Eine verborgene Sucht der Schweizer

Jeder Zehnte schluckt Beruhigungs- und Schlafmittel – die Gründe und die Zahlen.

Grafik: Viviane Futterknecht, Quelle: Helsana, Suchtmonitoring

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Eltern, die im Auto an einer Überdosis starben, wimmernde Babys auf Entzug: Grässliche Bilder erreichen einen aus Amerika. Millionen Menschen sind von Opiaten abhängig. Nicht nur Leute aus dem Prekariat, auch der verstorbene Musiker Prince fiel ihnen zum Opfer.

Wurden Opiate früher vor allem bei schweren Operationen oder Tumorerkrankungen eingesetzt, verschrieben US-Ärzte sie auch bei leichteren Erkrankungen. Doch das Abhängigkeitspotenzial wurde unterschätzt. Als man den Fehler bemerkte, war es zu spät. Nach einer verschärften Regulierung wichen viele Abhängige auf den Schwarzmarkt aus – und auf Heroin. Aus Tablettensüchtigen waren Junkies geworden.

Infografik: Der Schweizer Schlaf- und Beruhigungsmittelkonsum Grafik vergrössern

Laut dem Suchtmonitoring Schweiz, das vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegeben wird, treten Suchttrends aus den USA etwa zehn Jahre später in Europa auf. Droht auch in der Schweiz eine Opiatkrise? Im Moment deutet nur wenig darauf hin. Knapp 3 Prozent der Bevölkerung haben in den letzten 30 Tagen täglich zu Schmerzmittel gegriffen. Doch im Unterschied zu den USA waren und sind Opiate in der Schweiz stets sehr streng reguliert. Zwar gibt es auch hierzulande Opiatsüchtige, es sind aber typischerweise Menschen, die die Sucht nach einer langen Schmerztherapie entwickelten.

Z-Substanzen

Sorge bereiten Suchtexperten in der Schweiz andere Medikamente: Schlaf- und Beruhigungsmittel, allen voran die sogenannten Z-Substanzen wie Stilnox oder Zolpidem und Benzodiazepine wie Temesta oder Xanax. «Diese Medikamente weisen nach dem Alkohol die grösste Missbrauchsproblematik auf», sagt Domenic Schnoz von der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamentenmissbrauchs. Trotzdem werden «Benzos» jedes Jahr millionenfach verschrieben und geschluckt.

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Gemäss Suchtmonitoring haben in der Schweiz in den letzten 12 Monaten 10 Prozent der Bevölkerung ein starkes Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingenommen. In den letzten 30 Tagen waren es 6 Prozent. Fast 20 Prozent der Personen, die Benzodiazepine oder ähnliche Mittel einnehmen, haben laut Suchtmonitoring diese auch schon mal ohne Rezept oder nicht medizinisch indiziert verwendet. Eine Hochrechnung der Helsana, die die Krankenkasse anhand ihres Kundenstamms veröffentlicht hat, kommt zum Schluss, dass in der Schweiz pro Jahr fast vier Millionen Packungen Schlaf- und Beruhigungsmittel für mehr als 800'000 Menschen verschrieben werden.

«Sonnenbrille für die Psyche»

Dass diese Präparate hilfreich sind, ist unbestritten. Sie werden bei Schlaf- und Angststörungen, Panikattacken oder zur Vorbereitung von chirurgischen Eingriffen eingesetzt. Es sind effektive und körperlich kaum giftige Medikamente. Chemische Alternativen zu ihnen gibt es wenige. Der Grundstoff wurde 1958 vom Chemiker Leo Sternbach für die Basler Pharmafirma Hoffmann-La Roche entdeckt. Die beiden ersten Präparate hiessen Librium (Werbeslogan: «Sonnenbrille für die Psyche») und Valium. Die Zeiten, als Benzos von Hausfrauen unbekümmert als Glückspillen eingeworfen wurden – «Mother’s little helper» sangen die Stones in den 60ern –, sind zwar vorbei. Doch in einer Gesellschaft, die Leistung als zentralen Wert etabliert hat, gibt es offensichtlich auch viel Angst, Ansprüchen nicht zu genügen. Die hohe Anzahl verschriebener Beruhigungsmittel erstaunt da nicht.

