Bäumle provoziert Gorbatschows Rücktritt

Eklat bei Green Cross: Gründungspräsident Michail Gorbatschow zieht sich per sofort aus dem Vorstand zurück – weil die Schweizer Sektion Zahlungen verweigere.

Mit «grosser Trauer» zurückgetreten: Michail Gorbatschow. Foto: Fabrice Coffrini (AFP)

Mit «grosser Trauer» zurückgetreten: Michail Gorbatschow. Foto: Fabrice Coffrini (AFP)

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Green Cross International (GCI) durchlebt seine schwerste Krise. GCI steht finanziell am Abgrund und kämpft mit Liquiditätsproblemen. Machtkämpfe und Streitigkeiten um Geld haben zu einem Eklat geführt. Michael Gorbatschow, letzter Präsident der Sowjetunion, hat nun die Umweltschutzorganisation verlassen, die er 1993 gegründet hatte. Mit dem Rücktritt, der ihn mit «grosser Trauer» erfüllt, verzichtet er auch auf den Titel des Gründungspräsidenten von GCI. Der 85-jährige Gorbatschow war bis letzten Oktober Präsident von GCI gewesen, zuletzt gehörte er noch dem Vorstand an. Der Grund für Gorbatschows Abgang ist die Schweizer Sektion von Green Cross (GCCH) um Präsident Martin Bäumle und Geschäftsführerin Nathalie Gysi.

Gorbatschow sieht vor allem Bäumle als treibende Kraft hinter dem «Versuch einer feindlichen Übernahme des GCI», wie es in seinem Rücktrittsschreiben heisst. Die Rede ist auch von Sabotageaktionen gegen Vorstandsentscheide sowie von Verstössen gegen vertraglich vereinbarte finanzielle Zahlungen. GCCH weist dies alles zurück und spricht von undurchsichtigem Finanzgebaren bei GCI. Die Schweizer werden ihre Beiträge erst dann wieder leisten, wenn GCI bei den Finanzen Transparenz schafft.

Nach Ansicht eines Insiders, der nicht mit Namen genannt werden möchte, ging es bei diesem Streit weniger um die Sache, sondern vor allem um persönliche Eitelkeiten und Macht. «Gorbatschow und Bäumle: Beide sind sture Köpfe, die nicht verlieren können», sagt der Green-Cross-Kenner. «Irgendwann musste es zum Knall kommen.» Der Abgang des charismatischen Gründungspräsidenten verheisse nichts Gutes für die Zukunft von Green Cross. «Das ist der Untergang von Green Cross», sagt der Insider.

Nationalrat Bäumle, der seit vier Jahren Green Cross Schweiz präsidiert, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auf Anfrage des Schweizer Radios sagte er nur, dass «ich im Moment keine Informationen geben darf und kann». Und die Medienstelle von GCCH verwies auf eine knappe Medienmitteilung. Man werde die Sitzung des GCI-Vorstands in den nächsten Tagen abwarten und danach umfassend informieren. Offensiv informiert dagegen die Dachorganisation. Auf ihrer Webseite hat sie Informationen über die Finanzlage und mehrere Geschäftsbriefe veröffentlicht.

Auch Cousteau tritt zurück

Aus Protest gegen GC Schweiz ist nicht nur Gorbatschow zurückgetreten, sondern auch sein Nachfolger im Präsidium von GCI, Jean-Michel Cousteau. Der Sohn des Meeresforschers Jean-Jacques Cousteau war erst vor vier Monaten an die Spitze der Dachorganisation gewählt worden. Das Vorstandspräsidium ist bis auf weiteres vakant – so wie auch das Amt des Geschäftsführers von GCI. Nachdem der im letzten Herbst abgetretene CEO Alexander Likhotal noch nicht ersetzt worden ist, führt sein bisheriger Stellvertreter Pierre Müller die Geschäfte. Der frühere Stadtpräsident von Genf hat vor allem die Aufgabe, die Finanzen in Ordnung zu bringen. GCI ist zahlungsunfähig geworden, weil Einnahmen aus Spendengeldern versiegt sind. Das Total der Ausstände per Mitte Februar beziffert GCI auf rund 2,8 Millionen Franken.

