«Geld eignet sich nicht zum Essen»: Bauern verteidigen Agrarpolitik

Auf bis zu 20 Milliarden Franken schätzt Avenir Suisse die Kosten der Landwirtschaft. «Absurd», erwidert der Bauernverband.

Trotz der «immensen Kosten» klagten die Bauern über stagnierende Erträge, schreibt Avenir Suisse. Ein Bauernhof im Kanton Waadt. (Archivbild) Bild: Denis Balibouse/Reuters

Trotz der «immensen Kosten» klagten die Bauern über stagnierende Erträge, schreibt Avenir Suisse. Ein Bauernhof im Kanton Waadt. (Archivbild) Bild: Denis Balibouse/Reuters

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Avenir Suisse will die Schweizer Agrarpolitik grundlegend reformieren. In einer Studie beziffert die liberale Denkfabrik die derzeitigen gesamten volkswirtschaftlichen Kosten für Landwirtschaft und Ernährung in der Schweiz auf über 20 Milliarden Franken jährlich.

Knapp 3,7 Milliarden Franken des Voranschlages oder 5,1 Prozent der Bundesausgaben entfallen gemäss Ende August veröffentlichten Zahlen der Eidgenössischen Finanzverwaltung im kommenden Jahr auf «Landwirtschaft und Ernährung». Rund drei Viertel dieser Ausgaben sind Direktzahlungen an die Bauern.

«Immense Kosten»

Avenir Suisse dagegen spricht von volkswirtschaftlichen Kosten von über 20 Milliarden Franken pro Jahr für die Landwirtschaft. Die offiziellen Ausgaben des Bundes seien nur die Spitze des Eisbergs, kritisiert die Denkfabrik in einer Studie, die sie am Freitag in Bern vorstellen will.

Trotz der «immensen Kosten» klagten die Bauern über stagnierende oder gar rückläufige Erträge, schreibt Avenir Suisse. Das Preisniveau von Lebensmitteln sei für Konsumenten rekordhoch, neue Freihandelsabkommen verhinderten Marktabschottung und Zollschutz und die Umwelt werde übermässig belastet.

Weniger Regulierung

Avenir Suisse fordert Reformen. Mit einem Zehn-Punkte-Programm könnten die Kosten um rund 14,4 Milliarden Franken pro Jahr gesenkt werden und der heute «überregulierte Bauernstand» erhalte die Chance, sich zu «landwirtschaftlichen Unternehmern» zu entwickeln.

Die zehn Kernpunkte der Strategie sind: eine Grenzöffnung für Agrargüter, der Verzicht auf strukturerhaltende Transfers und auf Absatzförderung, eine Reform der Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen, eine zeitgemässe Definition der Versorgungssicherheit, ein Abbau der Regulierungsdichte, eine Modernisierung des Bodenrechts, die Senkung von Umweltkosten, die Einführung einer Agrarbremse und die Revision der Fusionskontrolle.

Bauernverband: «Reine Zahlenakrobatik»

Der Schweizer Bauernverband (SBV) hält nichts von den Reformvorschlägen. Das Papier strotze vor «absurden Behauptungen und unsinnigen Vorschlägen».

Bereits der erste Satz beweise, «dass die unnötige Denkfabrik nicht einmal so weit denken kann wie jeder Erstklässler», schreibt der SBV in einer Stellungnahme. Gemeint ist die Kritik, die Avenir Suisse daran äussert, dass die Agrarpolitik ein Dauerthema auf der politischen Agenda sei. Mit 0,7 Prozent Wertschöpfung sei die Wirtschaftskraft des Agrarsektors gering.

«Die Agrarpolitik ist wichtig, weil Geld sich nach wie vor nicht zum Essen eignet», schreibt der SBV dazu. Ohne landwirtschaftliche Produktion verhungerten die Menschen, womit auch niemand mehr da wäre, um Geld zu verdienen, so der Verband.

Als abstrus taxiert der SBV in einer Reaktion auf die Studie die Behauptung, die effektiven Kosten der Schweizer Landwirtschaft betrügen 20 Milliarden im Jahr. Dies sei «reine Zahlenakrobatik» mit völlig unrealistischen Annahmen.

Einnahmen von knapp 13 Milliarden Franken

Schweizer Bauernfamilien verkauften jedes Jahr Lebensmittelrohstoffe im Wert von rund zehn Milliarden Franken. Dazu kommen laut dem SBV Direktzahlungen in der Höhe von 2,8 Milliarden Franken. Zusammen mache dies Einnahmen von knapp 13 Milliarden Franken aus. «Avenir Suisse schafft das Kunststück, bei dieser Ausgangslage ein Sparpotential von 14 Milliarden auszumachen», so der Bauernverband.

Dass die Schweizer Landwirtschaft zu wenig wettbewerbsfähig sei, ist für den SBV eine «alte Leier». Vielmehr bewege sich die Landwirtschaft in einem teuren Kostenumfeld und die Direktzahlungen seien an Umwelt- und Tierwohlauflagen gebunden. Avenir Suisse vernachlässige auch den Wert, den die Landwirtschaft für den Tourismus habe.

(oli/sda)

Erstellt: 07.09.2018, 10:47 Uhr

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