Aperöle statt schaffe

Warum wir lieber Velo fahren als Fahrrad und gmögige Gemeindepräsidenten toll finden. Ein Hauptverlesen.

Ein belebendes Wort: Waggis, erklärt im Mundartlexikon.<br />Foto: Nik Hunger/Schweizerisches Idiotikon

Ein belebendes Wort: Waggis, erklärt im Mundartlexikon.
Foto: Nik Hunger/Schweizerisches Idiotikon

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Ein Lehrer hat uns erklärt, was wir beim «Tages-Anzeiger» alles falsch machen. Was in den vielen Beispielen von Johannes Wyss beinahe unterging, war seine Mahnung. Wörter wie «parken» oder «Fahrrad» seien zwar richtig, in der Schweiz sagten wir aber «parkieren» und «Velo». Die über 3000 anerkannten Helvetismen sollten wir als Teil unserer Sprachkultur bewahren.

Weil wir das lässig finden

Wie recht er doch hat. Kein Fahrrad soll durch unsere Spalten radeln. Wir trotten auf dem Trottoir und gehen nicht auf dem Gehsteig. Wir warten auch lieber auf dem Perron als auf dem Bahnsteig, weil der Zug nicht nach Wuppertal fährt, sondern nach Genève über Biel/Bienne, Neuchâtel und Yverdon. Bei einer Sosse wird uns schon beim Lesen schlecht, dafür mögen wir das Zurückfassen beim Militär, wenn auch nur das. Wir essen in der Beiz grillierte Cervelats und trinken dazu eine Stange. Wir wohnen im Parterre, schlafen im Pyjama, lassen die Storen herunter und versorgen, wischen, zügeln, schlitteln und plangen, weil wir das lässig finden.

So weit die anerkannten Helvetismen. Aber was ist mit den anderen? Die Deutschschweizer leiden an einer Krankheit, für die es keine Heilung gibt, der Diglossie: Sie reden anders, als sie schreiben. Sie sagen «d Schlappe uff em Bach» und meinen die Schiffe auf dem Rhein. Sie sagen «aperöle statt schaffe» und alkoholisieren ein Substantiv zum Verb. Sie «chüschele und müntschele», sie flüstern und küssen sich. Sie singen vom «Bärejage» und meinen den Berner Stempel für das Arbeitslosengeld. Zudem raten sie, neutral, wie sie sind, zu einer defensiven Kriegstaktik: «Wit vam Gschizz git aalti Chrieger.»

«Schreibe, wie du redest, so schreibst du schön», hat Lessing geschrieben, aber der war Deutscher und hatte es leichter. Wir haben es schwer; beim Upgraden der Dialekte in das Hochdeutsche drohen Gefühle verloren zu gehen, und wir stehen, wie es bei uns heisst, mit abgesägten Hosen da. Man könne auf Dialekt weniger gut lügen, hat Mani Matter gesagt. Kaum einer hat auf Berndeutsch so viel Wahres gesagt wie er, andererseits gab es damals noch keine «Arena». Vielleicht klingen unsere Lügen bloss gemütlicher als die der Deutschen. Und der Gemütlichkeit ist nie zu trauen mitsamt ihren Diminutiven. Der Germanist Peter von Matt warnt vor einer Verkitschung der Sprache durch Überbewertung des Dialekts. Und besteht darauf, dass unser Schweizerhochdeutsch auch eine Muttersprache sei. Wer diese nur dem Dialekt zugestehe, zeige Denkschwäche, Sentimentalität und Borniertheit.

Dürrenmatt gibt herum

Von Matt hat mit allem recht. Wir wollen ja auch, dass Deutsche beim Lesen drauskommen. Trotzdem sollte es möglich sein, dass gelegentlich ein gmögiger Gemeindepräsident auf unseren Zeitungsseiten Platz nimmt und ein Stürmisiech so schnell durch unsere Spalten rennt, dass ihm das Hemd aus der Hose lampt. Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, Friedrich Glauser und Niklaus Meienberg haben gezeigt, wie sehr Dialektwörter die Sprache vitalisieren können. «Schüssed Si los», lässt Meienberg einen Militär sagen. «Hocked ab», befiehlt Glausers Wachtmeister Studer. «Es war der Plausch, Grossvater», sagt der Enkel am Schluss von Frischs Stück über die Armeeabschaffung, das trotzdem kein Plausch war, sondern ein Geleier.

Als Romulus der Grosse in Dürrenmatts römischer Komödie das Morgenessen verlangte und der deutsche Darsteller bei den Proben korrigierte, das müsse wohl «Frühstück» heissen, schrieb Dürrenmatt die Szene um. In der neuen Fassung verlangt Romulus immer noch das Morgenessen, der Zeremonienmeister korrigiert ihn. Worauf Romulus ihm herumgibt: «Was in meinem Hause klassisches Latein ist, bestimme ich.» So ist es, hueregopferdammisiech.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2016, 23:05 Uhr

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