Bedrohtes Stück Lebensschule

Es kann nicht sein, dass prägende Erfahrungen einem Höchstbetrag geopfert werden, welcher den Eltern pro Lagertag zugemutet werden darf.

Christoph Aebischer@cab1ane

937'000 Kinder besuchen aktuell irgendwo in der Schweiz eine Schulklasse der obligatorischen Volksschule. Und im Juni steht für viele von ihnen der ­Höhepunkt des Schuljahres auf dem Programm: die Projektwoche – am besten irgendwo in einem Lagerhaus ohne Sicht auf den immer gleichen Pausenplatz. Klassenlager bedeuten ein paar Tage lang Sonderprogramm. Für die Lehrpersonen heisst das zwar Extraarbeit. Doch sie nehmen diese auf sich, weil die Klasse danach eine andere ist. Lager vermögen den Zusammenhalt zu stärken. Und für Schülerinnen und Schüler bieten die Tage ausser Haus ein Experimentierfeld. Jedenfalls bedeutet ein Klassenlager Leben pur.

Seit dem 29. Dezember 2017 ist diese jahrzehntelange Tradition infrage gestellt. Das Bundesgericht hat definiert, wie viel ein Lager die Eltern kosten darf: 16 Franken pro Tag. Das entspricht jenem Betrag, den sie für das Essen daheim einsparen. Denn die Volksschule hat im Grundsatz kostenlos zu sein.

In den Schulen wird das Zusammenleben, dem Erwachsene später gerne aus dem Weg gehen, geübt.

Leider kommt man heute mit 80 Franken pro Person nicht weit. Diese Bestimmung beschneidet ­damit einen anderen Wert der Volksschule: Sie ist im besten Sinne eine Klammer für unsere zunehmend fragmentierte Gesellschaft. In den Schulen wird das Zusammenleben, dem Erwachsene später gerne aus dem Weg gehen, geübt. Verdichtet noch gilt dies für die Klassenlager. Dort muss es jeder mit jedem ­können, zumindest eine Woche lang.

Es kann nicht sein, dass solche prägenden Erfahrungen einem Höchstbetrag geopfert werden, welcher den Eltern pro Lagertag zugemutet werden darf. Paralysiert vom Machtwort aus Lausanne, wursteln sich Kantone und Gemeinden nun einfach durch und vermeiden Klartext. Sie setzen auf das Prinzip Hoffnung: Wo kein Kläger ist, gibt es auch keine Richter. Im ­Kanton Thurgau, an dessen Adresse sich der Richterspruch richtete, ging das ins Auge. Es waren Eltern, die das Grundsatzurteil provozierten. Diese Erfahrung müsste eines lehren: Mit der Vogel-Strauss-Taktik ­lassen sich die Klassenlager nicht retten. Es braucht ein klares Bekenntnis dazu und dann tragfähige ­Lösungen. Sie werden etwas kosten.

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