Wrrooomm – lärmenden Sportwagen droht das Aus

Der Klappenauspuff – ein Extra-Gadget – verstärkt den Motorensound für Sportwagenfans. Damit könnte es aber bald vorbei sein.

hero image

Dem Laien sagen Klappenauspuff­systeme nichts. Sind sie aber im Einsatz, kann jedermann sie deutlich hören. Autojournalisten umschreiben die Technik so: «Öffnen sich in der Auspuffanlage die Klappen, lassen sie den V8-Motor ­ohrenbetäubend röhren und bei jedem Schaltvorgang lautstarke Spucksalven ausstossen.» Oder so: «Startet man den Sportmodus, donnert und grollt es aus dem Klappenauspuff, als gäbe es kein morgen.»

Die Sportabgasanlagen verursachen Geräuschemissionen, die weit über dem heute europaweit für Autos geltenden Lärmgrenzwerten liegen. Die Lautstärke lässt sich mittels eines Knopfs verstellen, er wird ab Werk eingebaut. Doch im Unterschied zu den illegalen Auspuffen, die Hobby-Tuner nachträglich einbauen lassen und im Visier der Polizei stehen, dürfen diese Sportwagen legal herumdonnern. Der Grund dafür sind die Schwächen des EU-Zulassungsverfahrens, die von Autoherstellern seit Jahren ausgenutzt werden und im Rahmen der bilateralen Abkommen auch in der Schweiz gelten.

Zumutung für Städter

Eine gute Nachricht war deshalb für Lärmgeschädigte die «Verordnung (EU) Nr. 540/2014 über den Geräuschpegel von Kraftfahrzeugen und von Austauschschalldämpferanlagen». Seit dem 1. Juli dieses Jahres ist sie europaweit in Kraft. Der TA machte letztes Jahr eine interne Aktennotiz des Bundesamts für Strassen (Astra) publik, wonach die gesetzliche Änderung zeitgleich auch in der Schweiz gelten werde. Doch die Verordnung betrifft nur zukünftige Automodelle. Die aktuellen Modelle dürfen erst ab dem 1. Juli 2022 nicht mehr in die Schweiz eingeführt werden. Damit werden noch jahrelang Sportautos im oberen Preissegment mit Klappenauspuffsystemen hergestellt und verkauft. Dazu gehören etwa Autos von Aston Martin, Ferrari, Maserati, Jaguar, Porsche oder Audi.

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bedauert, dass Klappenauspuffe, die keinen weiteren Nutzen hätten, ausser mehr Lärm zu produzieren, legal seien. «Bei uns beklagen sich jedes Jahr viele Bürger wegen Strassenlärms: Im Frühling ist es oft wegen Motorrädern, ein weiterer Schwerpunkt betrifft übermässig laute Sport- oder getunte Autos», sagt Dominique Schneuwly, stellvertretender Sektionschef Sektion Strassenlärm beim Bafu.

Betroffen sind insbesondere Städte, zum Beispiel Luzern: «Laut röhrende Autos und das Protzverhalten, das dahintersteht, sind ein Ärgernis und eine Zumutung für den grössten Teil der Stadtbevölkerung», sagt Verkehrsdirektor Adrian Borgula (Grüne). Die wachsende Kritik spürt auch die Branche: «Wir empfehlen unseren Kunden, die Auspufftaste im Sinne eines sozialverträglichen Verhaltens nur im passenden Umfeld, also auf der Rennstrecke, zu betätigen», heisst es bei Maserati Schweiz.

Das Hauptproblem ist: Rückwirkend können die Klappenauspuffe nicht einfach verboten werden – das verstösst laut Astra gegen die bilateralen Verträge. Die einzige rechtliche Handhabe gegen die Auspufftaste sei der Artikel 42 des Strassenverkehrsgesetzes. Er besagt, dass Fahrzeugführer namentlich in Wohn- und Erholungsgebieten sowie nachts keinen vermeidbaren Lärm erzeugen dürfen. Doch das Gesetz kommt bei den besagten Sportwagen praktisch nie zur Anwendung. Dem Bafu sind jedenfalls keine entsprechenden Gerichtsfälle bekannt.

