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Die Abgeschriebene ist auf Aufholjagd

Die Medien haben ihr Urteil über SP-Frau Barbara Gysi bereits gefällt. Doch ihre Chancen, oberste Gewerkschafterin der Schweiz zu werden, scheinen zu steigen.

Ihre Disziplin ist die Realpolitik: Die St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi. Foto: Fabienne Andreoli
Ihre Disziplin ist die Realpolitik: Die St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi. Foto: Fabienne Andreoli

Ein kalter Wind pfeift durch den Berner Bahnhof. Barbara Gysi steht auf dem Perron und zupft sich die Ärmel ihrer Daunenjacke über die Handgelenke. Dann hustet sie. In ihrer Stimme knirscht noch die Grippe der Vorwoche. «Jaja», sagt Barbara Gysi angespannt. «Es geht jetzt voll durch bis Weihnachten.»

Barbara Gysi (54) ist unterwegs nach Lausanne. Die Vizepräsidentin der SP Schweiz und St. Galler Nationalrätin wirbt an einer Versammlung des waadtländischen Gewerkschaftsbundes um Unterstützung. Nächstes Wochenende strebt sie die Nachfolge von Paul Rechsteiner an der Spitze des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) an. Gysi will «Häuptling der Häuptlinge» werden. Frau Häuptling. Sie wäre die erste alleinige Präsidentin in der fast 140-jährigen Geschichte des SGB.

«Was ich verbessern will, ist, wie wir die Leute von der Basis einbeziehen und mitnehmen.»

Doch Barbara Gysi hat zwei Probleme. Erstens haftet ihr das Etikett der Verliererin an, seit sie 2015 das sicher geglaubte SP-Fraktionspräsidium verpasste. Zweitens stellte die Westschweiz ebenfalls noch nie einen SGB-Präsidenten. Und mit Pierre-Yves Maillard (50) bemüht sich einer der mächtigsten Sozialdemokraten der französischen Schweiz um den Job. Das macht die Sache schwierig. Frau oder Mann? Deutschschweiz oder Romandie?

Bis vor einigen Tagen schien es, als wäre das Rennen bereits gelaufen. Erst sicherte sich Maillard die Unterstützung wichtiger Gewerkschaftsverbände, insbesondere der Unia und der Eisenbahnergewerkschaft SEV. Dann schlugen sich die Medien auf seine Seite: Mit aller Wahrscheinlichkeit werde Maillard gewählt, befand die NZZ schon im Oktober. Er sei «halt der bessere Kandidat», schrieb die «Aargauer Zeitung». Schliesslich meldete sich auch noch Christiane Brunner zu Wort, die Frauenikone und ehemalige SP-Politikerin aus Genf. In einem Interview mit der Gewerkschaftszeitung «Work» erklärte sie, dass bei der anstehenden Wahl die Geschlechterfrage nebensächlich sei. Dass Brunner eine wichtige politische Ziehmutter von Maillard ist, blieb unerwähnt.

Vom Frauenhaus in die Politik

Jetzt sitzen sie Schulter an Schulter in einem stickigen Sitzungszimmer in Lausanne. Barbara Gysi links, Pierre-Yves Maillard rechts. Vor ihnen gut zwei Dutzend Gewerkschafter, viele kommen direkt von der Arbeit. Sie tragen noch die schweren Schuhe, verdrücken Sandwichs, leeren PET-Flaschen.

Dass Barbara Gysi einmal oberste Gewerkschafterin im Staat werden könnte, darauf deutete lange wenig hin. Sie wächst in Watt bei Regensdorf auf. Die Eltern wählen BGB, später SVP, wenden sich aber Mitte-links zu, als Christoph Blocher 1977 die Leitung der Zürcher Kantonalpartei übernimmt. Die Jugendunruhen der Achtzigerjahre verfolgt Barbara Gysi mit Interesse, sie bleibt aber auf Distanz. Als sie nach ihrem Studium in Biologie und Geografie keine Lehrerinnenstelle findet, hängt sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur Sozialpädagogin an. Anfang der Neunzigerjahre zieht sie nach Wil SG, arbeitet in einem Heim für Jugendliche, später in einem Frauenhaus, wird SP-Mitglied und steigt während zwanzig Jahren auf. Bis zur Vizestadtpräsidentin von Wil und SP-Fraktionspräsidentin im St. Galler Kantonsrat.

«Päckli-Politik wird kritisiert. Mein Ziel ist, die Demokratie in den Gewerkschaften zu stärken.»

Wenn sie heute nach ihrer Durchsetzungsfähigkeit gefragt wird, nach ihrem Biss, verweist sie auf jene Erfahrung: wie es ihr als Linker in einem durch und durch bürgerlichen Umfeld gelang, Lösungen zu finden und Mehrheiten zu schaffen. Ihre Disziplin ist nicht die spektakuläre Rede, sondern das mühsame Klein-Klein der Realpolitik.

