Als Lenin unbemerkt die Schweiz verliess

Die Russische Revolution begann vor 100 Jahren. Von Zürich aus machte sich Lenin in seine Heimat auf. Nur hat das damals in der Schweiz niemand mitbekommen.

Die «Schweizer Illustrierte» berichtete erst im Dezember 1917 über die Bedeutung Lenins. Foto: RDB, SI

Die «Schweizer Illustrierte» berichtete erst im Dezember 1917 über die Bedeutung Lenins. Foto: RDB, SI

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Doch, der Herr Lenin sei hier durchgekommen. «Mit ausgezeichneter Höflichkeit hat er sich benommen», berichtet der Leiter des Zollamts Thayngen SH Ende 1920 dem Aussendepartement in Bern. Der Vorfall, der bei den Grenzbeamten ansonsten keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, liegt da schon fast drei Jahre zurück. Am 9. April 1917 begann der spätere Revolutionsführer zusammen mit 31 weiteren Exilrussen in Zürich eine Zugfahrt, die ihn via Deutschland, Schweden und Finnland nach St. Petersburg und damit mitten in die Weltgeschichte führte. Eine Sternstunde der Menschheit sei dieser 9. April gewesen, schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig zwei Jahrzehnte später. In der Schweiz jedoch beginnt das Aussendepartement erst 1919 zu untersuchen, wie diese Reise überhaupt hatte stattfinden können.

Auslöser ist die internationale Presse, die über immer neue Details der Fahrt berichtet, von der in der Schweiz kaum jemand Notiz genommen hatte. Damals, als die russischen Revolutionäre zwei reservierte Wagen dritter Klasse im Zürcher Hauptbahnhof bestiegen und in einem «gewöhnlichen Bummelzug» in Richtung Schaffhausen losfuhren.

Lediglich der Proviant wurde kontrolliert, bevor man die Gruppe an der Grenze den deutschen Behörden übergab.

Die Chefs von Nachrichtendienst, Zoll und Verkehrsdepartement erhalten im Februar 1919 Post, wie aus einst geheimen Akten im Bundesarchiv hervorgeht. Es sei von «grösstem Interesse, zu wissen, wie diese Reise organisiert wurde», schreibt das Aussendepartement. Die Antworten der Angefragten fallen knapp aus: «Wir haben keinerlei Kenntnis von dieser Sache», so der Nachrichtendienst. «Wir haben nie damit zu tun gehabt», teilen die SBB via Verkehrsdepartement mit.

Einzig die Zolldirektion leitet Monate später zwei Berichte der Ämter in Thayngen und Schaffhausen weiter, die die Ausreise Lenins und «einer grösseren Zahl Begleitmannschaft russischer Nationalität» bestätigen. Offiziell registriert wurde die Ausreise jedoch nicht. Lediglich der Proviant wurde kontrolliert, bevor man die Gruppe an der Grenze den deutschen Behörden übergab.

Ein harmloser Sonderling

Wie kann es sein, dass mitten im Ersten Weltkrieg eine Gruppe Revolutionäre in aller Öffentlichkeit die Schweiz verlässt und in Bundesbern offiziell niemand etwas mitbekommt? Sicher ist: Lenin wurde nicht als künftiger Herrscher Russlands wahrgenommen, sondern als harmloser Kauz. «Sein Einfluss auf Schweizer war minim», hielt Ernst Nobs fest, damals Chefredaktor der linken Zeitung «Volksrecht» und später der erste sozialdemokratische Bundesrat. Lenin sei zwar regelmässig an Parteiversammlungen erschienen, jedoch nur als Beobachter. «Er hat nie das Wort ergriffen», so Nobs. Und Lenins Ehefrau schreibt in ihren Erinnerungen an Zürich, ihr Mann habe versucht, «die Arbeit in internationalem Massstab in Gang zu bringen». Zu seinen Versammlungen seien aber nur am Anfang einige Schweizer gekommen. Danach seien «Russen und Polen» unter sich gewesen.

Wladimir Uljanow, wie Lenin mit bürgerlichem Namen hiess, war 1914, wenige Wochen nach Kriegsausbruch, zusammen mit Gattin und Schwiegermutter in die Schweiz eingereist. Er lebte zuerst in Bern und ab Februar 1916 in Zürich – in bescheidenen Verhältnissen. Seine Frau schreibt, dass in Zürich eine Prostituierte am Mittagstisch der ersten Vermieterin sass. Sie habe in aller Offenheit über ihren Beruf gesprochen.

Anders als an früheren Auslandstationen versteckte sich Lenin in der Schweiz nicht. Er benutzte keine falsche Identität, aus seiner politischen Gesinnung machte er nie ein Geheimnis. Die Zürcher Einwohnerkontrolle liess ihn einen Fragebogen für Deserteure ausfüllen. Lenin schrieb darauf: Er sei kein Deserteur, sondern ein politischer Flüchtling. Interessiert hat das die Schweiz nicht. Sobald Lenin 100 Franken in bar als Kaution hinterlegen konnte, bekam er die Aufenthaltsbewilligung.

