Zum «rechten Menschen» gehört die Ordnung

Die frühere Erziehungsanstalt Landorf bei Bern gilt heute als Beispiel für die unmenschliche Behandlung von Kindern. Der Heimleiter war mein Grossvater. Exkursion in eine Zeit des pädagogischen Umbruchs.

Buben als billige Arbeitskräfte: Kartoffelernte im Heim Landorf 1970. Foto: Privatarchiv

Buben als billige Arbeitskräfte: Kartoffelernte im Heim Landorf 1970. Foto: Privatarchiv

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Viele schämten sich, darüber zu reden. Bis sich Simonetta Sommaruga im Namen des Bundesrats für die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen von einst entschuldigte. Robert Blaser ist einer von denen, die seither von ihrer leid­vollen Kindheit erzählen. 1965 wurde er auf Anweisung der Vormundschafts­behörde seiner Mutter, einer geschiedenen Service­angestellten, weggenommen. Ohne Gerichtsurteil, ohne ­psy­chiat­ri­sches Gutachten.

Der Achtjährige kam ins Landorf, in eine «staatliche Erziehungs­anstalt» in Köniz bei Bern, wo er bis 1973 «versorgt» blieb, wie es damals hiess. Kollektivstrafen, Kopfnüsse, Ohrfeigen, Arbeit in der Landwirtschaft und ein Heimleiter, der ungehorsame Buben ins Büro kommen liess und ihnen mit dem Lineal auf den Handrücken schlug – eine «Riesenkatastrophe» sei das Landorf ­gewesen.

Der Hauptmann als Glücksfall

Ich habe schöne Erinnerungen an das Landorf. Der umstrittene Heimleiter war mein Grossvater. Vom Heimpersonal wurden meine Geschwister und ich auf Händen getragen. Kontakt zu den Heimbuben hatten wir kaum, von ihrem Leben keine Ahnung. Ich habe meinen Grossvater nicht als kalt und autoritär in Erinnerung; der Mann, den ich kannte, war liebenswürdig und eher zurückhaltend. Nach seinem Tod ­kamen in einer Schachtel Notizen für Vorträge und Berichte zum Vorschein, die ihn als Pädagogen und Heimleiter fassbar machen. Darüber zu schreiben, könnte wie der Versuch wirken, sein Handeln zu rechtfertigen. Doch ich will nur zeigen, warum Heime früher so waren, wie das heute nicht mehr möglich wäre.

Damals, 1944, ist mein Grossvater für den Regierungsrat eine gute Wahl auf den Posten des Heimleiters: 36-jähriger Hauptmann mit über 1500 Aktivdienst­tagen, also in der Lage, zu organisieren und für Ordnung zu sorgen. Zudem ­patentierter Primarlehrer, sprich Pädagoge, was keine Selbstverständlichkeit ist – noch gibt es Heime, die von Ingenieur-Agronomen geführt werden. Nur sechs Monate nach Amtsantritt, im April 1945, droht der neue «Herr Verwalter» mit der Kündigung: «Die vorhandenen Gebäulichkeiten und Einrichtungen lassen derart zu wünschen übrig, dass das Dasein der Zöglinge nicht ein menschenwürdiges ist. Die Schlafsäle sind zu ver­gleichen mit den ältesten Kasernen.» Die «möglichst grosszügige Reorganisation der Anstalt», die mein Grossvater fordert, wird nach Kriegsende an die Hand genommen. Der Vorsteher führt Wohngruppen und Schlaf­räume mit vier Betten ein. In den 1950er-Jahren reisen Fachleute aus dem In- und Ausland ins Landorf. Damals gilt mein Grossvater als fortschrittlicher Heimleiter.

«D Mengi macht d Strengi»

Der «Heimvater» und die «Hausmutter», so der Auftrag des Kantons, sollen den Zöglingen Eltern sein. Eltern von 64 Kindern? An seiner Seite hat das Vorsteherpaar: vier Bauern mit Knechten, dazu einen Gärtner, einen Schreiner, einen Schuhmacher, einen Schneider, Hausdienstpersonal (die «Fräuleins») und – als einzige Pädagogen – vier Lehrer. Dass gleich viele Bauern wie Lehrer angestellt sind, ist entlarvend: Die Einnahmen aus der Landwirtschaft sind fürs Heim überlebenswichtig. Als billige Arbeitskräfte im Stall und auf dem Acker müssen die Buben ihren Heimaufenthalt mit­finanzieren.

«D Mengi macht d Strengi», so hat es der Vorsteher eines anderen bernischen Heims formuliert. Für das Landorf, mit seinen 64 Kindern die grösste staatliche Erziehungsanstalt im Kanton, gilt das besonders: Der Mangel an Geld und Personal begünstigt autoritäre Methoden und militärische Formen.

