
wirtschaft
Die löchrige Abwehr stopfen
Der Finanzplatz Schweiz hat ein Problem: Er lässt sich ausspionieren, als wäre er Kulisse eines Films.
Ex-Polizist und früher Beschützer von UBS-Spitzen: Wie der 52-jährige Peter K. Schweizer Banken ausspionierte. Das Verrückte an der Geschichte: Er ist Agent des NDB – wenn auch inoffiziell.

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Der Mann stellte sich am Nachmittag des 2. Februar 2015 im Zürcher Hotel Savoy Baur en Ville mit «Herr Ladner» vor. Der 52-jährige Zürcher Privatermittler Peter K. (Name geändert) sah diesen Herrn zum ersten Mal. Trotzdem war das Eis rasch gebrochen. «Herr Ladner» kam stellvertretend für einen Menschen, dem Peter K. blind vertraute, den in Deutschland bekannten Buchautor und Enthüllungsjournalisten Willhelm Dietl. Gemeinsam hatten die beiden in den letzten Monaten ein brandheisses Geschäft aufgegleist: die Lieferung von Bankkundendaten.
Im Hotel am Paradeplatz drehten sich die Gespräche um Informationen zu Personen mit Konto bei der russischen Gazprom-Bank. K. hatte sich Datenmaterial über einen seiner vielen Auslandkontakte, einen israelischen Sicherheitsexperten, beschafft. Eine Teillieferung war bereits vor Monaten abgewickelt worden: K. hatte laut Unterlagen, die dem DerBund.ch/Newsnet vorliegen, seinem Gewährsmann Dietl am 20. September 2014 eine Liste mit 7000 deutschen Kunden der russischen Bank übergeben.
Ein Schweizer Agent hat mit fremdem Datenmaterial Geschäfte gemacht. Foto: Dominque Meienberg
Der Termin an jenem Montag im Februar im Zürcher Nobelhotel dauerte länger als vorgesehen. Es wurden über sechs Wochen daraus. Denn «Herr Ladner» war ein V-Mann der Schweizer Bundesanwaltschaft. Im Anschluss an das vertrauensvolle Tête-à-Tête wurde K. festgenommen und in U-Haft gesetzt. Erst nach eineinhalb Monaten kam er frei.
Die Ermittler des Bundes hatten bereits im Januar ein Ermittlungsverfahren gegen K. wegen wirtschaftlichen Nachrichtendienstes eröffnet. In der Folge heftete sich ein Observationstrupp der Bundeskriminalpolizei (BKP) an die Fersen des 52-jährigen Schweizers. Personal für die Beschattungsoperation zu finden, war nicht einfach: Peter K., die Zielperson, ist mit vielen BKP-Fahndern per Du. Er arbeitete während 16 Jahren als Fahnder gegen die organisierte Kriminalität bei der Zürcher Polizei. Hier war er ein Mann für heikle Fälle und infiltrierte angeblich als Undercover-Agent in Südamerika Drogenkartelle.
Ausgerüstet vom Geheimdienst
K. arbeitete auch als Informant für den Nachrichtendienst des Bundes (NDB). Das wurde offensichtlich, als die Fahnder dessen Wohn- und Arbeitsort im Kanton Zürich durchsuchten. Die Bundeskriminalpolizei beschlagnahmte unter anderem einen Laptop und ein Handy, welche ihm vom NDB zur vertraulichen Übermittlung von Informationen übergeben worden waren.
Der NDB will zum Fall keine Stellung nehmen, schreibt aber, er erfülle «seinen Auftrag im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben». Weil ein Angestellter des Nachrichtendienstes intensive Kontakte zum Verhafteten pflegte, wurde dieser im Februar für mehrere Wochen freigestellt, wie die «SonntagsZeitung» berichtete. Die Geheimdienstaufsicht des Parlaments, die Geschäftsprüfungsdelegation, liess sich vom NDB, der Bundesanwaltschaft und SVP-Bundesrat Ueli Maurer ins Bild setzen. Für den Präsidenten der Geschäftsprüfungsdelegation, Ständerat Paul Niederberger, besteht in der Sache kein weiterer Handlungsbedarf.
K. arbeitete bis 2010 auch in der Sicherheitsabteilung der UBS. Sein ehemaliger Arbeitgeber, die Grossbank, brachte die Ermittlungen bei der Bundesanwaltschaft mit der Strafanzeige am 12. Januar denn auch ins Rollen. Beigefügt waren «streng vertraulich» gekennzeichnete Ermittlungsberichte, E-Mails, Gesprächsprotokolle und Angaben zu Bankkunden. Diese Unterlagen seien ihr «von einer Drittperson auf deren Initiative» übergeben worden, schrieb die UBS der Bundesanwaltschaft.
Bei dieser Drittperson handelt es sich gemäss Recherchen von DerBund.ch/Newsnet und «SonntagsZeitung» um den umstrittenen deutschen Privatagenten Werner Mauss. Der 75-Jährige war in der Vergangenheit Akteur in spektakulären Kriminalfällen. Das letzte Mal in die Schlagzeilen geriet der «selbst ernannte Pionier gegen das Verbrechen» («Der Spiegel») im Zusammenhang mit der Beschaffung der 2008 verschwundenen Leiche des Milliardärs Friedrich Karl Flick.
Auch in fast allen Schweizer Grossbanken habe K. eine Anzahl leitender Angestellter «seit Jahren korrumpiert».
