AHV-Vorschlag des Ständerats: Frauen profitieren am stärksten

Jede zweite Frau könnte ohne Verluste auch vor dem geplanten Rentenalter 65 in Pension gehen.

Was würden sich Rentner mit zusätzlichen 70 Franken im Monat leisten? Die Strassenumfrage.
Janine Hosp

Heute werden in vielen Schweizer Städten Transparente aufgerollt. «Keine Rentenreform auf dem Buckel der Frauen» wird auf manchen stehen, «Rentenalter 65 für Frauen – NEIN!» Oder so ähnlich. Am Internationalen Frauentag wird eine Diskussion auf die Strasse getragen, die zumindest im Bundeshaus längst erledigt schien: Frauenrentenalter 65. Insbesondere Gewerkschaftssektionen aus der Romandie drohen, dass sie gegen jede Erhöhung des Rentenalters das Referendum ergreifen. Sie wollen vor allem Frauen, die körperlich schwer arbeiten und wenig verdienen davor bewahren, dies noch länger tun zu müssen.

Nur: Gerade sie würden mit der Variante des Ständerats am besten fahren, wie Berechnungen des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) zeigen. Der Ständerat will die tieferen Pensionskassenrenten unter anderem kompensieren, indem er die AHV-Rente um 70 Franken erhöht. Würde sich eine Frau, die nur die Mindestrente von 1175 Franken erhält, trotzdem mit 64 statt mit 65 Jahren pensionieren lassen, würde ihre Rente deswegen um 48 Franken sinken. Dank der höheren AHV hätte sie am Ende trotzdem 19 Franken mehr (auch der Zuschlag von 70 Franken würde wegen der vorzeitigen Pensionierung etwas gekürzt). So bliebe ihr Geld, mit dem sie die Einbusse in der Pensionskasse teilweise kompensieren könnte.

Mehr Geld oder früher gehen

Laut Rolf Camenzind, Leiter Kommu­nikation des BSV, könnte sich die Hälfte aller Frauen dank den zusätzlichen 70 Franken weiterhin mit 64 Jahren pensionieren lassen, ohne dass ihre AHV-Rente sinken würde. Das gilt für all jene, die weniger als die mittlere Rente von 1700 Franken erhalten. Je näher sie dieser sind, desto weniger Geld bliebe jedoch übrig, um die Kürzung der Pensionskassenrente auszugleichen.

Jene Frauen, die bis zum Alter von 65 Jahren arbeiten, profitieren immerhin finanziell: Sie erhalten nicht nur 70 Franken mehr AHV als heute, sie steigern auch ihre Pensionskassenrente mit einem zusätzlichen Arbeitsjahr um 4 bis 5 Prozent.

Verknüpfung mit den Löhnen?

Nach Ansicht von Michela Bovolenta, Zentralsekretärin des Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), macht dies auch die Variante des Ständerats nicht besser. Die tiefere Pensionskassenrente müsste auch bei einem Rentenalter 64 ganz kompensiert werden, fordert sie. Die Gewerkschafterin ist grundsätzlich gegen ein höheres Rentenalter für Frauen: «Wenn es heraufgesetzt wird, öffnet das die Tür für ein höheres Rentenalter für alle.» Dabei wollten Arbeitgeber ältere Leute gar nicht so lange beschäftigen. Bovolenta verknüpft das Frauenrentenalter aber auch mit den Frauenlöhnen: «Wenn sie gleich gut bezahlt wären wie die Männer, könnten sie sich bereits mit 57 Jahren pensionieren lassen, ohne dass sie eine tiefere Rente hätten als heute.»

Obwohl alle Frauen von einem hö­heren Rentenalter betroffen wären, herrscht unter ihnen grösstmögliche Uneinigkeit: Für die FDP-Frauen ist es selbstverständlich, dass ihr Rentenalter an jenes der Männer angepasst wird, wie Generalsekretärin Claudine Esseiva sagt. Ihrer Meinung nach ist es ein Fehler, Rentenalter und Löhne miteinander zu verknüpfen. «Wir dürfen nicht versuchen, mit solchen Forderungen die Altersreform zu versenken, aber gleichzeitig denselben Lohn für Mann und Frau fordern.» Es gibt aber auch Gewerkschafterinnen und linke Politikerinnen, die bereit sind, «die Kröte zu schlucken», wie Regula Bühlmann sagt, Zentralsekretärin beim Schweizerischem Gewerkschaftsbund. Gerade Frauen profitierten von einer höheren AHV-Rente, denn viele haben eine kleinere Pensionskassenrente als Männer oder gar keine.

Frauen verdienen viel weniger

Alle Frauen setzen jedoch unabhängig von der Altersreform auf die Revision des Gleichstellungsgesetzes, die mehr Lohngerechtigkeit herbeiführen soll. Wie das Bundsamt für Statistik gestern mitteilte, nehmen die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern zwar ab, sind aber auch 20 Jahre nach Einführung des Gleichstellungsgesetzes nach wie vor immens: 2014 verdienten die Frauen in der Privatwirtschaft im Durchschnitt 19,5 Prozent weniger als Männer. 2010 waren es 23,6 Prozent. Im öffentlichen Sektor hingegen ist die Lohndifferenz gar nicht gesunken (16,6 Prozent).

Nur ein Teil dieser Differenz – 61 Prozent – lässt sich mit unterschiedlicher Ausbildung, Position oder mit der Anzahl Dienstjahre begründen. Der Rest lässt sich nicht erklären und gilt damit als diskriminierend. So verdienten Frauen 2014 allein aufgrund ihres Geschlechts im Durchschnitt 585 Franken weniger als Männer (2012: 678 Franken). Am stärksten werden sie im Gastgewerbe und im Detailhandel diskri­miniert, wo über die Hälfte der Lohndifferenz unerklärlich bleibt.

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