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Aids-Hilfe-Mitgründer Roger Staub über fehlendes Wissen im Volk

Die Aids-Hilfe meldet einen neuen Rekord bei den Diskriminierungen. Besteht Grund zur Sorge?

Jede der 122 Meldungen ist eine zu viel. Und es überrascht mich auch nicht, dass in unserer Gesellschaft immer noch diskriminiert wird. Aber wichtig ist, dass die Zahlen in einem Kontext gesehen werden.

Wie meinen Sie das?

Andere Mitmenschen, zum Beispiel psychisch Beeinträchtigte, Schwule oder Lesben erfahren auch viel Diskriminierung – vielleicht sogar häufiger. Insofern passen die Zahlen der Aids-Hilfe ins Bild, sie sind ein Signal, das man ernst nehmen muss. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie andere diskriminieren können –und das mache nichts, es sei sogar in Ordnung.

Die Aids-Hilfe begründet die Zunahme mit dem Unwissen über HIV und Aids.

Ich teile diese Einschätzung. Der Bund wendet zwei Millionen Franken für die Love-Life-Kampagne auf – auch wenn das gut klappt, das ist zu wenig. Das reicht nicht, um breites Wissen zu HIV und Aids in den Köpfen der Leute präsent zu halten.

Welches Wissen fehlt denn?

Dass HIV heute kaum mehr übertragen wird, dass man keine Angst mehr haben muss – diese Botschaften. Oder dass man heute mit HIV-positiven Menschen unter Umständen sogar Sex ohne Kondom haben kann, weil die Medikamente so gut sind. Das ist nicht in den Köpfen drin. Geblieben ist nur noch, dass man sich mit einem Kondom schützt beim Geschlechtsverkehr.

In der neuen Kampagne der Aids-Hilfe wird dies thematisiert. Die Botschaft lautet: «HIV-positive Menschen unter erfolgreicher Therapie stecken niemanden an, auch nicht beim Sex». Jetzt heisst es wieder: Alles wird verharmlost.

Natürlich gehört diese Botschaft unter die Leute. 2008, als die Schweiz das Swiss Statement veröffentlichte, war die Kritik ja viel heftiger.

Das Statement besagt: Wenn das HI-Virus nicht mehr nachweisbar ist, kann es auch nicht mehr übertragen werden.

Ja. Damals gab es vor allem in der Fachwelt Proteste, die Weltgesundheitsorganisation intervenierte. Die deutsche Gesundheitsministerin rief den damaligen Chef des Bundesamts für Gesundheit an. Heute ist das Swiss Statement unumstritten. Darauf bin ich immer noch Stolz. Aber es gibt leider immer noch Leute, die sagen, das dürfe man den Leuten nicht sagen, weil sie sonst keine Kondome mehr benutzen würden. Was meiner Meinung nach schwachsinnig ist.

Sie sind Gründungsmitglied der Aids-Hilfe. Es war damals wohl einfacher, die Leute abzuholen: Die Stop-Aids-Kampagne war ein Erfolg.

Ja, weil alle Angst hatten. Vom Werbedruck, den wir erzeugen konnten, kann man heute nur träumen. Die halbe Schweiz schaute zu, als «Tagesschau»-Moderator Charles Clerc im Februar 1987 ein Kondom auspackte, es sich über den Mittelfinger rollte und sagte: «Dieses kleine Ding, meine Damen und Herren, entscheidet über Leben und Tod.»

Dafür hat sich die Lage von Menschen mit HIV oder Aids grundsätzlich verbessert.

Ja, vor 30 Jahren waren die Reaktionen teilweise übel. Ich erinnere mich an den Lehrerzimmer-Fall aus Wetzikon, wo sich das Oberstufenschulhaus geweigert hatte, ein Fondue zu machen, weil man dachte, einer der Kollegen sei schwul. Man wollte nicht aus dem gleichen Caquelon essen.

Interview: Dominik Balmer

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