Blass – aber besser als Blocher

Bundesrat Johann Schneider-Ammann fühlt sich am Verhandlungstisch wohl. Das ist für einen Wirtschaftsminister wichtiger als ein brillanter Auftritt am Mikrofon.

Die besten Szenen seiner Amtszeit: Bundesrat Johann Schneider-Ammann wird Ende 2019 zurücktreten. (Video: Tamedia, SRF, AFP, Youtube)
Christoph Aebischer@cab1ane

Überraschendes hat Johann Schneider-Ammann heute nicht verkündet: Dass er spätestens im Herbst 2019 als Bundesrat zurücktritt, liess er schon verschiedentlich durchblicken. In der NZZ hat er heute lediglich bestätigt, was bis jetzt inoffiziell war. Wann er genau abtritt, liess er hingegen wie Doris Leuthard weiterhin offen.

Er erreichte mehr als Blocher

Mit Schneider-Ammann wird die Schweizer Landesregierung den einzigen Unternehmer in ihren Reihen verlieren. Der oft behäbig, blass und ungelenk auftretende Berner vertrat dabei die Interessen der Wirtschaft deutlich besser als der schillernde Zürcher und Fabrikant Christoph Blocher vor ihm. Während dieser letztlich an seinem autoritären Furor scheiterte, wird der 2010 in den Bundesrat gewählte FDPler Schneider-Ammann als König der runden Tische in Erinnerung bleiben.

Er erreichte damit mehr. Verhandeln ist Schneider-Ammanns Stärke. Darin unterscheidet er sich von SVP-Haudegen Blocher. Wirtschaftskreise urteilen über Schneider-Ammann denn auch deutlich gnädiger als die Medien. In der Satireshow Giacobbo Müller kriegte dieser regelmässig sein Fett ab, wenn er sich rhetorisch verhedderte. Stoff dazu lieferte er genug. In bester Erinnerung bleibt etwa seine Rede zum Tag der Kranken vor zwei Jahren. Sie verbreitete sich viral auf Youtube.

Johann Schneider-Ammanns Rede zum Tag der Kranken auf Französisch wurde zum Youtube-Hit. (Video: Tamedia, SRF)

Im Hintergrund blieb der Unternehmer sich selber treu: Als Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung widerstand er nach dem Frankenschock 2015 den Forderungen nach Staatsinterventionen. Stattdessen lud er – zu runden Tischen ein. Fachkräfte, ältere Arbeitnehmende, Berufsbildner, Warner vor überteuerten Wohnungen, Freihandelsturbos und Bauern, alle können ein Lied davon singen.

Die Botschaft war stets dieselbe: Helft euch selber. – Das nervt.

Seine Vergangenheit als Chef der Langenthaler Maschinenherstellerin Ammann Group kam ihm einmal aber auch in die Quere. Schneider-Ammann, der stets den verantwortungsbewussten Patron gab, stand plötzlich im Scheinwerferlicht, weil die Firma in Steueroasen Briefkastenfirmen unterhielt.

Ein Imageschaden bleibt

Am Ende blieb nur ein negativer Beigeschmack hängen. Die Berner Steuerverwaltung konnte der Firma nichts Unrechtes nachweisen. Allerdings litt sein bis dahin rechtschaffenes Image. Schneider-Ammann war und ist eine der wenigen Stimmen aus der Wirtschaft, die Lohnexzesse der Manager anprangern. Er spürte das Ungemach, das sich 2013 zusammenbraute: Damals entlud sich der Ärger in der Bevölkerung im Ja zur Abzockerinitiative.

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Noch im selben Jahr konnte Schneider-Ammann einen seiner grössten Erfolge verbuchen: Als zweites europäisches Land schloss die Schweiz im Sommer 2013 ein Freihandelsabkommen mit China ab. Danach tauchte Schneider-Ammann ab. Gesundheitliche Schwierigkeiten liessen 2016 ausgerechnet in seinem Jahr als Bundespräsident Spekulationen über einen baldigen Rücktritt ins Kraut schiessen.

Doch Schneider-Ammann erholte sich, auch politisch. Die Ankündigung seines Rücktritts kann er mit dem Hinweis verbinden, dass es wirtschaftlich rundläuft und die Arbeitslosigkeit so tief ist wie seit 2014 nicht mehr. Sagts und reist am Samstag für acht Tage nach Südamerika, um dort den Boden für ein weiteres Freihandelsabkommen zu bereiten. Die Spekulationen und Planspiele über allfällige Nachfolger im Bundesrat überlässt der 66-Jährige anderen.

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