Es wäre aus Sicht der Lärmbekämpfung wünschenswert, so das Bundesamt, wenn der besagte ­Artikel 42 in diesen Fällen vermehrt Verwendung fände. Aber: «Wir haben die technischen Möglichkeiten nicht, um einen Gesetzesverstoss bei der Bedienung der Klappenauspuffanlage ursächlich von aussen festzustellen», sagt Werner Schaub, Sprecher der Kantonspolizei Zürich. Sie hätten zudem schon verschiedentlich, auch auf Bundesebene, auf die erhöhte Geräuschemission von Fahrzeugen in typengenehmigter Ausführung aufmerksam gemacht.

Das Bundesamt für Umwelt bedauert, dass Klappenauspuffe, die nichts als mehr Lärm produzieren, legal sind.

Auch die Stadtzürcher Polizei verfügt nicht über mobile Lärmmessgeräte. Und sie sieht ein rechtliches Problem: «Sollte sich herausstellen, dass das Fahrzeug nur mit geöffneten Klappen herumfährt, kann der Lenker nicht zur Anzeige gebracht werden, da das Auto den gesetzlichen Grundlagen entspricht», sagt Sprecher Michael Walker. Die Rechtslage ist also alles andere als klar.

Luzern will nun Druck auf Bundesbern ausüben, damit entweder die Autos oder die Betätigung des Sportmodus in Siedlungsgebieten eindeutig verboten werden: «Ich werde es sicher in die Städte­konferenz Mobilität des Städteverbands einbringen», sagt Verkehrsdirektor Borgula. Die für den Lärmschutz zuständige Zürcher Stadträtin Claudia Nielsen (SP) begrüsst die Luzerner Initiative. In der Stadt Bern heisst es, man sei weniger von dem Problem betroffen, da die Innenstadt und viele Quartiere weitgehend vom Verkehr entlastet seien.

SVP kündigt Widerstand an

Die Kontroverse schlägt Wellen bis ins Bundeshaus. Politiker aus SP und Grüner Partei sind bisher davon ausgegangen, dass Artikel 42 ausreicht, um gegen die ihrer Ansicht nach zu lauten Sportwagen vorzugehen. Sollte aber zutreffen, dass der Polizei faktisch die Hände gebunden seien, brauche es eine Präzisierung des Gesetzes, verlangt Nationalrätin Evi Allemann (SP). Grünen-Präsidentin Regula Rytz teilt diese Haltung: «Kein Auto soll mit dröhnenden Klappenauspuffanlagen herumfahren können.» Doch mehrheitsfähig scheint diese Forderung nicht zu sein. Wie Nachfragen des TA zeigen, halten Verkehrspolitiker aus SVP, FDP und CVP die aktuelle Gesetzgebung für ausreichend.

Dasselbe gilt für die zweite Forderung aus rot-grünen Kreisen: So soll die Schweiz die verschärften EU-Vorschriften auf hierzulande bereits zugelassene Wagen ausdehnen. Nationalrat Walter Wobmann (SVP) sagt, er werde etwaige Vorstösse in diese Richtung politisch ­bekämpfen, so wie er dies bereits 2014 bei den Motorrädern getan habe. «Eine rückwirkende Anwendung neuer Regelungen verstösst gegen Treu und Glauben und ist eines Rechtsstaats unwürdig.» Nationalrat Thierry Burkart (FDP) befürchtet «nicht gerechtfertigte Umrüstungskosten» und einen «zu grossen» ­administrativen Aufwand, der damit verknüpft wäre.

Sympathie für die Idee hegt hingegen Martin Bäumle. Der Präsident der Grünliberalen fragt sich aber, wer die Nachrüstungen bezahlen müsste. Die Kunden, aber auch die Hersteller hätten sich gemäss den damals geltenden Vorschriften korrekt verhalten. «Sie zu bestrafen, wäre falsch», so Bäumle. «Am Ende müsste wohl der Bund zahlen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt