blutverbrauch in der Schweiz nimmt ab – die Zahl der Blutspender allerdings auch. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Der Trend hat sich letztes Jahr fortgesetzt: Zum dritten Mal in Folge hat sich der jährliche Blutverbrauch in den Schweizer Spitälern vermindert. Die Zahl der ausgelieferten Konzentrate roter Blutkörperchen ist im Vergleich zu 2014 um 5,4 Prozent gesunken. Der Grund: Die Ärzte gehen zunehmend zurückhaltender und bewusster mit dem wertvollen Fremdblut um. «Das ist positiv», sagt Rudolf Schwabe, Direktor der Organisation Blutspende SRK Schweiz, die im Auftrag des Bundes die Blutversorgung in der Schweiz sicherstellt. Sie tut dies zusammen mit zwölf regionalen Blutspendediensten, deren Dachorganisation sie ist.

Gleichwohl zeigt sich Schwabe besorgt über die Entwicklung. Sinkt der Blutverbrauch, verkauft die Blutspende SRK Schweiz weniger Blutprodukte; 2015 waren es 17 Prozent weniger als 2012. Die finanziellen Folgen bekommt die Organisation direkt zu spüren, da sie sich gemäss eigenen Angaben gänzlich durch die Verkaufserlöse ihrer Blutprodukte finanziert. Zwar besteht im Stammzellbereich ein bezahlter Leistungsauftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Für den Bereich Blut gebe es aber keine solche Vereinbarung und die beiden Bereiche würden finanziell getrennt geführt, so Schwabe. Doch nun klopft die Blutspende SRK Schweiz beim BAG an. «Wir wollen mit dem Bund über neue Finanzierungswege reden», sagt Schwabe.

Es droht eine Unterversorgung

Sorgen bereitet der Blutspende SRK Schweiz nicht nur die aktuelle Entwicklung. Auch wenn der Blutbedarf derzeit sinkt: Mittelfristig drohe eine Unterversorgung mit Blut – wegen der demografischen Alterung der Gesellschaft. «Wir müssen flexibel bleiben, um rechtzeitig auf eine etwaige Versorgungslücke reagieren zu können», sagt Schwabe. Dies gelinge jedoch nur, wenn die Blutspendedienste finanziell beweglich seien. Schwabe spricht von einem «antizyklischen Verhalten». Um für die Zukunft gerüstet zu sein, müssten die Blutspendedienste ihre Anstrengungen in den Bereichen Spenderwerbung und Blutbeschaffung heute schon deutlich erhöhen. Dadurch stiegen jedoch die Ausgaben – und dies just in einer Phase, in der die Erträge aus dem Blutverkauf schrumpfen.

Laut Schwabe gilt es, künftig eine Lücke von 2 bis 4 Millionen Franken pro Jahr zu füllen, dies bei einem jährlichen Umsatz von rund 150 Millionen. Dabei stehen zwei Varianten zur Debatte: Subventionen durch den Bund oder eine Anhebung der Bluttarife, was zulasten der Spitäler ginge – und damit der Kantone und Krankenkassen. Gelingt es nicht, neues Geld zu generieren, drohen laut Schwabe zusätzliche Sparmassnahmen. «Schlimmstenfalls müssten wir einzelne Entnahmestellen schliessen.»

Für eine Subvention des Bundes fehlt die Grundlage im Heilmittelgesetz. Entsprechend wäre das Parlament gefordert. Doch unter bürgerlichen Gesundheitspolitikern herrscht Skepsis. Sie verlangen weitere Abklärungen: eine Analyse des Blutbedarfs, eine Effizienzprüfung der Blutspende SRK Schweiz und die Suche nach allfälligen Kooperationen mit Spendediensten, auch im Ausland. «Bevor man von neuen Finanzierungswegen spricht, gilt es diese Punkte sauber zu klären», sagt FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis. Ähnlich äussert sich Heinz Brand (SVP). Die Blutspende SRK Schweiz müsse den Nachweis erbringen, dass sie effizient arbeite. Ständerat Konrad Graber (CVP) sieht vorerst Blutspende SRK Schweiz und allenfalls das BAG gefordert. Anders die Linke. «Wenn das SRK mit seinem Blutspendedienst jetzt in Schwierigkeiten steckt, muss ihm geholfen werden – im Interesse von uns allen», sagt Nationalrätin Bea Heim (SP). Dabei sei die Finanzierung via direkte Bundeszuschüsse vorzuziehen. Sie ermögliche Transparenz über Leistungen und Gegenleistungen.