An diesem Abend in Lausanne erscheinen die Unterschiede zwischen ihr und ihrem Konkurrenten wie unter einem Brennglas. Gysi kämpft mit der Sprache, pendelt zwischen Schulfranzösisch und dem technokratischen Slang der Bundesverwaltung. Maillard spricht, als hätte er die letzten vierzehn Jahre nicht in einer gemütlichen Regierungsstube verbracht, sondern auf einer Baustelle. Gysi doziert über die vielen parlamentarischen Kommissionen, denen sie schon angehört hat. Maillard berichtet von der harten Arbeiterwelt seiner Eltern und den zwanzig Arbeitskämpfen und Streiks, die er einst als Gewerkschaftssekretär der Metall- und Uhrenindustrie geführt hat.

Während Gysi spricht, stehen viele Gewerkschafter auf und decken sich an der Bar mit zusätzlichen Sandwichs ein. Während Maillard spricht, knackt keine PET-Flasche, raschelt kein Papiersäcklein.

Konkurrenz der Gewerkschaften

Und doch: Entschieden ist dieses Duell noch nicht. Zum einen zeigten die letzten Tage, dass Maillard weder in der Unia noch in der Westschweiz ungeteilte Unterstützung geniesst. Vielen Gewerkschaftern missfällt es, dem Mitarchitekten der Tiefsteuerstrategie des Kantons Waadt ihre Stimme zu geben. Zum anderen wird im Verlauf dieser Kampagne immer deutlicher, dass es für die 237 Delegierten am SGB-Kongress nicht nur darum geht, eine Quotenfrage – Geschlecht vs. Sprachregion – zu beantworten. Zu klären ist die Machtfrage innerhalb der grössten Arbeitnehmerorganisation des Landes.

Seit Paul Rechsteiner 1998 das SGB-Präsidium übernahm, hat sich die Gewerkschaftslandschaft der Schweiz fundamental verändert. Zur Jahrtausendwende existierte ein gutes Dutzend mittelgrosser Verbände in relativer Harmonie nebeneinander. Heute gibt es einen Koloss und daneben viele Zwerge. Die Unia ist grösser und mächtiger als alle anderen Gewerkschaften zusammen.

Wer sorgt künftig für den Frieden?

Weil die expansive Unia zunehmend in Branchen vorstösst, die andere Gewerkschaften als ihren Bereich erachten, kommt es immer wieder zu Territorialkämpfen. Bislang gelang es SGB-Präsident Paul Rechsteiner, diese Konflikte zu entschärfen. Die Frage ist: Wer wird es in Zukunft richten? Ein Unia-Mann wie Maillard? Oder Gysi von der mittelgrossen Beamtengewerkschaft VPOD? Ein schlachterprobter Charismatiker? Oder eine zurückhaltende Schafferin?

Die Differenzen setzen sich fort bei den Plänen der Kandidaten. Pierre-Yves Maillard spricht in Lausanne über eine Volksinitiative für einen 13. Monatslohn. Profitieren würden davon vorab Menschen im Tieflohnsektor.

Barbara Gysi wirbt für eine Volksinitiative für die 35-Stunden-Woche bei gleichem Lohn. Die Verkürzung der Arbeitszeit habe mehrere wichtige Effekte, sagt sie. Sie erleichtere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sie werde vielen Teilzeitbeschäftigten erlauben, ihr Pensum zu erhöhen, und sie schütze vor Arbeitslosigkeit, wenn in den nächsten Jahren wegen der Digitalisierung Hunderttausende Jobs verschwinden. Wer aber soll für die Kosten aufkommen? Die Arbeitgeber, findet Gysi. «Die Produktivitätsgewinne waren gross in der letzten Zeit. Aber es ist nichts zurückgeflossen.»

«Sie ist eine starke Verhandlerin und eine Teamplayerin.»

Cédric Wermuth

Cédric Wermuth ist Gysis Sitznachbar im Nationalrat. Sie werde gerne unterschätzt, sagt er. «Es macht nicht ‹Peng!› und dann ist sie da. Barbara Gysi erarbeitet sich die Themen kontinuierlich.» Das habe damit zu tun, dass sie sehr präzis arbeite und ihre Positionen gut absichere. «Sie ist eine starke Verhandlerin und eine Teamplayerin.»

Auf den Dialog will Gysi auch beim SGB setzen. Es habe sich an der Basis und in den Verbänden viel Unmut aufgestaut, sagt sie während der Rückreise nach Bern. Bei der Altersreform und dem AHV-Steuer-Deal habe man wichtige Diskussionen nicht geführt. «Diese Päckli-Politik wird kritisiert. Mein Ziel ist es, die innergewerkschaftliche Demokratie zu stärken und den Austausch zu intensivieren.» Aber hat sie diese Päckli-Politik nicht auch mitgetragen? «Das stimmt. Ich unterstütze die erarbeiteten Lösungen. Was ich verbessern will, ist, wie wir die Leute von der Basis einbeziehen und mitnehmen.»

Es ist kurz vor Mitternacht, als der Zug in Bern eintrifft. Der Wind hat nachgelassen. Barbara Gysi eilt übers Perron. Die nächste Sitzung beginnt in wenigen Stunden.

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