Wohl im Auftrag von Werner Mauss traf der Journalist Dietl den Zürcher Privatermittler K. wiederholt in Deutschland und der Schweiz. Die Treffen wurden akribisch dokumentiert. «Er kam erneut mit Chauffeur aus Zürich», heisst es in der Aktennotiz zur Zusammenkunft am 28. Oktober 2014 in Frankfurt. Und: «Er brachte die Information, dass sämtliche Transaktionen der beiden Schweizer Bankkonten von August Hanning für den zurückliegenden Zeitraum von zwölf Monaten 70'000 Euro kosten würden.» Bei August Hanning handelt es sich um den früheren Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND). Neben Daten zu Kunden der Gazprom-Bank wechselte offenbar auch das Dossier zu Hanning die Hände. Die darin enthaltenen Daten zu Bankkonten seien gefälscht, heisst es. Hanning, der seinen Namen missbraucht sieht, hat letzte Woche bei der Bundesanwaltschaft Strafantrag gegen unbekannt eingereicht.
In den der UBS-Strafanzeige beigelegten Berichten wird K. als «Kopf einer kriminellen Vereinigung» bezeichnet. K. erhalte Informationen von Mitarbeitern der Interbanken-Organisation Swift, welche eigentlich die Aufgabe hätten, im Auftrag westlicher Sicherheitsbehörden Terrorismus, Drogenhandel und Geldwäsche zu bekämpfen. Diese mit Sicherheitsaufgaben beauftragten Personen hätten «ihre Hemmschwelle verloren» und würden sich durch illegalen Datenverkauf bereichern.
Auch in fast allen Schweizer Grossbanken habe K. eine Anzahl leitender Angestellter «seit Jahren korrumpiert». Dies sei aus den konspirativ geführten Gesprächen mit K. hervorgegangen. Konkrete Beweise für diese Vorwürfe fehlen in den Berichten.
«Aura eines Erfolgsmannes»
Die UBS, die in den Besitz der Mauss-Protokolle gekommen war und diese der Bundesanwaltschaft weiterleitete, betont, «in dieser Angelegenheit keinerlei Anweisungen oder Aufträge an private Ermittler erteilt oder finanziert» zu haben. So bleibt im Dunkeln, wer Mauss’ Ermittlungsaktion finanziert hat. Geld ist wohl geflossen: Bei Hafteröffnung hielt Carlo Bulletti, Leitender Staatsanwalt des Bundes, K. vor, er habe laut Protokollen «in grösserem Rahmen» Bankkundendaten für 130'000 Euro verkauft.
In den der UBS übergebenen Berichten wird K. detailliert beschrieben: «Er ist ein typischer Deutschschweizer, sehr charmant und mit der Aura eines Erfolgsmannes, schwarzer Anzug, weisses, teures Hemd.» Er sei nur Mittelsmann und bei der Lieferung von Bankdaten auf seine Zuträger angewiesen. So liessen sich die relativ hohen Kosten erklären. «Für die Grunddaten eines Dossiers verlangt er 150 000 Euro. Bei einer grösseren Bestellung gebe es Rabatt.» Nicht inbegriffen seien Kontobewegungen. «Diese müsse man nach der Übergabe des Grunddossiers bestellen und extra bezahlen», heisst es im Bericht. K.s Leute seien in der Lage, Kontobewegungen weltweit bis zu zehn Jahre zurück auszuforschen.
Amerikas grosse Ohren in Genf:
Alle mächtigen Staaten schicken Agenten in die Schweiz. Über die amerikanische und die britische Spionage ist – dank Whistleblower Edward Snowden und der Enthüllungsplattform Wikileaks – am meisten bekannt. Die US-Dienste CIA und NSA betreiben in Genf einen «Special Collection Service». In der UNO-Mission an der Rhone befindet sich eine leistungsfähige Abhöranlage. Dokumentiert sind US-Lauschangriffe auf eine Handelsdelegation Japans in Genf von 1995 oder auf die Schweizer Zahlungsverkehr-Drehscheibe Swift in den Nullerjahren. Die USA bestreiten Spionage gegen den schweizerischen Finanzsektor. Der frühere CIA- und NSA-Agent Snowden sagt aber, dies geschehe sehr wohl.
Grossbritanniens Absauger:
Das britische NSA-Pendant GCHQ hat es auf unbekannte Schweizer Roamingfirmen abgesehen: die Berner Comfone und die Zürcher Starhome Mach. Die Datensammler nahmen auch den Genfer Ex-Diplomaten Nicolas Imboden ins Visier, der afrikanische Staaten im Kampf gegen westliche Baumwollsubventionen unterstützt. Sie versuchten zudem, den Telecom-Daten-Riesen Bics zu hacken, an dem die Swisscom beteiligt ist.
Die Fiskalfahnder aus der Nachbarschaft:
Steuerbeamte aus Italien, Deutschland und Frankreich interessieren sich für Fluchtgeld in der Schweiz. Um Vermögen aufzuspüren, wurden sie hierzulande aktiv. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen drei deutsche Beamte wegen Anstiftung zu Bankdaten-Diebstahl.
Schwache schweizerische Abwehr:
Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) erklärt, er unternehme «keine Anstrengungen zum generellen Schutz des Wirtschafts-, Finanz- und Werkplatzes Schweiz». Ein entsprechendes Mandat wurde ihm verweigert. Trotzdem bekämpft der NDB Spionageangriffe auch in diesen Bereichen – mit bescheidenen Mitteln. Mit dem neuen Nachrichtendienstgesetz könnte die wirtschaftliche Abwehr verstärkt werden.(tok)
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