Lohnverzicht ist ausgeschlossen

Das Geschäft liegt beim Departement des Innern von Bundesrat Alain Berset (SP). Man kläre derzeit das weitere Vorgehen ab, sagt ein Sprecher. Dass die Blutspendedienste auf Vorrat die hohle Hand machen, bestreitet Direktor Schwabe. Zwar sind in den letzten Jahren jeweils Gewinne angefallen, allerdings bloss in der Höhe von mehreren 10'000 Franken, was jeweils weniger als 1 Prozent der Bilanzsumme ausgemacht hat. Schwabe versichert zudem: «Wir haben die Kosten bereits reduziert.» So seien die internen Abläufe gestrafft und der Personalbestand unter Ausnützung der natürlichen Fluktuation von 640 auf 600 Personen reduziert worden.

Nicht infrage kommt es für Schwabe, den Lohn der sieben Geschäftsleitungsmitglieder oder die Entschädigung des zehnköpfigen Verwaltungsrats zu reduzieren; Letztere hat 2015 insgesamt 44 400 Franken betragen, inklusive Sitzungsgeldern. Die Löhne der Geschäftsleitungsmitglieder legt er nicht offen; laut Schwabe liegen sie in einem «moderaten Bereich». Es sei aber «klar, dass nun die Löhne der leitenden Angestellten nicht erhöht werden».


Blutverbrauch
Immer weniger junge Spender

Die Alterung der Gesellschaft stellt die Blutspendedienste zunehmend vor Probleme. Bei der künftigen Blutversorgung der Schweizer Bevölkerung spielt die Demografie eine zentrale Rolle. Heute kommen auf einen über 65-jährigen Einwohner fünf jüngere. Im Jahr 2030 dürfte dieses Verhältnis bereits bei 1:3 liegen. Dieser Trend ist doppelt bedeutsam. So erhalten ältere Menschen mehr Bluttransfusionen als jüngere. Zudem liegt bei Erstspendern das maximal erlaubte Alter bei 60 Lebensjahren, bei regelmässigen Spendern bei höchstens 75 Jahren. In einer älter werdenden Gesellschaft scheiden so immer mehr Menschen aus dem Kreise potenzieller Spender aus. In Zukunft gibt es also immer weniger junge Spender für immer mehr ältere Empfänger. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Blutverbrauch. Dieser ist derzeit rückläufig, ebenso die Zahl der Spender, die zwischen 1996 und 2013 zurückging (von 341'741 auf 198'406), wie auch jene der Vollblutentnahmen (von 576'529 auf 322'910).

Basierend auf diesen Erkenntnissen geht eine letztes Jahr publizierte Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) von drei Szenarien aus. Szenario 1: Die Zahl der Blutspenden sinkt weiter, ebenso der Blutbedarf. Allerdings gehen die Spenden schneller zurück als der Bedarf. Ab 2018 entsteht so eine wachsende Versorgungslücke. Szenario 2: Spenden und Bedarf bleiben auf dem Niveau von 2013. Aufgrund der demografischen Entwicklung tritt gleichwohl eine Versorgungslücke ein, allerdings erst ab 2020. Szenario 3: Die Spenderzahlen bleiben kon­stant, der Blutbedarf sinkt weiter. Die Versorgung bleibt bis zum Jahr 2035 gewährleistet. Letztere Annahme könnte sich laut Blutspende SRK Schweiz als zu optimistisch erweisen. Verschiedene internationale Studien prognostizieren jedenfalls eine Zunahme des Blutbedarfs, beispielsweise in Deutschland und England, der demografischen Alterung der Gesellschaft wegen. (sth)

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