«Wir müssen dem Bundesrat Beine machen»

Mit Reto Wehrli tritt der hartnäckigste Kämpfer für das gemeinsame elterliche Sorgerecht zurück. Die Verzögerung der Vorlage durch den Bundesrat akzeptiert er nicht.

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Herr Wehrli, Sie werden als Ikone der Schweizer Scheidungsväter bezeichnet ...
Das bin ich nicht. Ich trete für eine vernünftige Regelung des elterlichen Sorgerechts ein. Als Ikone eigne ich mich nicht.

Jedenfalls sind Sie ein Vorkämpfer für die Anliegen der Scheidungsväter.
Ja, und es ist sehr gut gelaufen, mein Postulat wurde mit 136 zu 44 Stimmen überwiesen. Zuerst wurde die Gesetzesrevision von Justizminister Christoph Blocher, später von Eveline Widmer-Schlumpf sehr gut und effizient vorangetrieben. Im letzten Sommer sass ich mit Vertretern aller Parteien noch bei Frau Widmer-Schlumpf am Tisch.

Ärgert es Sie, dass der Prozess jetzt ins Stocken gerät?
Ich habe mich in der aktuellen Debatte bewusst zurückgehalten. Aber wenn der ganze Sturm vorüber ist, werde ich meine verbleibenden acht Monate im Nationalrat dazu nutzen, um die Gesetzesrevision zu forcieren. Das wird in den nächsten Monaten ein Haupttraktandum sein. Bei allem Respekt für ein Bundesratsmitglied, aber nachdem ich zweimal mit Simonetta Sommaruga darüber gesprochen habe, muss ich sagen: Ihre Argumente überzeugen mich gar nicht.

Welche Argumente?
Ich sehe keinen Grund, weshalb man ein Projekt, das absolut behandlungsreif ist, bremst, weil man angeblich die Unterhaltsfrage gleichzeitig regeln will. Die Unterhalts- und die Sorgerechtsfrage haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Und wenn, dann wäre das zumindest ein Standpunkt. Aber Simonetta Sommaruga sagt selber, dass dies nicht so sei und es deshalb zwei separate Vorlagen gebe. Da habe ich kein Verständnis. Sommarugas zeitliche Prognose von einem Jahr ist zudem unrealistisch. Das glaubt ja niemand, dass die zweite Vorlage innert eines Jahres bereit ist.

Sommaruga will offenbar nicht nur Scheidungsväter, sondern auch Scheidungsmütter besserstellen.
Die Gesetzesrevision bringt ja auch keine einseitige Besserstellung der Väter. Das ist ein grosser Irrtum. Das Sorgerecht bedeutet nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht. Ein getrennt lebender Vater ohne Sorgerecht hat heute nur eine Pflicht: zahlen. Nach der Gesetzesrevision könnte er eingeklagt werden, wenn er sich nicht genügend um das Kind kümmert. Er hat dann nicht mehr nur ein Besuchsrecht, sondern auch eine Betreuungspflicht.

Sind Sie selber Scheidungsvater?
Nein, ich bin nicht betroffen. Mein Sohn lebt zwar nicht bei mir, ich sehe ihn aber sehr oft. Während sieben Wochen im Jahr und jedes zweite Wochenende. Ich kann mich nicht beklagen. Aber als Rechtsanwalt sehe ich himmelschreiende Missstände. Die zwei krassesten Muster, die häufig vorkommen: Väter, die lieber Töfffahren gehen, als sich um ihre Kinder zu kümmern, unter dem Vorwand «ich zahle ja». Und Mütter, die mit dem elterlichen Sorgerecht ein paar hundert Franken zusätzliche Alimente aus den Vätern herauspressen.

Wie wollen Sie die Vorlage in den nächsten Monaten forcieren?
Ich bin in dieser Angelegenheit vernetzt mit Parlamentariern aller Parteien und habe in den letzten Wochen auch zahlreiche Anfragen zur Sorgerechts-Vorlage erhalten. Viele sind mit der Situation unzufrieden, sei es in FDP, SVP oder bei den Grünen. Jetzt müssen wir zusammensitzen und dem Bundesrat Beine machen. Wir akzeptieren dieses Spiel nicht.

Noch eine andere Frage zu Ihrem Rücktritt: Weshalb sagen Sie nicht, dass Bruno Frick Sie mit seiner Wiederkandidatur verärgert?
Weil diese Unterstellung absurd ist. Nur Politiker und Journalisten können auf eine solche Idee kommen. Seit einem Jahr sage ich der CVP, mir sei es egal, in welcher Kammer ich politisiere. Ich wollte nie Ständerat werden. Was soll das? (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.02.2011, 12:52 Uhr

«Das Sorgerecht bedeutet nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht»: Der zurücktretende Nationalrat Reto Wehrli (CVP/SZ).

«Ikone der Scheidungsväter»

Es war einer seiner ersten Vorstösse: Wenige Monate nach seiner Wahl zum CVP-Nationalrat reichte der Schwyzer Reto Wehrli ein breit abgestütztes Postulat ein, in dem er die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall anregte. Das war im Frühling 2004. Der von zahlreichen Parlamentariern aller Fraktionen mitunterzeichnete Vorstoss wurde überwiesen und der Bundesrat mit einer Gesetzesrevision beauftragt. Kurz bevor sich die zuständigen Kommissionen mit der Gesetzesvorlage beschäftigen konnten, geriet das Geschäft aber im Januar 2011 ins Stocken, als Bundesrätin Simonetta Sommaruga eine Verzögerung ankündigte.

Die Männerorganisationen bedauern Wehrlis Rücktritt. «Er ist zur Ikone der Scheidungsväter geworden», sagt Oliver Hunziker, Präsident des Vereins für gemeinsame Elternschaft, auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet. «Schade, dass wir ihn nicht mehr im Nationalrat haben.» Günter Stoll vom Verein Mannschaft sagt: «Wir bedauern, dass Reto Wehrli nicht mehr zu den Wahlen antritt und damit unser Anliegen in Bern nicht mehr direkt vertreten kann. Jetzt ist keiner mehr da, der den Finger draufhält.» (blu)

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