«Afrika bedeutet nicht nur Krieg und Armut»

Wichtiger als neue Spitäler seien in Afrika Rettung und Nothilfe, sagt die nigerianische Flugretterin Ola Olekunrin.

Geschäftsfrauen hätten es in Afrika nach wie vor schwer, sagt Ola Olekunrin.

Geschäftsfrauen hätten es in Afrika nach wie vor schwer, sagt Ola Olekunrin. Bild: Franziska Rothenbühler

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Frau Olekunrin, Sie waren eine der jüngsten Absolventinnen des Medizinstudiums in Grossbritannien und standen einst vor einer grossen Fachkarriere. Warum gingen Sie stattdessen nach Nigeria?
Für mich war früh klar, dass ich nach Afrika gehen wollte. Der Grund dafür war eine Familientragödie. Ein paar Jahre vor meinem Arztdiplom ist meine jüngere, damals zwölfjährige Schwester während eines Besuchs in einer ländlichen Region von Nigeria erkrankt. Weil die Strassen sehr schlecht waren, musste dringend ein Lufttransport ins nächste Spital organisiert werden. Die nächste Luftambulanz war aber sieben Flugstunden entfernt – in Südafrika. Als sie in Nigeria ankam, war meine Schwester bereits verstorben. Das war ein riesiger Schock für mich und meine Familie. Von da an war mir klar, dass ich dereinst etwas zur Verbesserung des Gesundheitswesens in Nigeria beitragen wollte.

Und warum gingen Sie nicht einfach als Ärztin nach Lagos?
Als Ärztin hätte ich nicht so viel bewirken können wie als Gründerin einer Luftambulanz. Der Zugang zu medizinischer Behandlung ist eines der grössten Probleme des Gesundheitssystems in Nigeria und in Afrika überhaupt. Das Strassennetz ist in einem derart schlechten Zustand, dass terrestrische Transporte viel zu viel Zeit brauchen und daher für Schwerverletzte oft gar nicht erst infrage kommen.

«Ich wusste viel über Medizin, aber nichts übers Geschäft»

Sie gingen im Alter von 22 Jahren mit einem Arztdiplom, aber ohne jegliche Business-Erfahrung nach Nigeria. Haben Sie diesen Schritt je bereut?
Nein, ich habe es nie bereut. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Die Gründung eines Unternehmens in Nigeria ist nicht einfach, die Hindernisse sind gross. Aber es ist mir gelungen, und die «Flying Doctors» sind heute eines von vielen Beispielen dafür, dass Afrika nicht nur Krieg, Epidemien und Armut bedeutet, sondern auch Innovation. Es gibt eine neue Generation gut ausgebildeter, intelligenter junger Leute, die nicht «nur» Wohltätigkeitsorganisationen gründen und betreiben, sondern auch erfolgreiche Unternehmen.

Nigeria ist auf Platz 148 von 180 im Anti-Korruptions-Index von Transparency International. Wie kann man in solch einem Land ein Unternehmen gründen?
Nigeria hat den Ruf eines hochkorrupten, gefährlichen Risiko-Landes. Aber die Wiederholung dieses ewig gleichen Narrativs führt dazu, dass andere Aspekte übersehen werden. Nigeria hat über 180 Millionen Einwohner. Vielleicht ein Prozent davon ist korrupt und kriminell. In Nigeria gibt es auch noch andere Geschichten zu erzählen. So hat das Land die zweitgrösste Filmindustrie der Welt, einige nigerianische Künstler können ihre Werke zu Höchstpreisen verkaufen, und es gibt einen stark wachsenden Bankensektor. Die Geschichte des korrupten und kriminellen Nigeria ist etwa so einseitig wie die Geschichte der Schweiz als Zufluchtsort für kriminelle Vermögen.

Sie hatten weder Geld noch Beziehungen, als Sie in Lagos anfingen. Wie konnten Sie da überhaupt starten?
Ich war Ärztin und wusste viel über Medizin, aber nichts übers Geschäft. Und wie viele Jungunternehmerinnen ging ich davon aus, dass ich auch im Geschäft reüssieren würde, bloss weil ich eine gute Fachfrau war und bin. Ich musste in sehr kurzer Zeit sehr viel über Finanzen, Buchhaltung, Verhandlungstaktik und Personalführung lernen.

Wie kamen Sie denn zu den nötigen Beziehungen?
Es ist mir gelungen, immer wieder bei Anlässen auftreten und reden zu können, bei denen die richtigen Leute zugegen waren. Und ich lernte rasch, mit den Gefahren des makroökonomischen Umfelds umzugehen – etwas, wovon Geschäftsleute in der Schweiz keine Ahnung haben müssen. In der Schweiz ist die Gefahr sehr klein, dass die Währung sich plötzlich um 50 Prozent entwertet. Die Inflations- und Zinsraten sind minim. In Nigeria hingegen beträgt die Inflationsrate rund 15 Prozent, und die Zinsraten liegen bei gegen 20 Prozent.

