«Wir sind in der Schweiz und haben Angst, unsere Meinung zu sagen»

China gewinne in der Schweiz zunehmend an Einfluss als Überwachungsstaat. Die Grundrechte der Tibeter müssten deshalb besser geschützt werden, fordert Jigme Adotsang.

Mitglieder der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und Tibet-Organisationen reichen bei der Bundeskanzlei eine Petition mit 11'300 Unterschriften ein. Bild: Keystone/Alessandro della Valle

Mitglieder der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und Tibet-Organisationen reichen bei der Bundeskanzlei eine Petition mit 11'300 Unterschriften ein. Bild: Keystone/Alessandro della Valle

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Herr Adotsang, Tibet-Organisationen sagen, wegen des Freihandelsabkommens kann sich China auch in der Schweiz mehr Freiheiten herausnehmen und Tibeter bespitzeln. Das ist ein harter Vorwurf. Können Sie ihn belegen?
Wir stellen einfach fest: Wenn wir heute demonstrieren oder auch nur einen grösseren Event durchführen, werden wir beobachtet. Männer stehen unauffällig auffällig am Rande und fotografieren uns. Einmal haben wir uns in Zürich am Werdmühleplatz für einen Marsch versammelt. Da kam ein Mann in einem braunen Mantel und hat ein riesiges Teleobjektiv ausgepackt. Er fotografierte uns und ging. Ich habe schon als Jugendlicher an Demonstrationen teilgenommen, damals sind wir nicht von Fremden fotografiert worden. Mittlerweile ist dies für uns aber normal, und ich frage mich: Wie entwickelt sich das noch? Wir haben den Eindruck, dass diese Spitzeltätigkeit von der Schweiz toleriert wird, und das ist bitter.

Wissen Sie mit Bestimmtheit, dass diese Männer im Auftrag Chinas fotografierten?
Wir haben keine Beweise, dass es Chinesen gewesen sind. Aber es stellt sich die Frage: Wer waren diese Leute sonst? Sie sind Asiaten, aber Tibeter sind sie nicht. Einzelne habe ich Chinesisch sprechen hören. Wir haben diese Männer auch schon angesprochen. Sie reagierten aber sehr abweisend oder liefen einfach weg. Das haben wir gefilmt, das kann man nachsehen.


Video: Anti-China-Demo «Free Tibet»

Beim Staatsbesuch von Xi Jinping 2017 waren Kundgebungen nicht erwünscht: Polizisten nahmen Demonstranten fest. Video: Tamedia/SDA


Tibeter und Tibeterinnen erzählen auch davon, dass sie im Netz beobachtet werden.
Ja, Phishing ist ein grosses Problem. Fakt ist, dass wir Vorstandsmitglieder vor unserer Generalversammlung oder vor grösseren Veranstaltungen Mails bekommen, in denen wir aufgefordert werden, auf einen Link zu klicken. Die Absender wollen, dass wir unsere Log-in-Daten eingeben. Das geschieht vor solchen Veranstaltungen praktisch täglich. Ein anderes Mal haben wir ein Mail von einem ehemaligen Vorstandsmitglied bekommen. Als er uns darin seltsame Fragen stellte, haben wir ihn kontaktiert. Er sagte, er habe kein Mail geschrieben; jemand hatte in seinem Namen ein Mailaccount eröffnet.

«Der Bundesrat müsste ein Zeichen setzen und sagen: Das geht hier nicht, dass ein anderer Staat Schweizer Bürger bespitzeln lässt.» 

Was fordern die Tibeterinnen und Tibeter?
Wir möchten, dass der Bundesrat aktiv gegen die Personen vorgeht, die uns bespitzeln. Wir haben den Eindruck, dass er gar nicht richtig realisiert, was hier vor sich geht, und entsprechend auch zu wenig dagegen unternimmt. Wir fühlen uns hilflos und im Stich gelassen. Ich glaube, auch ein Grossteil der Bevölkerung ist sich nicht bewusst, was hier geschieht. Sie wissen nicht, dass in der Schweiz fremde Mächte aktiv sind. Für uns ist es aber wichtig, dass wir unsere Meinung äussern können, ohne dass wir beobachtet werden und ohne dass wir Angst vor Konsequenzen haben müssen.

