Alle lieben Maudet

Vor drei Monaten war Pierre Maudet ein Niemand. Jetzt könnte er Bundesrat werden. Wie hat er das bloss geschafft?

Schnupfen mit dem Jodler Angelo Eyer: Pierre Maudet weiss sich am Unspunnenfest in Interlaken zu inszenieren. Foto: Remo Nägeli

Schnupfen mit dem Jodler Angelo Eyer: Pierre Maudet weiss sich am Unspunnenfest in Interlaken zu inszenieren. Foto: Remo Nägeli

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Vielleicht wird man dereinst zurückschauen und sich fragen, wo zum Teufel Pierre Maudet dieses Bundesratsrennen für sich entschieden hat. Und vielleicht wird man dann sagen müssen: nicht in Bern, wo sich die Politiker auf den Füssen herumstehen. Nicht in Genf, wo Maudet den grössten Rückhalt geniesst. Sondern in Azmoos SG, wo selten etwas Grosses passiert, man eine höfliche Geste aber noch zu schätzen weiss.

In Azmoos lebt FDP-Nationalrat Walter Müller mit seiner Frau. Müller ist gewissermassen die Antithese zu Pierre Maudet. Er ist 69 Jahre alt, Landwirt, Oberleutnant, Trachtenfreund, ein respektierter Sicherheits- und Aussenpolitiker, aber kein Schwergewicht in Bern. Er wird den Ausgang der Bundesratswahlen kaum entscheiden.

Und doch: An einem schönen Morgen Mitte August parkierten Pierre Maudet und sein Kampagnenchef Sébastien Leprat ihr Auto in Müllers Einfahrt. Maudet brachte Gipfeli und einen Korb mit regionalen Spezialitäten aus Genf. Dann setzten sie sich ins Wohnzimmer, wo sie mit Blick auf das Dorf und Luziensteig frühstückten und diskutierten. «Nicht nur Small Talk», erinnert sich Müller. «Maudet wollte mir erklären, wie er tickt und wie er die Schweiz voranbringen will. Und er wollte von mir erfahren, was in unserer Region läuft, was uns beschäftigt. Es war ein gutes Gespräch», sagt Müller. «Dass Maudet heute so gut dasteht, das ist ihm nicht einfach zugefallen. Er hat es sich erarbeitet.»

Nach zwei Stunden verabschiedete sich Maudet. Dann fuhr er weiter. Zum nächsten Termin. Denn Azmoos ist überall. Seit er seine Kampagne lancierte, hat er die meisten der 46 FDP-Parlamentarier persönlich angerufen und zu einem Treffen gebeten. In Bern. In Aarau. In Freiburg. Im Thurgau. Im Tessin. Zeit und Tag: egal. «Man konnte sich kaum dagegen wehren», sagt eine der Besuchten.

Zum Vergleich: Isabelle Moret verschickte dieselbe SMS an Dutzende Parlamentarier: «Salut, je me lance dans la course.» Keine persönliche Anrede. Nur ein Smiley zum Schluss. «Eine Beleidigung», sagt ein Politiker.

Eine doppelte Strategie

Maudet belässt es nicht bei Körben ­voller Köstlichkeiten, freundlichen SMS und Anrufen. Der Bundesratskandidat fährt eine doppelte Strategie. Er umschwärmt seine Fraktionskollegen, und gleichzeitig umschwärmt er die nationalen Medien. Das ist schlau: Wenige Menschen in der Schweiz sind so treue Leser von Printprodukten wie die 246 Mitglieder der Bundesversammlung – man sollte als Parlamentarier schliesslich wissen, was in seinem Kanton passiert. Und darum hilft Maudet jeder Medienauftritt, jede Schlagzeile.

Am Montag, 14. August, führt ihn seine Reise ins Bundeshausbüro der «Blick»-Gruppe. Maudet ist wie immer. Charmant. Selbstbewusst. Er hört zu. Er will die Leute kennen lernen. Er stellt Fragen: «Ist mein Deutsch zu schlecht?» Nein, sagen die «Blick»-Journalisten. Eineinviertel Stunden dauert das Treffen. Man trennt sich gut gelaunt. In den Folgetagen schafft es Maudet dreimal auf die «Blick»-Titelseite: «Maudet gibt den knallharten Polizeidirektor.» «Maudet ist der Ausschaffungskönig.» «Maudet gewinnt Sympathien.» Dann greift Chefredaktor Christian Dorer persönlich zur Feder: «Maudet ist ein König der Inhalte. Maudet ist unideologisch, führungsstark und visionär.» Man könnte meinen, es gehe um Winston Churchill.

Maudet besucht nicht nur den «Blick». Er isst zu Mittag mit Redaktoren des Westschweizer Fernsehens (RTS), er besucht die NZZ, lädt auch Journalisten von DerBund.ch/Newsnet ein. Es gibt in Bundesbern kaum einen Berichterstatter, der nicht schon zumindest einen Kaffee mit dem Kandidaten getrunken hat. Das Ergebnis: Die Medien lieben Maudet.

Euphorisch berichtet ein Reporter von RTS über einen «intensiven Tag» im Leben des Pierre M. und kommt ihm dabei so nahe, dass man das Gefühl erhält, er würde ihn jetzt gern etwas anfassen. Die «Schweizer Illustrierte» besucht mit ihm das Unspunnenfest und staunt ehrfürchtig über den «Jungspund», der ehrgeizig, diszipliniert und auch noch bodenständig sei. «Die Tage dieses Mannes haben mehr als 24 Stunden.» Eingereiht ist der Text in der Rubrik «Stars».