Haben Sie einen Master of Business gemacht?
Nein, ich habe meinen «künstlichen MBA» gemacht. Im Internet gibt es über 200 entsprechende E-Learning-Kurse. Auf den Kanälen der grossen Wirtschaftsschulen kann man den Vorlesungen der besten Professoren der Welt zuhören. Das habe ich getan und tue es bis heute immer wieder.

Wie sind Sie gestartet? Wie kamen Sie zu Ihrem ersten Flugzeug?
Ich konnte kein Flugzeug leasen, weil ich kein Geld hatte. Also ging ich zu den potenziellen Kunden: den Botschaften, den Bergbaugesellschaften, den Erdölunternehmen – sie alle hatten seit langem das Bedürfnis nach einer Flugambulanz im Land, mit der Ihre Mitarbeitenden im Fall von Verletzungen in die Spitäler transportiert werden könnten. Es ist mir gelungen, die künftigen Kunden von der Finanzierung des ersten Flugzeugs zu überzeugen.

Fliegen Sie auch selber?
Nur privat. Im Unternehmen überlasse ich das den Profis.

Muss jemand bei Grossunternehmen angestellt oder wohlhabend sein, um von den «Flying Doctors» gerettet zu werden?
Die Geschäftskunden haben entweder lokale oder internationale Krankenversicherungen. Staatsangestellte wie zum Beispiel Militärangehörige haben eine staatliche Krankenversicherung.

«Die Schweiz hat ein krankes
Gesundheitswesen aufgebaut»

Und die armen Leute auf dem Land? Sie benötigen doch auch Rettung aus der Luft.
Da müssen wir innovative Spontanlösungen von Fall zu Fall finden. Manchmal müssen wir gar kein eigenes Flugzeug schicken, weil der Betreiber eines kommerziellen Flugzeuges bereit ist, einige Sitze zu entfernen, um Platz für eine Bahre zu schaffen. Dies allein reduziert die Kosten für einen Flug um 90 Prozent. Aber es gibt da tatsächlich noch viel zu tun. Wir sind aber überzeugt, dass wir dank Partnerschaften und Innovationen eines Tages auch Rettungsflüge für Leute anbieten können, die weniger als einen Dollar pro Tag verdienen.

Was geschieht denn, wenn jemand den Flug nicht bezahlen kann?
Manchmal fliegen wir auch gratis – wie zum Beispiel bei einem Patienten mit schweren Beinverletzungen, der kein Geld hatte. Der Flug ins Spital hat eine Stunde gedauert. Der terrestrische Transport durch gefährliches Gebiet hätte rund einen Tag in Anspruch genommen. Zudem war der Patient auf Sauerstoff angewiesen. Für eine Tagesreise hätte er drei Fahrzeuge gebraucht – eine Ambulanz und zwei weitere Fahrzeuge mit den Sauerstoffflaschen.

Nigeria ist ein Land voller Gewalt. Retten Sie auch Menschen aus bewaffneten Konflikten?
Natürlich. Wir sind auf Gewalt-Traumata spezialisiert. In solchen Fällen klären wir zuerst mit den lokalen Sicherheitsbehörden ab, inwieweit sie den Schutz von Flugzeug und Mitarbeitenden gewährleisten können.

In Nigeria gibt es jährlich rund zwei Millionen Schwerverletzte. «Flying Doctors» hat zwanzig Flugzeuge. Da können Sie doch kaum etwas ausrichten?
Nun, es ist immerhin ein Anfang. Die Rettungsflugwacht (Rega) in der Schweiz hat gleich viele Flugzeuge wie wir, nämlich 20 – allerdings für ein Land, dessen Bevölkerungszahl 22-mal kleiner ist als diejenige von Nigeria. Die Rega kann innerhalb von 15 Minuten Evakuationen in der ganzen Schweiz durchführen. Aber die Schweiz ist ein reiches Land. Für sieben Millionen Einwohner steht ein Gesundheitsbudget von weit über 70 Milliarden Franken zur Verfügung. Wenn Nigeria auch nur der Hälfte seiner 180-Millionen-Bevölkerung Schweizer Standards im Gesundheitswesen bieten möchte, brauchte es ein Gesundheitsbudget von 700 Milliarden Franken. Daher müssen wir zuerst einmal mit kleinen Schritten anfangen.

Sie sagten einmal, Afrika müsse alleine zurechtkommen. Aber wenn Afrika vorwärtsmachen will, braucht es Investitionen.
Damit wollte ich nicht sagen, dass Afrika keine Partner braucht. Und natürlich braucht der Kontinent Investitionen. Aber europäische Investoren sind sehr konservativ, wenn es um Afrika geht.

