«Alle müssen im öffentlichen Raum eine Identität haben»

Für Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbundes und des Rates der Religionen, ist die Burka kein religiöses, sondern ein ideologisches Problem.

«Es geht um das Grundrecht der Identifikationsmöglichkeit»: Kirchenbund-Präsident Gottfried Locher. Foto: Fabian Unternährer

«Es geht um das Grundrecht der Identifikationsmöglichkeit»: Kirchenbund-Präsident Gottfried Locher. Foto: Fabian Unternährer

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Wie halten Sie es mit dem Burkaverbot?
Ich bin dagegen, dass sich jemand in der Öffentlichkeit vermummt. Kleidervorschriften sollten wir nicht machen. Aber wir legen Grenzen fest, und zwar in beide Richtungen. Wir gehen aus sittlichem Empfinden nicht nackt auf die Strasse. Andererseits stellen wir sicher, dass jemand, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, eine Identität besitzt. Dazu gehört, dass man sein Gesicht sieht. Für mich gilt die Kurzformel: Gesicht zeigen heisst Mensch sein. Wer das Gesicht nicht zeigt, gibt das Wesentliche seiner Identifikationsfähigkeit preis. Darum fände ich ein allgemeines Vermummungsverbot besser als ein spezifisches Burkaverbot. Fasnacht selbstredend ausgenommen.

Sagen Sie das auch als Präsident des Schweizerischen Rates der ­Religionen?
Nein. Das ist zunächst meine persönliche Meinung. Ich spreche als Ratspräsident des Evangelischen Kirchenbundes. Im Rat der Religionen gibt es keine konsolidierte Meinung zur Burkafrage.

In der Regel argumentierten die Kirchen mit der Religionsfreiheit gegen ein Burkaverbot. Sie offenbar nicht?
Ich plädiere ganz grundsätzlich dafür, Religion und Burka auseinanderzuhalten. Wir sprechen nicht von Kleidervorschriften, sondern von der Frage, ob man seine Identität preisgibt. Es geht immer um das Gesicht. Im Koran steht nichts von Gesichtsverschleierung. Ein Mitglied des hohen geistlichen Rats der Al-Azhar-Universität in Kairo sagte neulich, der Gesichtsschleier habe nichts mit dem Islam zu tun, ja die Burka schade dem Ansehen des Islam. Zu meinen, die Gesichtsverschleierung gehöre zum Islam, scheint mir schlicht nicht angebracht.

Dann ist das Burkatragen eher Ausdruck einer Ideologie, der wahhabitisch-salafistischen Ideologie?
Es ist sicher mehr Ausdruck einer Ideologie als einer Theologie. Die Burka ist offenbar nicht ein Merkmal des gesamten Islam. Sie ist vielmehr das, was die Identität verunmöglicht. Jedes andere Kleidungsstück wie etwa das Kopftuch, das Identität zulässt, ist nicht Gegenstand dessen, worüber ich mich äussern möchte. Ich meine auch nicht die Vollverschleierung, sondern die Gesichtsverschleierung.

Es geht hier also nicht um eine Grundrechtskollision Religionsfreiheit versus Nichtdiskriminierung der Frau?
Man kann ja auch Grundrechte einschränken, die Ideologie der Nudisten etwa. Ob aber die Burka eine Grundrechtskollision darstellt, kann ich nicht beantworten. Ich würde davon abraten zu sagen, wann eine Diskriminierung oder Nichtdiskriminierung in der Burkafrage zutrifft. Alle müssen im öffentlichen Raum eine Identität haben. Wer dieser Identität beraubt wird oder darauf verzichtet, ist gesichtslos. Es gibt eine Diskriminierung dadurch, dass man jemandem die Identität nimmt. Das aber ist unabhängig von der Religion und vom Geschlecht. Es geht um das Grundrecht der Identifikationsmöglichkeit.

Nun gibt es ja keine Männerburka. Dann geht es eben doch um die ­Diskriminierung der Frau.
Es geht weder um Religion noch um Gender, sondern um einen Grundwert, der für alle gilt. Die Verschleierung der Frau, die ihr das Gesicht raubt, diskriminiert die Frau. Jegliche Kleidervorschriften diskriminieren die Frauen. Davor muss man sie schützen. Alle in unserem Land, Frauen und Männer, haben dasselbe Recht auf Identität in der Öffentlichkeit.