Welche Konsequenzen befürchten Sie?
Manche junge Tibeter haben heute Angst, sich in unserem Verein zu engagieren. Wenn wir sie fragen, bekommen wir oft zu hören: Ich habe Verwandte in Tibet. Wenn ich mich bei euch engagiere, darf ich sie vielleicht nicht mehr besuchen. Das hören wir immer öfter. Die Jungen wollen nicht bei uns im Vorstand mitarbeiten, sie wollen sich nicht an unseren Anlässen fotografieren lassen. Sie wollen unauffällig bleiben. Das akzeptieren wir, aber es ist hochproblematisch. Wir sind in der Schweiz und haben Angst, unsere Meinung zu sagen, weil wir Konsequenzen von China befürchten. Wir Jungen sind hier geboren, hier aufgewachsen, wir sind Schweizer Bürger. Der Bundesrat müsste ein Zeichen setzen und klar sagen: Das geht hier nicht, dass ein anderer Staat Schweizer Bürger bespitzeln lässt. Und er müsste dagegen vorgehen.

Welche Folgen hat dies für Ihren Verein?
Heute haben wir noch genügend Leute, die sich engagieren. Aber wenn sich junge Tibeter nicht mehr trauen, sich zu exponieren und ihre Meinung zu sagen, kann es sein, dass unsere Stimme verstummt.

Die Tibetorganisationen fordern in ihrer Petition, dass sie offiziell nicht mehr als Chinesen bezeichnet werden. Hat dies Nachteile für Sie, wenn sie als Chinesen gelten?
Definitiv. Wenn Tibeter in ein anderes Land reisen wollen, müssen sie zum Teil auf einem chinesischen Konsulat Reisedokumente beantragen. Dadurch werden sie der Willkür Chinas ausgesetzt. Manche bekommen keinen Pass und können die Schweiz nicht mehr verlassen. Manchmal bekommen Tibeter auch kein Visum, um nach Tibet zu reisen – selbst dann, wenn sie einen Schweizer Pass haben. Visumsanträge werden nicht beantwortet.

Bis 2014 wurden Sie in der Schweiz als Tibeter bezeichnet.
Ja. Früher stand in unseren Papieren meist Tibet und in Klammer China. Aber plötzlich hatten wir das Label Chinesen. Weshalb? Ich sehe nicht aus wie ein Chinese, ich spreche nicht Chinesisch, und ich bin kein Chinese; meine Grosseltern sind nach der chinesischen Invasion in Tibet vor über 50 Jahren geflüchtet und in der Schweiz aufgenommen worden. Aber heute will es sich die Schweiz nicht mit China verscherzen. So bezeichnet man uns auch erst als Chinesen, nachdem das Freihandelsabkommen mit China in Kraft getreten ist. Das hat für uns auch einen hohen symbolischen Charakter. Wenn uns der Bundesrat wieder als Tibeterinnen und Tibeter anerkennen würde, wäre das ein starkes Zeichen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.09.2018, 13:34 Uhr

Jigme Adotsang



Jigme Adotsang ist Co-Präsident des Vereins Tibeter Jugend (VTJE) in Europa.

Das fordert die Petition

Tibet-Organisationen haben eine Petition mit 11'300 Unterschriften eingereicht.

Die Schweizer Behörden werden aufgefordert, die Meinungsäusserungsfreiheit zur Situation in Tibet zu garantieren. Zudem müsse der Schutz vor Überwachung und die Einhaltung der Privatsphäre für Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz gewährleistet werden.

Ausserdem sollen Alternativen zur Herkunftsbezeichnung «China» in Ausweisen von Tibeterinnen und Tibeter gefunden werden. Schliesslich sollen sich die Behörden für die Einhaltung der Bewegungsfreiheit von in der Schweiz lebenden Tibeterinnen und Tibetern stark machen.

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