Bis zum bitteren Ende

Pirmin Schwander hatte Simonetta Sommaruga über den Bieler Kesb-Fall informiert. Trotz seiner guten Vorsätze ist er vielleicht bald ein verurteilter Krimineller.

So locker sieht man ihn selten. Pirmin Schwander bei einem Fototermin im Bundeshaus im Juni 2011. Foto: Manuel Zingg (Ex-Press)

So locker sieht man ihn selten. Pirmin Schwander bei einem Fototermin im Bundeshaus im Juni 2011. Foto: Manuel Zingg (Ex-Press)

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Es gibt in der Schweiz verschiedene Wege, ein Held zu werden. Hervorragend Tennis spielen funktioniert. Als Fussballer mit kosovarischen Wurzeln sich öffentlich, vorbehaltlos und möglichst oft zur Schweiz zu bekennen, auch. Schwingerkönig werden. Möglichst schnell Berge besteigen.

Oder, und das beobachten wir seit ein paar Jahren wiederholt: einen öffentlichen Kampf gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) austragen. «Ist es in der Schweiz verboten, Leuten in Not zu helfen? Ist es verboten?» Das zweite «verboten» war laut, geschrien fast. Pirmin Schwander, SVP-Nationalrat aus dem Kanton Schwyz, musste sich zum Schluss der «Rundschau» beherrschen.

«Danke Pirmin Schwander!»

Zehn Minuten dauerte da das Interview mit Moderator Sandro Brotz schon, und am wachsenden Grad von Schwanders Verzweiflung konnte man ablesen, wie unverstanden sich der Nationalrat fühlen musste, warum er zu Beginn dieser Woche von einer «politischen Verschwörung» gesprochen hatte. Warum bin ich hier? Was sind das für Fragen? Was soll das alles? Die Sache ist doch klar!

Für viele Menschen in der Schweiz ist sie das ­tatsächlich. «Danke Pirmin Schwander!», schrieb einer nach dem Auftritt in einem Kommentar auf Facebook, «gegen den Strom zu kämpfen ist mutig und verdient Achtung.» Ein anderer freute sich, dass sich endlich jemand gegen diese «Saubande» wehre. «Ich bewundere Pirmin Schwander schon lange: b r a v o ! » Und irgendjemand bemühte natürlich auch Bertolt Brecht und das inoffizielle Motto aller Kesb-Gegner: «Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!»

Die Leuchtfigur des Widerstands

In diesen Tagen erleben wir nun, wie Pirmin Schwander (54) zur Leuchtfigur dieses Widerstands erhoben wird, zum Helden für nicht wenige Leute. Ein Held, der aus Mitleid einer Frau und ihrem eineinhalbjährigen Kind 7000 Franken gegeben hat. «Wenn ich am Strassenrand einen Menschen in Not sehe, kann ich doch nicht einfach vorüber gehen!», sagte Schwander, selber Vater von zwei Kindern, in der «Rundschau» (für den «Tages-Anzeiger» war er nicht erreichbar). Die Frau aus Biel befand sich auf der Flucht, sie hatte ihr eigenes Kind aus einem Kinderheim entführt. Und der Nationalrat sieht sich nun mit einer Strafuntersuchung «wegen Gehilfenschaft zur Entführung und Entziehung von Minderjährigen» konfrontiert.

Dass es so weit gekommen ist, dass Schwander etwas verloren vor einem Polizeiposten in Bern steht («Hier war ich noch nie», sagte er im Fernsehbeitrag), mit Milieuanwalt Valentin Landmann und der festen Absicht, den Behörden keine Auskunft zu geben, hat etwas Logisches an sich. Seit dreissig Jahren, so hat er einmal in einem Interview erzählt, kümmert er sich um solche Fälle. Im Turnverein habe es damals angefangen und nie mehr aufgehört. Er habe die Akten von 1000 Fällen studiert, sagt Schwander, er arbeite jeden Tag vier bis fünf Stunden an Kesb-Dossiers, auch am Wochenende. Die meisten Einkünfte aus seinem politischen Mandat, so erzählt es jedenfalls sein Anwalt Landmann, spendet er für Kesb-Fälle.

Schwander gründet Verein «Kesb-Schutz»

Mit der Untersuchung der Berner Staatsanwaltschaft scheint auch eine neue Phase von Schwanders Kampf gegen die Behörde eröffnet zu werden. Grösser und professioneller will der Nationalrat das Thema behandeln. Gemeinsam mit Bruno Hug, dem Verleger der «Obersee Nachrichten» in Rapperswil und mindestens so glühenden Kesb-Gegner, gründet Schwander den Verein Kesb-Schutz, um Leute zu beraten, die im Konflikt mit der Behörde stehen.

Noch in diesem Jahr wird im Kanton Schwyz über eine kantonale Gesetzesinitiative abgestimmt, mit der verlangt wird, dass die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden wieder von den Gemeinden geführt werden. Und in den nächsten Tagen beginnt die Unterschriftensammlung für eine nationale Initiative. «Wir werden von allen Seiten bestürmt, endlich mit der Sammlung zu beginnen», sagt die St. Galler SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder, die mit Schwander im Präsidium des Initiativkomitees sitzt.