In dieser Angelegenheit hat Müller seit Mitte Januar drei Briefe an GC Schweiz geschickt. Konkret geht es um 117 000 Franken aus dem letzten Quartal 2016. Weil die Schweizer Sektion, so der Vorwurf, Zahlungen eingestellt hat, soll die Dachorganisation in Liquiditätsprobleme geraten sein. GCI ist offenbar nicht mehr in der Lage, die Gehälter für das Personal zu zahlen sowie andere ­Betriebsaufwendungen zu decken. Aufgrund der verfügbaren Zahlen erschliesst sich allerdings nicht, weshalb der von den Schweizern zurückgehaltene Betrag die Finanznot von GCI verursacht haben soll.

Infografik: Von wem Green Cross International Geld erwartet Grafik vergrössern

Die Schweizer Sektion erklärte sich immerhin bereit, die Gehälter von bestimmten Angestellten zu übernehmen. GCCH weist in seiner knappen Medienmitteilung darauf hin, GCI sei «bisher nicht bereit, die notwendigen Angaben zur Finanzlage vorzulegen, damit die geforderte Restzahlung für das Jahr 2016 überwiesen werden kann». Sie hätten mit GCI schriftlich vereinbart, dass die Mitgliedszahlungen in Green-Cross-Projekte fliessen müssten und nicht anderweitig verwendet werden dürften.

Gemäss einer Zusammenstellung von GCI kommen auch andere Landesorganisationen ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nach, etwa Italien, die USA und vor allem Polen. Präsidiert wird die polnische Sektion von Dominika Kulczyk. Die 39-jährige Geschäftsfrau ist Tochter des Milliardärs Jan Kulczyk, der 2015 überraschend an den Folgen einer Opera­tion verstarb. Der Unternehmer Kulczyk galt als reichster Pole, und er verfolgte philanthropische Interessen. Aufgrund einer persönlichen Vereinbarung mit Gorbatschow hatte Kulczyk CGI mit Millionenbeträgen unterstützt. Das macht seine Tochter nicht. Von Green Cross Polen erwartet die Dachorganisation eine Zahlung von 1,5 Millionen Franken.

Dominika Kulczyk sitzt im Vorstand von GCI. Und nach dem Willen von Martin Bäumle hätte sie letzten Oktober Präsidentin und damit Nachfolgerin von Gorbatschow werden sollen. An der Vorstandssitzung in Moskau hatte Bäumles Antrag allerdings keine Chance. Nach dem raschen Abgang von Jean-Michel Cousteau könnte Kulczyk wieder ein Thema werden – falls sie überhaupt ein Interesse am GCI-Spitzenamt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2017, 20:11 Uhr

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Green Cross Schweiz

13 Millionen Franken Spenden

Green Cross International mit Sitz in Genf ist 1993 nach der UNO-Umwelt-Konferenz in Rio von Michail Gorbatschow gegründet worden. Die NGO engagiert sich weltweit für die Bewältigung von Folgeschäden aus Industriekatastrophen wie Tschernobyl, für die Sanierung von militärischen Altlasten aus der Zeit des Kalten Krieges und für die Prävention von neuen Kriegen. Green Cross ist in 30 Ländern vertreten.

Green Cross Schweiz, 1994 gegründet, nahm im letzten Jahr Spenden in der Höhe von 13 Millionen Franken ein – das ist ein Plus von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Mitgliederzahl konnte per Ende 2015 von 49'500 auf 51'700 Mitglieder erhöht werden. Green Cross Schweiz unterstützt sozialmedizinische Projekte in Tschernobyl und Fuku­shima sowie in Vietnam. Im Vordergrund steht die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen, die durch chemische, radioaktive und andersartige Verseuchungen betroffen sind. Ein Schwerpunkt ist die sichere und umweltverträgliche Eliminierung von nuklearen und chemischen Waffen.

GLP-Nationalrat Martin Bäumle amtet seit 2013 als Stiftungsratspräsident. Er war bereits 2007 in den Stiftungsrat gewählt worden. Geschäftsführerin ist Nathalie Gysi. Die Ziele der Schweizer GC-Sektion werden von der parlamentarischen Gruppe Green Cross unterstützt. Diese setzt sich parteiübergreifend aus 28 Ständerätinnen und -räten sowie aus 100 Nationalrätinnen und Nationalräten zusammen. (vin/SDA)

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