Im Unterschied zu Alkohol und anderen Drogen findet der Benzo-Konsum und seine negativen Folgen oft im Verborgenen statt. Abhängige – darunter auffallend viele ältere Menschen und mehr Frauen als Männer – fallen jahrelang nicht auf. Umso mehr warnt Monique Portner von Sucht Schweiz vor Benzodiazepinen: «Sie sind bei lang anhaltendem Gebrauch mit erheblichen Risiken für die physische und psychische Gesundheit verbunden.» Eine tägliche Einnahme von benzodiazepinartigen Medikamenten über vier bis acht Wochen führe in der Regel zu einer physischen Abhängigkeit mit ausgeprägten Entzugssymptomen beim Absetzen.

«Benzos eignen sich nicht zur Bewältigung von Alltagsstress.» Chefarzt Josef Hättenschwiler

Doch wann ist jemand von Medikamenten abhängig? Hier gehen die Meinungen der Fachleute auseinander. «Definiert man die maximal empfohlene Einnahmedauer von wenigen Wochen als Grenze, weisen 400'000 Schweizer einen problematischen Konsum auf», sagt Suchtexperte Schnoz mit Verweis auf die Helsana-Zahlen. Gemäss Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie der Arud-Zentren für Suchtmedizin, handelt es sich bei den meisten Verschreibungen um tiefe Dosierungen zur Behandlung chronischer Schlafstörungen: «Bei diesen Personen kann von einer sogenannten Low-Dose-Abhängigkeit gesprochen werden, die auf die Lebensführung vergleichsweise wenig negative Auswirkungen hat.» Allerdings sei bei älteren Menschen vermehrt mit einem erhöhten Sturzrisiko, kognitiven Beeinträchtigungen und Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit zu rechnen.

Weil starke Schlaf- und Beruhigungsmittel nur auf Rezept erhältlich sind, stehen Ärzte besonders im Fokus. Sie verschreiben Benzos zu leichtfertig, lautet ein oft gehörter Vorwurf. «Die Sensibilisierung betreffend das Suchtpotenzial ist unter Ärzten unterschiedlich», sagt Domenic Schnoz: «Wir beobachten etwa, dass manche ältere Ärzte Benzodiazepine schneller verschreiben als jüngere.»

Der Präsident des Hausärzteverbands Marc Müller widerspricht: Die Ärzteschaft sei sich der Problematik bewusst und gehe verantwortungsvoll mit der Verschreibung um. Ausserdem habe ein Umdenken stattgefunden: «Ich erinnere mich daran, dass in meiner Assistentenzeit vor 30 Jahren schwangere Frauen mit vorzeitigen Wehen über Wochen mit Valium behandelt wurden, als damals bestem Muskelrelaxans.» Auch Josef Hättenschwiler, Chefarzt des Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich, betont, dass Benzodiazepine in der Regel sorgfältig verschrieben werden. Allerdings müsse man sagen, dass Benzos bei bestimmten Indikationen zu häufig und zu lange verschrieben werden: «Die Medikamente eignen sich klar nicht zur Behandlung von Alltagsstress.»

Lieber eine Pille

Im Unterschied zu Opiaten werden Benzodiazepine nicht über ein streng kontrolliertes Betäubungsmittelrezept verschrieben. Allerdings müssen die Ärzte Abgaben dokumentieren, und es gibt stichprobenmässige Überprüfungen. Den massiven Benzo-Konsum einem Sediersystem aus Ärzten und Pharmaindustrie zuzuschreiben, wie es in den USA bei der Opiatkrise der Fall war, ist darum zu einfach. Zumal ein gewisser Anteil des Benzo-Bezugs auf Tricks basiert. Manche behaupten gegenüber einem Arzt, dass ihr Hausarzt in den Ferien sei und sie wegen einer Panikattacke dringend Benzodiazepin brauchten. Andere beziehen die Tabletten über den Partner oder einen Bekannten, der ein Rezept hat. «Eine elektronische Krankengeschichte der Patienten würde Transparenz schaffen», sagt Marc Müller.

Damit ist auch Domenic Schnoz einverstanden. Er fordert von den Ärzten aber auch mehr Aufklärungsleistung. Denn oft wissen Patienten zu wenig über die Beruhigungsmittel – oder wollen gar nichts wissen. «Mancher bevorzugt eine Pille», sagt Schnoz – «wenn die Alternative eine Psychotherapie ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 18:56 Uhr

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