Auch das Maiensäss ist eine Zweitwohnung

Hintergrund

Landschaftsschützer befürchten, dass viele Maiensässe verlottern werden – weil sie wegen der Zweitwohnungsinitiative nicht einmal mehr minim ausgebaut werden dürfen.

Diese Hütten sind meist Zweitwohnungen: Ein Maiensäss im Schanfigg GR.

Diese Hütten sind meist Zweitwohnungen: Ein Maiensäss im Schanfigg GR.

(Bild: Keystone Arno Balzarini)

Janine Hosp

Von der kleinen Hütte steht wenig mehr als das Skelett, das Holz ist morsch und von der Zeit so stark geschwärzt, als wäre es verkohlt. Was von der Hütte noch steht, steht schief. Die Dachschindeln liegen überwuchert am Boden, nur ein paar schwarze Dachbalken ragen noch in den Himmel. Im Gebiet Hochwang zwischen Chur und Arosa begegnen Wanderer vielen solchen zerfallenen Holzbauten. Die einen sind noch als Hütte erkennbar, andere sind nur noch ein Haufen Schutt und Holz. Bündner Landschaftsschützer befürchten, dass es im Schweizer Alpenraum künftig noch mehr werden könnten – wegen der Zweitwohnungsinitiative, die das Volk vor zwei Jahren angenommen hat.

Bisher durften die Besitzer ihre Maiensässe minim ausbauen, etwa ein Toilettenhäuschen anbauen oder Dach oder Keller nutzbar machen. Das wird künftig aber kaum mehr möglich sein; die kleinen und entlegenen Maiensässe werden höchst selten als Erstwohnung genutzt und fallen damit unter die Bestimmungen der Zweitwohnungsinitiative, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtete. Danach dürfen die Besitzer in Gemeinden mit einem Anteil an Zweitwohnungen von über 20 Prozent weder deren Fläche noch deren Zahl erhöhen.

Rustici auch nur für die Ferien

Wenn die Besitzer ihre Maiensässe aber gar nicht mehr ausbauen dürfen, seien sie für diese womöglich nicht mehr interessant und sie liessen sie verfallen, befürchtet Peter Tarnutzer. Schliesslich verfügten Maiensässe ursprünglich weder über Strom noch über Wasser oder einen Wasseranschluss. Tarnutzer ist Präsident des Vereins für Raumentwicklung, Kultur und Landschaft. Er und seine Mitstreiter wollen das Kulturgut ihrer Vorfahren erhalten und – inbesondere Maiensässe und ihre Ställe – so weiterentwickeln, dass sie ein Gewinn für die Menschen sind. Der Tourismuskanton Graubünden könne es sich nicht leisten, dass Maiensässe zerfielen und als Ruinen das Landschaftsbild verschandelten, meint Tarnutzer.

Das Tessin hat es nach Ansicht der Landschaftsschützer besser gemacht als Graubünden. Es hat schon vor zwanzig Jahren begonnen, sogenannte landschaftsprägende Zonen für seine Rustici zu schaffen. In diesen dürfen Ökonomiebauten wie zum Beispiel Ställe zu Wohnungen umgenutzt werden – auch zu Ferienwohnungen. Sie dürfen laut Raumplanungsgesetz immerhin so weit umgebaut werden, als dass ihre äussere Erscheinung und Grundstruktur im Wesentlichen erhalten bleibt. 10'000 Gebäude hat der Kanton Tessin auf diese Weise bereits unter Schutz gestellt.

Im Kanton Graubünden existiert nur gerade eine landschaftsprägende Zone im Schams. Dies unter anderem, weil sie auch viele Pflichten mit sich bringt, wie Carlo Decurtins sagt, Jurist für Raumplanung im Departement für Volkswirtschaft und Soziales. So müssen sich die Besitzer etwa verpflichten, dass sie auch das Umland ihres Maisensässes pflegen. Der Kanton Graubünden hat stattdessen Erhaltungszonen geschaffen. Damit konnte er kleine Dörfer und Ensembles von Ställen und Häusern authentisch bewahren. Da diese Zonen aber Bauzonen sind, unterliegen sie den Bestimmungen der Zweitwohnungsinitiative.

Letztlich, so ist Tarnutzer überzeugt, sei es nicht im Sinne der Zweitwohnungsinitiative, wenn Maiensässe nicht richtig genutzt werden könnten. Die Initiative richte sich schliesslich gegen den masslosen Landverbrauch und nicht gegen bestehende Bauten. «Viele Stimmberechtigte haben wohl nicht an diese Folgen gedacht. Diese zeigen sich erst im Nachhinein.»

Ruinen überdauern Jahre

Die Kantonsverwaltung wird laut Carlo Decurtins die Bündner Parlamentarier in Bern auf die Debatte über das Ausführungsgesetz hin «briefen». Sie sollen sich dafür einsetzen, dass sämtliche Zweitwohnungen erweitert werden können. So dürfen zwar Personen, die in einer eigenen Wohnung leben, diese später auch in eine Ferienwohnung umwandeln und verkaufen – aber nur, wenn sie sie nicht erweitert haben, seit die Initiative in Kraft ist. «Das kommt faktisch einem Erweiterungsverbot gleich und betrifft viel mehr Wohnungen und Häuser als Maiensässe», sagt Decurtins.

Das Ausführungsgesetz kommt frühestens in der Sommersession in den Ständerat. Seine vorberatende Kommission wird es im Frühling beraten. Und wenn die Parlamentarier der Bergkantone keinen Erfolg haben? «Dann wird es dabei bleiben», meint Tarnutzer. Maiensässe und Ställe würden zerfallen, und «ihre Ruinen werden für Jahrhunderte das Landschaftsbild stören».

Tages-Anzeiger

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