Kirchenleute argumentieren in der Regel, Muslime seien Migranten und Flüchtlinge, also in ihrer Lebens­weise besonders zu schützen. Sie scheren aus diesem ­politisch-korrekten Diskurs aus.
Das würde ich nicht sagen. Die Grundrechte gelten für alle gleich. Wir sind Mitglied der Europäischen Menschenrechtskonvention. Das ist nicht eine theologische, sondern eine juristische Institution. Auch die Migranten müssen sich daran halten. Wir haben im säkularen Staat einen Wertekanon, der nicht verhandelbar ist und das Zusammenleben reguliert. Natürlich gibt es Spielraum: Jeder kann sich kleiden, wie er will – immer aber in den Grenzen des sittlich Zulässigen und der Möglichkeit zur Identifikation.

Gibt es genuin christlich-jüdische Argumente für ein Burkaverbot: die Person etwa oder das Gesicht?
In meiner Religion ist das Gesicht Ausdruck der Beziehungsfähigkeit. Im Alten Testament gibt es Geschichten von Menschen, die ihr Gesicht verhüllen, sobald sie Gott begegnen. Im Normalfall und unter seinesgleichen zeigt der Mensch sein Gesicht. Man ist in Beziehung, indem man sich in das Gesicht schaut. Ich möchte auch einen spezifisch reformierten Grundwert nennen: die Eigenverantwortung, die Verantwortung jedes einzelnen Individuums und nicht des Kollektivs. Eigenverantwortung heisst Gesicht zeigen. Wer vermummt ist, ist nicht beziehungsfähig und auch nicht öffentlichkeitsfähig. Eine vermummte Person kann beispielsweise kein Generalabonnement haben, kann hingegen Straftaten leichter anonym begehen. Es ist eine Anonymität, ähnlich wie sie das Internet gewährt.

Ist ein Burkaverbot, ob in der Verfassung oder in kantonalen Gesetzen, überhaupt durchsetzbar? Darf man Symbolpolitik betreiben?
Symbolpolitik scheint mir in Bern die Regel zu sein. Wir sollten aber nur verbieten, was wir durchsetzen können. Im Kanton Tessin wird das Burkaverbot offenbar erfolgreich durchgesetzt. Ich würde eben nicht von einem Burkaverbot sprechen, sondern von einem Vermummungsverbot. Wie man das durchsetzt, ob in der Verfassung oder per Gesetz, das zu beurteilen, bin ich zurückhaltend.

Könnte ein Religionsartikel in der Bundesverfassung die Burkafrage regeln, wie das CVP-Präsident Gerhard Pfister glaubt?
Ein Religionsartikel in der Bundesverfassung ist bedenkenswert, aber bis auf weiteres kommt er mir vor wie eine Blackbox, in die man vieles hineinpacken kann. Die Burkafrage lässt sich meiner Meinung nach damit nicht lösen. Ich möchte mich ja gerade nicht dazu provozieren lassen, die Burka religiös zu konnotieren. Noch einmal: Die Burka ist viel mehr ein ideologisches als ein religiöses Problem. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2016, 23:05 Uhr

Gottfried Locher

Der oberste Protestant Europas

Der Berner Pfarrer Gottfried Locher (49) präsidiert seit 2011 den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), den Dachverband aller reformierten Kantonalkirchen. Gegenwärtig ist er auch Vorsitzender des Schweizerischen Rates der Religionen, dem Spitzenvertreter der monotheistischen Religionen angehören. Im Prinzip ist Locher auch der oberste Protestant Europas: Letztes Jahr wurde er zum geschäftsführenden Präsidenten der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa gewählt. Locher ist verheiratet und hat drei Kinder. (mm.)

Burkaverbot

Auch Kantonsvertreter dafür

Der Berner Regierungsrat Christoph Neuhaus erklärt, man wolle in der Schweiz, dass in der Öffentlichkeit jeder sein Gesicht zeige. «Das hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun», sagte er der «SonntagsZeitung». Die Kantonsvertreter wollen jedoch eine Gesetzeslösung und keinen Verfassungsartikel. Der Vorsteher der Justiz- und Polizeidirektoren, der Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser, wünscht sich eine Lösung, «wie sie der deutsche Innenminister Thomas de Maizière vorschlägt». Dieser will eine Gesichtszeigepflicht bei Behördengängen, in Schulen und am Steuer. (TA)

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