Wurde Tschäppät übergriffig?

Aline Trede, ehemalige Berner Nationalrätin, wirft Alexander Tschäppät vor, sie sexuell belästigt zu haben.

Sexismus-Vorwürfe: Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) soll Grenzen überschritten haben. Foto: Franziska Scheidegger

Sexismus-Vorwürfe: Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) soll Grenzen überschritten haben. Foto: Franziska Scheidegger

Die Hand des Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät (SP) auf dem eigenen Knie, das ist für Aline Trede, ehemalige Nationalrätin der Grünen, eine klare sexistische Grenzüberschreitung. In einem Beitrag von TeleBärn brachte Trede am Sonntag ihren Unmut über die Situation zum Ausdruck, die sich vor zwei Jahren an einem Gastroanlass im bernischen Ittigen zugetragen haben soll. Trede und Tschäppät sassen damals zusammen in der Jury. Im TV-Beitrag sagte Trede: «Wenn man dann die Hand des Stapi auf dem eigenen Knie hat und die wieder an den richtigen Ort bringen muss, dann wird es schon mühsam.»

Tschäppät war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Gegenüber TeleBärn äusserte er sich schriftlich: «Ich bin mir keiner solchen Situation bewusst. Sollte eine solche Berührung je stattgefunden haben, so hatte sie höchstens einen kollegialen, aber sicher keinen sexuellen Hintergrund.»

Im Politbetrieb Alltag

Auch dem Berner SVP-Nationalrat An­dreas Aebi wirft Trede Sexismus vor. Er habe sie nach der Geburt ihres Kindes mit einer Kuh verglichen. Auch die Kühe seien am besten, wenn sie einmal gekalbert hätten, soll er gesagt haben. Aebi bestritt dies gegenüber TeleBärn.

«Wenn Männer anfangen, dich auf sexuelle Art zu sehen, wirst du schwerlich ernst genommen.»Lea Kusano, ehemalige SP-Stadträtin

Trede beteiligt sich mit diesen Anschuldigungen an der Sexismusdebatte, die kürzlich von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler ausgelöst wurde, indem sie sagte, «naive Frauen» trügen eine Mitschuld an Vergewaltigungen. Seither schildern Betroffene – darunter diverse Nationalrätinnen – via Social Media unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei konkrete Situationen, in denen sie Opfer von Sexismus wurden. Trede ist die Erste, die konkret Namen nennt.

Auch im Berner Rathaus ist Sexismus ein Thema. Für Lea Kusano, ehemalige SP-Stadträtin, ist Sexismus im Berner Politbetrieb Alltag. Es gebe sicher einmal in zwei Wochen eine Situation, in der sie sich unangenehm angegangen fühle, sagt sie. Mittlerweile sei sie ex­trem darauf bedacht, gut abzuwägen, was sie im professionellen Umfeld erzähle und was sie anziehe. In der Politik sei sogenanntes Socializing das A und O. Für manche Männer werde man durch das Erzählen von Privatem jedoch schnell zu «Freiwild». «Wenn sie einmal anfangen, dich auf sexuelle Art zu sehen, wirst du in der Zukunft schwerlich noch ernst genommen», sagt Kusano.

«Ein klares No-go»

Ist die Sexismusdebatte ein Thema, das nur Frauen angeht? «Auf keinen Fall», sagt Leena Schmitter, Fraktionspräsidentin der Berner Grünen. Sie habe die Diskussion via Social Media verfolgt und finde es schön, zu sehen, dass es offenbar auch viele Männer gebe, die das Thema ernst nähmen. Laut Schmitter ist es politisch wichtig, zu zeigen, dass das Phänomen in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkomme. In den Empörungs-Tweets wurden hauptsächlich die Stimmen von Frauen laut. Dazu sagt Schmitter: «Die einzelnen Tweets repräsentieren die Machtstruktur in unserem Land.»

Die FDP-Stadträtin Alexandra Thalhammer mag sich als einzige der Befragten zu den Vorwürfen gegen Tschäppät äussern: «Er ist jemand, der in geselligem Umfeld gern mal ein paar lockere Sprüche über Frauen loslässt. Sollten die Aussagen von Frau Trede jedoch stimmen, ist dies ein klares No-go, und der Stadtpräsident kann sich das in seiner Position keinesfalls erlauben.»

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