Bierdusche für Erich Hess

Bern

Ein Gast im Garten der linksalternativen Beiz Luna Llena leerte SVP-Nationalrat Erich Hess ein Bier über den Kopf. Danach folgte ein Spiessrutenlauf durchs halbe Berner Nordquartier.

Das Personal musste eingreifen: Erich Hess auf seiner Beizentour.

Das Personal musste eingreifen: Erich Hess auf seiner Beizentour.

(Bild: zvg)

Die Einladung war gut gemeint. SVP-Stadtrat Roger Mischler wollte Rats- und Parteikollege Erich Hess das Berner Nordquartier näherbringen. Mit dabei ein weiteres SVP-Mitglied. Nach dem Besuch von Mischlers Stammlokal hatten die drei noch Durst.

Der Donnerstagabend war mild, eine Gartenbeiz in Sichtweite. So kam es, dass sie sich um neun Uhr im Garten des Restaurants Luna Llena niederliessen. Es begann der ungemütliche Teil. Nationalrat Hess und Begleiter bestellten eine Runde Bier, schnell gesellte sich ein weiblicher Gast zu ihnen.

Die Diskussion wurde hitzig, man hatte wenig Freude am Besuch des Rechtspopulisten. Hess ist bekanntlich kein Kind von Traurigkeit, sucht die politische Provokation, überschreitet Grenzen. Seine Tiraden im Stadtrat gegen Ausländer, Reitschule oder Rot-Grün sind stadtbekannt. An diesem Abend, so Hess, habe er aber weder provoziert noch politisiert.

Stadtrat wählt Polizeinotruf

Die Frau zog von dannen, schnell war der Platz neben Hess wieder besetzt. Diesmal von einem bärtigen Mann «mit feurigem Blick», wie sich Roger Mischler erinnert. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Nachdem sich der Unbekannte von Hess ein Bier hatte spendieren lassen, schüttete er dieses dem Politiker über den Kopf. Über dreissig Gäste schauten zu, niemand regte sich. Der Mann zog ab, Hess war klatschnass und bestellte – «zum Trotz» – noch eine Runde Bier.

Die Situation spitze sich zu. Männer standen auf, drängten Hess und Co. immer vehementer zu einem Abgang. Stadtrat Mischler fühlte sich mittlerweile so unwohl, dass er den Notruf wählte. Der Rat des Polizisten, als er hörte, wo sich die SVPler niedergelassen hatten: «Bezahlen und gehen.»

Zu keinem Zeitpunkt habe das Personal eingegriffen. Der fehlbare Gast sei auch nicht des Restaurants verwiesen worden, sagt Mischler. Die SVPler hatten genug und gingen.

Das Luna Llena ist als links­alternatives Lokal bekannt. Im Zusammenhang mit Politikern gar berühmt-berüchtigt: Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) feierte dort 2010 mit YB-Fans und Band einen YB-Sieg. Es wurde gesungen. Und beleidigt.

In Richtung SVP: «Sämi Schmid motherfucker», sang der Stadtpräsident. Im Refrain ersetzte er Schmid durch Christoph Blocher. Die Eskapade sorgte schweizweit für Schlagzeilen, Tschäppät entschuldigte sich im Nachhinein.

Was für ein Etablissement das Luna Llena ist, müsste auch Hess bekannt sein. War er naiv, oder handelte er mit Vorsatz? Hess selber beteuert, er habe nicht gewusst, «was das für eine Beiz ist».

«Hau ab!»

Der Spiessrutenlauf begann. Wo der Nationalrat im Nordquartier auch auftauchte, es schlugen ihm Abneigung, gar offener Hass entgegen. Auf der Scheibenstrasse beschimpften ihn junge Frauen lauthals aus dem Garten heraus: «Hau ab!» Beim Breitenrainplatz bei der Bar Barbière – Hess wurde kein Bier mehr ausgeschenkt – legte sofort ein Gast los.

Der Tenor: «Du hast in diesem Quartier nichts zu suchen.» Seit er Nationalrat sei, werde er in Bern noch häufiger angegangen, sagt Hess. Aber er sei Volksvertreter, wolle sich den Kontakt zur Bevölkerung nicht nehmen lassen.

Hess nahm das zweitletzte Tram Richtung Innenstadt. Beim Absacker in der Cowboys Bar, politisches Gegenstück zum Luna Llena, wurde er noch mal angepöbelt. Der DJ drohte mit Prügel, wenn er die Bar nicht verlasse. Bern war an dem Donnerstag wenig tolerant.

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