Die Maudet-Manie ist auch das Ergebnis einer hochprofessionellen Kampagne. Behilflich sind dem Genfer Staatsrat vier erfahrene Köpfe. Zu ihnen zählt Sébastien Leprat. Als ehemaliger Mitarbeiter von Eveline Widmer-Schlumpf ist dieser bestens mit den Berner Gepflogenheiten vertraut. Leprat wurde von seinem Arbeitgeber, dem Flughafen Genf, für die Maudet-Kampagne freigestellt. Ob sich Maudet dereinst für diese Grosszügigkeit revanchieren wird? Möglich wärs. Als Genfer Wirtschaftsdirektor ist Maudet zuständig für den Flughafen.

Undurchsichtig ist die Interessenlage auch bei Cédric Alber, einem weiteren Gehilfen Maudets. Alber arbeitet als Kommunikationsspezialist für den Genfer Unternehmer André Kudelski, der wiederum Vizepräsident des Flughafens Genf ist. Bei Cassis oder Moret hätte man wohl von Filz gesprochen.

Nicht so bei Maudet. Er wurde unterschätzt. Es ist das Beste, was einem Politiker passieren kann. Ignazio Cassis und Isabelle Moret wurden bis ins Detail ausgeleuchtet. Die Mandate. Das Stimmverhalten in Sachfragen. Die privaten Verhältnisse, namentlich von Moret, da sie sich von ihrem Ehemann getrennt hat. Das war auch ein Thema, als die FDP-Fraktion letztes Wochenende das Bundesratsticket bestimmte. Ein Ständerat forderte Moret auf, zu erklären, warum sich der Rechtsstreit mit ihrem Ex-Partner um Unterhaltszahlungen vor Bundesgericht befinde. Ein bemerkenswertes Ereignis. In der Anwältepartei FDP wird es zum Thema, wenn Moret (eine Anwältin) ihrem Recht vor Gericht Achtung verschaffen will. «Moret musste Privates preisgeben» titelte der «SonntagsBlick». Maudet musste das nicht.

Unterschiedliche Massstäbe

Dass die Überbelegung in Champ-Dollon, dem grössten Genfer Gefängnis, nach Maudets Amtsantritt nicht sank, sondern stieg. Dass das Bundesgericht die Haftbedingungen wiederholt scharf beanstandete, zuletzt im April. Dass die Suizidversuche der Häftlinge in ebenjener Anstalt während Maudets Amtszeit dramatisch zunahmen: In den Deutschschweizer Medien war das bestenfalls eine kritische Randnotiz. Meist dienten die überfüllten Gefängnisse den Journalisten nur als Beweis dafür, wie gründlich Maudet arbeitet. Alles wird weggesperrt. Auch wenn es keinen Platz mehr hat.

«Man misst bei den Kandidaten nicht mit gleich langen Ellen», sagt SP-Nationalrätin Min Li Marti und denkt dabei vor allem an Isabelle Moret. Auch SP-Co-Generalsekretärin Flavia Wasserfallen hat genug von der medialen Begleitung des Bundesratswahlkampfs. «Es reicht jetzt mit der sexistischen und unpolitischen Berichterstattung über Isabelle Moret», twitterte sie gestern zu einem Bericht des «Blicks» über den Scheidungskrieg der Bundesratskandidatin.

Und Wasserfallen hat recht: Je länger dieses Rennen dauert, desto deutlicher wird das mediale Gefälle zwischen den Kandidaten. Sie haben Etiketten erhalten: Cassis ist der aalglatte Lobbyist, Moret die quengelnde Mutter, Maudet der strahlende Macher. Hinterfragt werden diese Bilder kaum mehr. Wenn Maudet während der intensiven Zeit des Weibelns auf dem Sofa seines Kampagnenleiters schläft, dann ist er der coole Typ, der alles für das Amt macht («ehrgeizig!» «bodenständig!»). Niemand fragt, wie es den drei schulpflichtigen Kindern von Maudet geht, niemand thematisiert die Kumpanei zwischen ihm und grossen Teilen der Schweizer Medien.

Die Etiketten bleiben. Doch weil wir in der Schweiz sind, gereichen sie selbst einem wie Maudet nicht nur zum Vorteil. In der Fraktion und ausserhalb mehren sich die Stimmen, die von der Überpräsenz des Genfer Regierungsrats die Nase voll haben. «Als Genfer Bürger würde ich mich fragen, was mein Regierungsrat die ganze Zeit in Bern macht», sagt CVP-Nationalrat Marco Romano. Der Tessiner Nationalrat ist ein Unterstützer von Cassis, seine Aussage darum gefärbt. Doch Romano ist einer von vielen, die sich am hellen Licht rund um Maudet stören. Die ihn nicht wirklich souverän finden. Die es ihm übel nehmen, dass er Cassis frontal angriff, als es um dessen lange bekannte Haltung bei der Drogenliberalisierung ging. «Da hat er auf einen getreten, der bereits am ­Boden lag», sagt ein Fraktionsmitglied, «staatsmännisch ist anders.»

Maudet wird es egal sein. Die Hürde in der Fraktion hat er genommen. Nun geht es um den Rest der Bundesversammlung. 20'000 Franken kostet der Wahlkampf des Genfer Regierungsrats. Da wird der eine oder andere Korb mit Spezialitäten schon noch drin liegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 22:09 Uhr

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