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«Es tauchen absurdeste Theorien auf»

Verschwörungstheorien gegen Juden sind in der Schweiz auf dem Vormarsch – das zeigt der aktuelle Antisemitismus-Bericht.

Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich. Foto: Urs Jaudas
Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Tödliche Angriffe auf jüdische Institutionen sind in jüngster Zeit erschreckend häufig geworden: Pittsburgh, Poway (beide USA) oder Halle sind drei der tödlichen Attentate, die sich seit Oktober 2018 ereignet haben. Was diese Anschläge verbindet, sind auch krude Ideologien, die den Attentätern als Rechtfertigung zugrunde liegen. Antisemitische Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur. Das hält auch der neue Antisemitismus-Bericht fest, der heute erscheint.

«Es tauchen absurdeste Theorien auf, die teils auch miteinander verknüpft werden», schreibt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund in seinem Bericht. Alle weisen letztlich auf eine angebliche jüdische Weltverschwörung hin. Der SIG verzeichnete im letzten Jahr 521 psychische und physische Vorfälle in der deutschen Schweiz (lesen Sie hier, wie Schweizer Juden aufgrund des Hasses vorsichtiger geworden sind). Davon griffen 190 eine antisemitische Verschwörungstheorie auf. Die meisten davon als Onlinekommentare im Internet.

Die Urheber der genannten Attentate begründeten ihre Taten mit der Replacement Theory. Diese besagt, dass die angeblich alles beherrschenden Juden die europäische, weisse Bevölkerung durch arabische und afrikanische Einwanderer ersetzen wollen. Damit würden sie eine Mischrasse erschaffen, die von minderer Intelligenz und so besser zu kontrollieren sei.

«Die Replacement Theory ist vielseitig anwendbar», sagt der Extremismus-Forscher Daniel Rickenbacher. Die Juden würden für die Migration verantwortlich gemacht – egal um welche Migranten es sich handelt. «So rechtfertigen die Täter ihre Angriffe auf jüdische Institutionen.» In den USA liege der Fokus auf der hispanischen Einwanderung, in Europa eher auf der Migration aus muslimischen Ländern oder Afrika, sagt Rickenbacher.

Sabine Simkhovitch-Dreyfus, Vizepräsidentin der SIG, schreibt im Vorwort des Berichts vom «Judenhass als Chamäleon»: «Der Antisemitismus und seine fortwährende Anpassung an aktuelle Bedingungen und Diskurse in Gesellschaft und Politik.» Antijüdische Verschwörungstheorien würden sich seit dem 19. Jahrhundert grosser Beliebtheit erfreuen, sagt Rickenbacher (lesen Sie im Interview mit einem Historiker mehr über den neuen Judenhass in Europa).

9/11 als Wendepunkt

Nach den 9/11-Anschlägen erhielten die Verschwörungstheorien gemäss Rickenbacher Aufwind. Vor allem durch die Truthers – die sogenannte Wahrheitsbewegung zum 11. September –, die jüdische Drahtzieher hinter dem Anschlag vermuten. Attentäter nahmen in ihren Manifesten Bezug auf die Replacement Theory. «Spätere Attentäter können fortan auf Vorbilder zurückgreifen», sagt Rickenbacher.

SIG-Vizepräsidentin Simkhovitch-Dreyfus schreibt im Bericht: «Was uns immer bewusst werden muss: Auf Worte können Taten folgen.» Für gewisse Menschen würden selbst die wirrsten Verschwörungstheorien wahr erscheinen. «Entsprechend irrational können daher auch ihre abgeleiteten Handlungen sein.»

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