Wirbel um neue Gaskombikraftwerke

Die Meldung sorgt für Aufsehen: Die Stromaufsicht des Bundes Elcom empfehle den Bau von vier Gaskombikraftwerken – als Ersatz für die wegfallenden AKW. Nun dementiert die Elcom.

Illustration eines (mittlerweile abgebrochenen) Projektes  für ein Gaskombikraftwerk in Cornaux NE.

Illustration eines (mittlerweile abgebrochenen) Projektes für ein Gaskombikraftwerk in Cornaux NE. Bild: Keystone

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Also doch? Der Atomausstieg, den das Stimmvolk am 21. Mai besiegelt hat, könnte einen klimapolitisch hohen Preis haben. Damit die Stromversorgung nicht gefährdet wird, wenn die fünf Atommeiler dereinst vom Netz gehen werden, mache die eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) einen «brisanten Vorschlag», schreibt die «Schweiz am Wochenende» in ihrer jüngsten Ausgabe. Die Bundesbehörde, welche die Versorgungssicherheit im Strombereich überwacht, «regt den Bau von vier Gaskombikraftwerken an»; das sei «politisch hochbrisant», heisst es im Artikel. Dies, weil vor der Abstimmung vom 21. Mai die Befürworter der Energiestrategie 2050 die Notwendigkeit solch klimapolitisch problematischer Kraftwerke «weitgehend totgeschwiegen» hätten. Die Zeitung stützt sich auf eine Präsentation, welche die Elcom im Rahmen der Tagung Alpenforce Ende Mai vorgestellt hat.

Nur: Auf dem publizierten Auszug der Präsentation ist eine entsprechende Anregung nicht ersichtlich. Auch kontrastiert die Darstellung mit jüngsten Verlautbarungen der Elcom. So hat deren Präsident, Alt-CVP-Ständerat Carlo Schmid-Sutter, in der «Basler Zeitung» unlängst auf die Frage, wann die Schweiz ein Gaskraftwerk brauche, geantwortet: «Das weiss ich nicht. Nicht einmal, ob es überhaupt eines braucht.» Wo der Strom herkomme, sei der Elcom «etwas salopp gesagt, egal. Es muss einfach genügend Strom da sein.»

«Wir machen keine Politik»

Die Elcom selber bestreitet denn auch auf Anfrage, an der besagten Tagung den Bau von Gaskombikraftwerken angeregt zu haben. «Wir machen keine Politik», sagt Sprecher Simon Witschi. Die Elcom habe anhand verschiedener Szenarien lediglich aufgezeigt, wie sich der wegfallende Atomstrom ersetzen liesse und was die finanziellen Konsequenzen davon wären. Dabei habe sie auch den Bau von Gaskombikraftwerken thematisiert, aber «nicht angeregt» – nebst anderen Optionen wie der strategischen Reserve mit Speicherseen. Die «Schweiz am Wochenende» widerspricht: Aus der 18-seitigen Präsentation gehe klar hervor, dass eine Stärkung des Autarkiegrads die wichtigste politische Zielsetzung der Elcom sei. Als einzige Option zur Abdeckung von Bandstrom nenne die Behörde dabei den Bau von vier Gaskombikraftwerken mit einer Leistung von 1600 MW.

Politiker verteidigen die Elcom

Besagter Zeitungsartikel gibt zu reden. Energiepolitiker, welche mit der Elcom oft zu tun haben, nehmen die Bundesbehörde in Schutz. CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt attestiert der Elcom, «stets technologieneutral zu argumentieren». FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen taxiert die Beteuerung der Elcom als «sehr glaubwürdig». Er habe die Elcom bisher immer als «sehr vorsichtig und keinesfalls politisch» erlebt. Unbesehen vom Wirbel um die Bundesbehörde zeigt sich Wasserfallen überzeugt, dass der Bau von Gaskombikraftwerken politisch wieder aufs Tapet kommen wird. Die Gegner der Energiestrategie 2050, zu denen der Freisinnige zählt, halten es für unmöglich, den wegfallenden Atomstrom allein durch den Ausbau der neuen erneuerbaren Energien zu ersetzen; es brauche daher Alternativen.

Indes, zumindest Gaskombikraftwerke sind derzeit kein Thema. Gerade erst am Freitag haben die Westschweizer Energieversorger EOS Holding und Romande Energie verlauten lassen, ihre Bestrebungen für ein Gaskraftwerk in der Nähe der Gemeinde Vouvry VS aufzugeben. Dessen Rentabilität sehen sie nicht gegeben, weil die Strompreise auf dem europäischen Markt tief und die Kosten für die Kompensation der CO2-Emmissionen hoch seien. Das mit 600 Millionen Franken veranschlagte Projekt war das am weitesten gediehene seiner Art in der Schweiz. Auch anderswo wurden entsprechende Pläne begraben. 2015 zum Beispiel hatte die Groupe E das Baugesuch für ein Gaskombikraftwerk in Cornaux NE zurückgezogen. Auch sie begründete den Schritt mit ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen.

Importe werden wohl wichtiger

Sollten Gaskombikraftwerke auch künftig nicht rentieren, wird die Schweiz wohl vermehrt auf Stromimporte angewiesen sein. Dies auch deshalb, weil sich laut der Elcom mit dem Zubau von erneuerbaren Energien die wegfallende Stromproduktion in der Schweiz nicht kompensieren lasse. Vor diesem Hintergrund sieht die Elcom mittel- und langfristig die Risiken im Zusammenhang mit der Versorgungssicherheit steigen: «Die Bedeutung der grenzüberschreitenden Transportinfrastruktur sowie der Exportbereitschaft der umliegenden Länder wird weiter zunehmen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2017, 20:07 Uhr

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