«Schwierige Kinder», so schreibt mein Grossvater 1959 in den Notizen für einen Vortrag, seien häufig «durch den schlechten Einfluss der Umgebung, des Milieus, abwegig geworden». Formell nimmt nicht der Heimleiter den Eltern die Kinder weg, sondern die Vormundschaftsbehörde. Aber pädagogisch findet mein Grossvater das richtig. Zum unehelichen Kurt, 11-jährig, hält er fest: «Darf niemals den Pfleg­eltern zurückgegeben werden.» Diese seien «weich, unwissend und inkonsequent». Schon nur wegen der «Abstammung» erstaunt ihn Kurts «Ver­wahr­losung» nicht. Die Mutter sei eine «welsche ‹Dame›», die sich «in einer Arbeitsanstalt einmal an zusammengeknüpften Leintuchstreifen aus dem Fenster gelassen» habe. Vor allem Kinder aus Unterschichtsfamilien werden als «verwahrlost» wahrgenommen. Sie passen nicht ins bürgerliche Bild der Idealfamilie, in der die Mutter die gute Hausfrau und der Vater der Alleinernährer ist.

Franz hat keinen Vater mehr. «Die Mutter arbeitet in der Fabrik. Führte miserablen Haushalt. Hatte vom Samstag auf den Sonntag oft mehrere Liebhaber bei sich.» Was die Gesellschaft als akzeptables Verhalten empfindet, ist streng normiert. Besonders die Sexualität wird als Bedrohung wahrgenommen. In «sexueller Zucht­losigkeit» sieht mein Grossvater eine Form der «Verwahrlosung», wobei für ihn schon das jugendliche Spiel mit den eigenen Geschlechtsteilen zuchtlos ist. «Schweinereien auf dem Pissoir» nennt er das.

Ein Bub träumt von Amerika

Ob «sexuell verdorben», «schwer­erziehbar» oder «psychopathisch»: Durch eine «normale geeignete Erziehung» will mein Grossvater aus den Buben «rechte Menschen» machen. Er vertraut dabei auf Zucht und Disziplin, notfalls muss mit körper­licher Gewalt nachgeholfen werden. Die pädagogische Mehrheitsmeinung geht damals davon aus, dass man Kindern Gehorsam, Ordnungssinn und Sittlichkeit aufzwingen kann, dass sich widerspens­tigen Wesen eine einwandfreie Lebens­führung gleichsam überstülpen lässt. Der 14-jährige Max muss von seinem Freiheitsdrang «entwöhnt» werden. «In der Schule vom Basler Rheinhafen gehört; Entschluss gefasst, dorthin zu gehen, um dann eine Reise nach Amerika anzutreten; wollte dort Cowboy werden. Mit anderem Verdingbub weggeschlichen, beim Nachbar 50 Franken und ein Velo gestohlen.»

Zum «rechten Menschen» gehört die Ordnung – und die hat sich in allen Dingen zu zeigen: Schmutzige und zerrissene Kleider, laufende Nase, das sind für meinen Grossvater keine Äusserlichkeiten, sondern «seelische Anzeichen von Verwahrlosung».

In der Nachkriegszeit boomt die Wirtschaft, die technischen und materiellen Möglichkeiten werden vielfältiger. Mein Grossvater reagiert skeptisch. «Technik fördert die Verwahrlosung (Autorennen, Fussball, bei Letzterem grobe Sprache). Telefon und Radio ersetzen Unterhaltung zwischen Kindern und Eltern. Die gute Konjunktur ist eine grosse Gefahr. Zu viel Geld ist herum.» Die Welt ist in den Augen vieler Pädagogen aus den Fugen geraten; sie sehen die Religion und Sittlichkeit bedroht.

Junglehrer mit Bart

Rudolf Poncet ist 19-jährig, als er 1966 ins Landorf kommt. Der Seminarist unterrichtet hier im obligatorischen halbjährigen «Landeinsatz», er hat antiautoritäre Ideen im Kopf, liest «Summerhill – das revo­lu­tio­näre Beispiel einer freien Schule» von A. S. Neill, der Ikone der pädagogischen Reformbewegung. Ende Jahr wird Poncet gefragt, ob er im Frühling eine Stelle als Oberstufenlehrer antreten wolle. Es herrscht Lehrermangel.

Poncet, heute 67-jährig, gibt gerne Auskunft, wie es früher im Landorf war. Die neuen Pä­da­go­gen erzählen den Buben Geschichten, führen das Theaterspiel ein, organisieren Konzertbesuche und Zeltlager. Was damals pädagogisch heran­zureifen beginnt, beschreibt die heutige Erzie­hungs­wis­sen­schaft so: Aufbau eines pädagogischen Verhältnisses, erlebnis­orientiertes Fördern von Fähigkeiten, ­Respekt vor der Individualität, Schulung des Sozialver­haltens und der Selbstverantwortung.

