Es geschah am helllichten Tag

Nach einer Brand- und Messerattacke in der Südostbahn sterben eine 34-jährige Frau und der Täter. Sie haben sich nach heutigem Erkenntnisstand nicht gekannt.

Ein Amoklauf? Oder ein erweiterter Suizid? Die Suche nach dem Motiv des Anschlags ist schwierig. Foto: 20 Minuten

Ein Amoklauf? Oder ein erweiterter Suizid? Die Suche nach dem Motiv des Anschlags ist schwierig. Foto: 20 Minuten

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Es geschah im vermeintlich friedlichen St. Galler Rheintal, am helllichten Tag, in einem Regionalzug der Südostbahn. Dort entfachte ein 27-jähriger Schweizer am Samstagnachmittag einen Brand und stach mit einem Messer auf Mitreisende ein. Dabei versehrte er eine 34-jährige Frau derart schwer, dass sie gestern ihren Verletzungen erlag. Auch der Täter ist am Sonntag verstorben.

Angriff in der Schweiz

Weitere drei Personen – ein 6-jähriges Kind sowie zwei Frauen im Alter von 17 und 43 Jahren – lagen auch gestern Abend noch im Spital. Sie sind laut Hans­peter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen, «schwer- bis schwerstverletzt». Zwei Männer, die durch den Anschlag ebenfalls verletzt worden waren, konnten dagegen inzwischen das Spital wieder verlassen.

Nach heutigem Erkenntnisstand haben sich der Täter und seine Opfer nicht gekannt. Mit Sicherheit sind sie nicht eng miteinander verwandt. Dies spricht gegen ein Beziehungsdrama. Doch was war es dann? Ein Amoklauf? Oder ein erweiterter Suizid? «Gegenwärtig können wir kein Motiv erkennen», sagt Polizeisprecher Krüsi. Es gebe auch «keine Anzeichen für eine terroristische oder politisch motivierte Tat».

Täter brennend aus Zug gezerrt

Die Suche nach dem Motiv geht also weiter. Und sie wird durch den Tod des Täters erschwert. Auch vor seinem Ableben konnten die Ermittler nicht mit ihm sprechen, zu schwer waren seine Verletzungen. Der Polizei liegt aber eine Videoaufnahme aus dem Zug vor. Darauf sieht man, wie der 27-jährige ­Täter eine brennbare Flüssigkeit ausschüttet. Überdies ging er mit einem Messer auf Mitreisende los. Auch er selbst erlitt Schnittwunden. Ob er sich diese absichtlich zufügte, will Krüsi nicht kommentieren.

Augenzeugen berichten von grauenhaften Bildern, die sich ihnen offenbarten. Einige Passagiere versuchten, die in Brand gesteckten Personen zu löschen. Sämtliche Opfer stammen aus dem St. Galler Rheintal, der Täter hingegen kam aus einem Nachbarkanton – aus welchem, wollte die Polizei nicht sagen. Dafür teilte sie mit, der 27-Jährige sei ­weder kriminalpolizeilich verzeichnet noch im schweizerischen Strafregister eingetragen. Offenbar trägt er einen typisch schweizerischen Namen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er als Einzeltäter gehandelt hat.

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Als er am Samstagnachmittag kurz nach 14.15 Uhr losschlug, befand sich der Zug zwischen Buchs und Altstätten SG – kurz vor dem Bahnhof Salez-Sennwald. Der alarmierte Lokomotivführer fuhr den brennenden Zug bis zum nahen Bahnhof und erleichterte so den Rettungskräften den Einsatz. Ein Mann, der auf dem Perron stand, eilte zu Hilfe und zog den brennenden Täter aus dem Zug. Dabei verletzte er sich selbst, konnte das Spital aber wie erwähnt wieder verlassen.

Die Polizei analysiert nun die Flüssigkeit, die als Brandbeschleuniger eingesetzt wurde. Die Ermittler haben auch das Haus des Täters durchsucht – freilich ohne die Frage nach dem Motiv klären zu können. Der Anschlag weckte am Samstag weitherum Erinnerungen an die Terrorattacke in einer Regionalbahn bei Würzburg. Dort hatte ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling vor rund einem Monat fünf Passagiere mit einer Axt und einem Messer teils lebensgefährlich verletzt. Darauf erschoss die Polizei den Täter, der sich in einem Video zur Terrormiliz IS bekannt hatte. Entsprechend aufgeregt verhielten sich einige ausländische Medien, welche die Kantonspolizei St. Gallen und Schweizer Medien um weitere Informationen angingen. Auch Vertreter diverser Botschaften und Konsulate meldeten sich in St. Gallen.

90 Personen im Einsatz

Weder bei der Südostbahn noch bei den SBB kann man sich an einen ähnlich gravierenden Vorfall erinnern. Insgesamt standen 90 Personen von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten, Bahn und der psychologischen Ersten Hilfe im Einsatz. Der Bahnhof Salez-Sennwald wurde vorübergehend gesperrt und erst am Samstagabend wieder freigegeben.

Am Fahrzeug entstand ein Sach­schaden von über 100'000 Franken. Der Zug war zum Zeitpunkt der Tat mit mehreren Dutzend Passagieren besetzt. 50 bis 60 Personen wurden noch vor Ort psychologisch betreut. Auch ein Careteam der Bahn stand im Einsatz. Die Kantonspolizei St. Gallen bittet alle Zeugen, die nicht bereits befragt werden konnten, sich unter der Telefonnummer 058 229 49 49 zu melden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2016, 23:12 Uhr

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