Lenin versteckte sich in der Schweiz nicht. Er benutzte keine falsche Identität, aus seiner politischen Gesinnung machte er nie ein Geheimnis.

Anders verhielt es sich mit Deutschland. Schon 1915 schrieb Gisbert von Romberg, deutscher Botschafter in Bern, in einer Depesche nach Berlin, dass es gelungen sei, einen Spion ins Umfeld des «bekannten Revolutionärs Lenin» einzuschleusen. Deutschland, das damals an der Ostfront gegen die Armee des russischen Zaren kämpfte, wusste dank des Spions genau, dass die Gruppe um Lenin im Fall einer Machtübernahme bereit wäre, mit Deutschland Frieden zu schliessen.

Einstweilen beobachteten die Deutschen das Geschehen in der Schweiz nur, denn unter dem Zaren war es für die Exilrevolutionäre undenkbar, nach Russland zurückzukehren. Doch Mitte März 1917 war der Zar plötzlich nicht mehr an der Macht. In St. Petersburg hatte eine bürgerliche Regierung übernommen. In der Schweiz begannen rund 500 russische Revolutionäre verschiedenster politischer Richtungen, ihre Heimkehr zu planen.

Wer genau die Idee für die Zusammenarbeit mit Deutschland hatte, darüber streiten Historiker. Fakt ist, dass Botschafter Romberg am 23. März 1917 «ganz geheim!» nach Berlin telegrafierte, die Russen wünschten über Deutschland heimzukehren. Aus deutschen Akten geht hervor, dass mindestens drei Schweizer als Vermittler beteiligt waren: Aussenminister und FDP-Bundesrat Arthur Hoffmann sowie die Zürcher SP-Politiker Nationalrat Robert Grimm und Generalsekretär Fritz Platten.

Rolle der Schweiz durfte nicht erwähnt werden

Grimm, der es weder politisch noch menschlich mit dem Bolschewisten Lenin konnte, erhielt vom Zentralkomitee der russischen Emigranten, in dem Lenins Gegner, die Menschewisten, dominierten, den Auftrag, mit der Schweiz und Deutschland über die Ausreisemodalitäten zu verhandeln. Die deutschen Akten belegen, dass Bundesrat Hoffmann die Rolle des Briefträgers zwischen dem deutschen Botschafter und Grimm übernahm. Platten ersetzte Grimm schliesslich in der letzten Phase der Verhandlungen als Vermittler und begleitete auch den Zug bis an die russische Grenze.

Möglicherweise war mit Justizminister Eduard Müller noch ein zweiter Bundesrat involviert. Zumindest steht der Name des 1919 im Amt verstorben deutschlandfreundlichen Politikers in einem Protokoll des Zentralkomitees. Aber um eine vom Gesamtbundesrat abgesegnete Aktion handelte es sich bei der Zugfahrt wohl nicht. So gab der Schweizer Botschafter nach der Ankunft Lenins in Russland auf Nachfrage der russischen Regierung an, nichts gewusst zu haben. Der Deutsche Romberg hielt kurz vor Abfahrt des Zuges in einem Telegramm fest, die Schweizer Rolle dürfe «keinesfalls erwähnt werden». Zudem hat Hoffmann gemäss Romberg die Grenzbeamten informell angewiesen, den Russen keine Schwierigkeiten zu machen.

Ein Bundesrat muss zurücktreten

Anders als Grimm und Platten war der bürgerliche Hoffmann nicht an einer sozialistischen Revolution in Russland interessiert. Der Aussenminister arbeitete auf ein Ende des Krieges hin, dessen wirtschaftliche Folgen sich in der Schweiz immer stärker bemerkbar machten. Eine zweite Einzelaktion zusammen mit Grimm wenige Wochen nach Lenins Zugreise kostete ihn dann politisch den Kopf.

Grimm war nach St. Petersburg gereist, um auf einen Separatfrieden zwischen Russland und Deutschland hinzuarbeiten. Per Telegramm informierte er Hoffmann über den Zwischenstand. Hoffmanns Antwort wurde jedoch den Franzosen zugespielt. Der Vorfall wurde öffentlich bekannt. Bundesrat Hoffmann musste zurücktreten, weil die Alliierten die Schweiz der Verletzung der Neutralität bezichtigten. Vor allem in der Westschweiz war die Empörung gross. Es kam zu Demonstrationen.

Lenins Zugfahrt interessierte in der Schweiz noch immer nicht. Die Ankunft der Revolutionäre in Russland am 16. April 1917 wurde selbst in der linken Zeitung «Volksrecht» nur kurz vermeldet. Der Name Lenin blieb unerwähnt. Notiz von ihm nahmen die Schweizer erst, als er im November plötzlich an der Spitze Russlands stand. Der unscheinbare Herr Uljanow aus Zürich und Bern, erklärte darauf die «Schweizer Illustrierte» in einer Titel­geschichte, das sei jetzt der Lenin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 18:22 Uhr

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