Bei Sommaruga

Es gibt jetzt nur noch diesen Kampf. Schwander führt ihn auf allen Ebenen. Im Februar traf er sich mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Martin Dummermuth, dem Direktor des Bundesamts für Justiz. Schwander schilderte einzelne Fälle, darunter auch die Vorgeschichte der Kindesentführung, die ihm jetzt so viel Probleme und Aufmerksamkeit bereitet (was ein wichtiges Detail ist: Dass er die Geschichte bei Sommaruga erwähnte, wird seine wichtigste Argumentationslinie, wenn es um die Aufhebung der parlamentarischen Immunität geht). Resultate aus dem Treffen sind keine bekannt.

So gross die Unterstützung von Schwander aus den Kreisen von Direktbetroffenen ist, so zurückhaltend begegnet die Politik dem Thema. Es ist heikel. Selbst SVP-Präsident Albert Rösti legt einen Sicher­heitsabstand zwischen sich, der Partei und Schwander. «Man muss das Engagement der SVP gegen die Kesb-Bürokratie und die Verwicklung von Pirmin Schwander trennen», sagte Rösti gestern im «Blick». Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Gar nichts wollte Rösti zu den Strafermittlungen sagen: «Man muss abwarten, was die Ermittlungen ergeben.» So lange gelte die Unschuldsvermutung. Aber: «Auch jeder Parlamentarier hat sich selbstverständlich an die Gesetze zu halten.»

Worin seine Mission gründet, ist schwer zu sagen.

Schwander wird es nicht gerne gelesen haben. «Der Mann leidet», sagt Bruno Hug, der Verleger der «Obersee Nachrichten». Schwander trage eine «bäurische Urgerechtigkeit» in sich. Eine Gerechtigkeit, vor der man nicht fliehen könne. Die Aufop­ferung verlange. «Er hat ein ganz starkes Gerechtigkeitsempfinden», sagt auch Lukas Reimann (SVP), der Schwander vor zwei Jahren als Präsident der Auns ablöste. Zehn Jahre stand er der europakritischen Vereinigung vor, habe sich «unglaublich eingesetzt» (Reimann) und das in einem Masse, dass er darob krank wurde und zurücktreten musste.

Hug und Reimann wiederholen, was viele Menschen sagen, die öfter mit Schwander zu tun haben. Als «korrekt und gewissenhaft», bezeichnet ihn Barbara Keller-Inhelder. «Fleissig, genau, unideologisch, engagiert», sagt die Basler SP-Ständeratin Anita Fetz über ihn, sie kennt Schwander aus der Finanzdelegation der Räte, und dass sie ihn «unideologisch» nennt, ist einigermassen erstaunlich. Lange Zeit galt Schwander, der seit 2003 im Nationalrat sitzt, als rechtester Parlamentarier in Bern. «Rechts von ihm kommt nur noch die Wand», hat der «Blick» diese Woche über ihn geschrieben.

Gerade, gerecht, getrieben

Und dennoch ist seine politische Positionierung in diesen Tagen nur selten Thema. Es fallen andere Attribute in den Gesprächen über Pirmin Schwander: korrekt, sachlich, engagiert, gerecht, gerade, ernst. Man könnte auch sagen: getrieben. Wo seine Mission genau gründet, warum er sich derart in die Kesb verbissen hat, ist schwieriger zu sagen.

«Es hat mit seiner Herkunft zu tun», sagt Bruno Hug und verhehlt dabei nicht, dass er es eher vermutet als weiss. Schwander ist auf einem Bauernhof in der March aufgewachsen. Auf dem elterlichen Hof, so stand es in einem früheren Porträt, lebte er bis in die Achtzigerjahre ohne Dusche und Fernseher. Schon damals war Schwander vor allem: Arbeit. Der Bauernsohn studierte Ökonomie, machte den Doktortitel, wurde Unternehmer. Kaufte Firmen, sanierte sie, verkaufte sie wieder. Ist versiert in ­Immobilien (er gab an Hochschulen Kurse zum Thema) und ein Experte im Beschaffungswesen.

Immer an der Arbeit

Das Getriebensein beschränkt sich bei Schwander, der einmal gesagt haben soll, er arbeite bis zu 20 Stunden am Tag, nicht auf die Kesb. Er ist Delegationschef der SVP in der Rechtskommission, und wo seine Fraktionskollegen bloss ein oder zwei ­Geschäfte richtig durchdringen (verstehen!), kennt er alle. Stellt zu allen Geschäften Anträgen, weiss über alles Bescheid.

So arbeitet er auch in der Finanzkommission, so hat er es früher als Präsident der SVP Schwyz ­gemacht, wo er seine Fraktion (er selber war nicht Mitglied des Kantonsrats) von der Tribüne aus und lautstark führte. Was sonst noch zum Menschen Schwander zu sagen ist, verschwindet hinter all der Arbeit, hinter all der Gewissenhaftigkeit. Es scheint wie bei allen Getriebenen: Es gibt nur die Mission. Richtig locker habe er ihn eigentlich nur im FC Nationalrat erlebt, sagt ein ehemaliger Fraktionskollege, und auch das nur in einem sehr begrenzten Rahmen. Wenn die anderen Parlamentarier nach dem Training beim Bier sassen, war Schwander längst wieder weg.

Zu viele Akten. Zu viel zu tun. Viel zu wenig Zeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2016, 20:40 Uhr

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