Mein Grossvater sagt nichts, als sich die Junglehrer auch noch Bärte wachsen lassen. Stattdessen staunt er, was alles möglich ist, seit die Lehrer mit neuen Methoden arbeiten. «Er liess uns junge ­Typen gewähren, das schätzten wir sehr.» Auch nach aussen will mein Grossvater zeigen, dass sein Heim nicht stehen bleibt. So heisst es in seinen Notizen für eine Rede in den ­späten 1960er-Jahren: «Die Zahl der Kinder von 64 auf 48 gesenkt, aufgeteilt in vier Wohngruppen. Nebst Unterricht wird gebastelt, gemalt, modelliert, musiziert. Theaterspiel. Aufführung mit Gästen aus Dorf und Stadt stärkt Selbstbewusstsein. Das Heimkind darf auf keine Art und Weise gekenn­zeichnet sein. Individueller Haarschnitt. Das Kind sehnt sich nach seinen leiblichen Eltern und umgekehrt die Eltern nach dem Kinde.»

Solche Worte sind damals fast visionär. Das meiste davon wird aber erst in den 1970er-Jahren verwirklicht. Im Heim­alltag ist an dieser Bruchstelle der pädagogischen Entwicklung noch viel vom Alten da. Ausreissern rasiert mein Grossvater nach wie vor den Schädel kahl. Kinder, die nicht gehorchen, traktiert er mit dem Lineal. Vor allem die «Angestellten», wie die Mitarbeiter heissen, verpassen weiterhin Körperstrafen, wie das in den späten 1960er-Jahren viele Eltern und Lehrer ebenfalls noch tun. Bettnässer werden nach wie vor blossgestellt: Am Morgen müssen sie das Leintuch selber waschen und sich danach im Speisesaal auf eine Linie stellen.

Verschiedene Presseartikel, zuerst im «Beobachter», dann in weiteren Zeitschriften, erschüttern 1970 das Heim­wesen. Sie prangern die Lebensbedingungen in mehreren Erziehungsanstalten an. Mein Grossvater hat Angst. «Ihm graute davor, dass sein Lebenswerk öffentlich durch den Schmutz gezogen werden könnte», sagt Poncet. Die sogenannte Heimkampagne kommt ins Rollen. Mein Grossvater merkt, dass die neue Zeit und das Landorf, wie er es gestaltet hat, nicht mehr zusammenpassen. Doch es schmerzt ihn, zu hören, dass alles, was er während fast dreissig Jahren als Heimleiter getan hat, schlecht gewesen sein soll. Am Kirchensonntag 1971 hält er in der Kirche eine Rede: «Wir Älteren haben sicher manches falsch gemacht. Aber bei der rasenden Entwicklung kamen wir einfach nicht immer mit.» Geprägt von der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit der Zwischenkriegszeit, sei man lange damit zufrieden gewesen, die «notwendigsten materiellen Bedürfnisse zu decken».

1972 empfiehlt mein Grossvater den jungen Poncet als seinen Nachfolger. Ausgerechnet Poncet, der so anders ist als er und eine Freundin hat, die Wollpullover und bodenlange Röcke trägt.

«Erschütternde Szenen»

Poncet blättert in einem Album mit Fotos, die er geknipst hat. Auf der ersten Seite ist nur ein Bild eingeklebt, darauf lachen meine Grosseltern. «Es ist eine Tragik», sagt Poncet. «Wie andere Heimleiterpaare haben sie sich voll engagiert. Den schnellen Wandel konnten sie aber nicht mehr mitvollziehen.» Am Schluss seien sie «enttäuscht, vielleicht sogar verbittert» gewesen. Poncet will meine Gross­eltern entlasten. Nicht ihret­wegen hätten viele Heimkinder gelitten, sondern weil die Behörden die Familien auseinanderrissen. «Die Buben fühlten sich einsam und hatten Heimweh.»

Ob eine Fremdplatzierung richtig ist, wird heute professionell abgeklärt. Heime arbeiten eng mit den Eltern zusammen, die sie genauso unterstützen wollen wie die Kinder. Mehr Personal ermöglicht eine intensivere Betreuung, dank mehr Geld sind Wohngruppen und Heime kleiner. Und der Erziehungsstil hat sich radikal geändert.

Zweimal vor Weihnachten besuchte ein Ehemaliger, der Arzt geworden war, meinen pensionierten Grossvater. Das freute ihn, weil er wusste, dass viele Kinder in seinem Heim gelitten hatten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2015, 02:04 Uhr

Swiss Press Award

Nominiert für Print-Preis

Der hier in gekürzter Form publizierte Text von Patrick Feuz ist von der Jury des Swiss Press Award für den diesjährigen Preis in der Kategorie Print nominiert worden. Erschienen ist der Artikel im Berner «Bund», der mit dem «Tages-Anzeiger» redaktionell zusammenarbeitet. In voller Länge ist der Text nachzulesen unter www.landorf.derbund.ch

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