Wegen der grassierenden Korruption.
Nein, nicht wegen der Korruption, sondern wegen der vorhin erwähnten Wahrnehmung von Afrika als korruptem Kontinent. Natürlich brauchen wir gute Regierungsführung, natürlich brauchen wir integre Führungspersönlichkeiten, natürlich brauchen wir gute Infrastrukturen. Aber die ausländischen Medien sollten endlich einmal neue Geschichten über Afrika erzählen. Es ist auch die Aufgabe junger afrikanischer Unternehmerinnen und Unternehmer, den Menschen in Europa eine andere Sicht auf Afrika zu vermitteln.

«Der Bau neuer Spitäler in Afrika ist nicht so wichtig»

Wurden Sie als Geschäftsfrau von Anfang an ernst genommen?
Politik und Wirtschaft in Afrika sind noch stärkere Männerdomänen als in Europa. Als Geschäftsfrau musste ich daher sehr viel bestimmter auftreten, als dies ein Geschäftsmann hätte tun müssen. Einmal habe ich mich bei einem Geschäftsfreund beschwert, weil er mich nicht an eine Tagung für Investoren im Gesundheitsbusiness eingeladen hatte. Er hat sich daraufhin wortreich bei mir entschuldigt. Einige Zeit später rief er mich an und sagte, er hätte ein super Angebot für mich: Sein Arbeitgeber sponsere angehende Models, und ich könnte den jungen Frauen doch zeigen, wie man sich hübsch und trendbewusst gibt. Das hat er mir tatsächlich als «Gelegenheit» verkauft, dabei hatte ich zuvor noch nie im Mode-Business gearbeitet. Die Geschichte afrikanischer Geschäftsfrauen steht erst am Anfang. Es gibt da noch viel zu tun.

Die Impfung gegen die neue Ebola-Epidemie im Kongo wurde von einem US-Pharmakonzern entwickelt. Warum ist dies nicht einem afrikanischen Unternehmen gelungen, wie Sie sich dies einst gewünscht hatten?
Afrika ist nicht in der Lage, die dafür nötigen Forschungsinfrastrukturen zu entwickeln. Der Kontinent müsste sich an der Entwicklung der Tiger-Staaten in Asien orientieren. Malaysia, Singapur und Hongkong haben dank einer auf den Handel fokussierten Entwicklung gewaltige Fortschritte gemacht und konnten so ihre Bevölkerungen von der Armut befreien. Afrika braucht ebenfalls eine Entwicklung, die auf Handel basiert.

Kann der Kampf gegen Ebola gewonnen werden?
Absolut. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) war dieses Jahr im Kongo besser auf den Ernstfall vorbereitet als vor ein paar Jahren in Westafrika. Die Fortschritte in den Bereichen Prävention und Aufklärung sind gross.

Sie sagten einmal, Afrika müsse das industrielle Zeitalter überspringen, um direkt im Informationszeitalter anzukommen. Was haben Sie damit gemeint?
Damit habe ich auf die rasante Entwicklung in der Mobiltelefonie angespielt. Die afrikanischen Länder haben es nie geschafft, ein funktionierendes Fixnet aufzubauen. Mittlerweile braucht es das gar nicht mehr, weil fast jedermann ein Handy hat.

Bezogen auf den medizinischen Bereich sagten Sie, dass Afrika den Bau von Spitälern nicht forcieren müsse. Ist das Ihr Ernst?
Ja. Der Bau neuer Spitäler in Afrika ist nicht so wichtig. Die europäischen Länder haben ein spitalzentriertes Gesundheitssystem aufgebaut. Das ist völlig unnötig. Die Basis des Gesundheitswesens sind Rettung und Notfallversorgung. Nigeria hat die einmalige Chance, ein Gesundheitswesen aufzubauen, in dem die Spitäler nur für die Rettung zuständig sind und nicht für die Alltagspflege. Im Jahr 2016 hatte die Schweiz 44 Prozent ihres Gesundheitsbudgets für Spitäler aufgewendet.

Wie soll denn eine ähnliche Entwicklung in afrikanischen Ländern vermieden werden?
Es ist einfach zu viel, 44 Prozent der Kosten für Spitäler auszugeben. Die Schweiz hat zu viele Spitäler. Das Land hat ein krankes, ineffizientes Gesundheitswesen aufgebaut, das auf die Pflege Kranker fokussiert ist und die Prävention vernachlässigt hat. Afrika hat die Chance, die Schwächen dieses Systems zu vermeiden und ein eigenes Gesundheitswesen aufzubauen, das auf Prävention und Nothilfe basiert. Ein wichtiges Element dabei ist die Telemedizin. In Afrika wird mehr mit Handys bezahlt als irgendwo sonst in der Welt. Wenn man mit dem Handy bezahlen kann, kann man auch übers Handy zur richtigen medizinischen Behandlung kommen. (Der Bund)

Erstellt: 30.06.2018, 08:42 Uhr

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