«Wir konnten den Schweizer Salzkonsum um 10 Prozent senken»

Alain Berset möchte mit dem Pavillon in Mailand die weltweite Debatte zum Thema Ernährung mitprägen. Die Weltausstellung sei mehr als ein kraftvoller Werbeauftritt, sagt der SP-Bundesrat.

Bundesrat Alain Berset trinkt fünf bis sechs Tassen Kaffee pro Tag. Foto: Manu Friedrich

Bundesrat Alain Berset trinkt fünf bis sechs Tassen Kaffee pro Tag. Foto: Manu Friedrich

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Weshalb setzt die Schweiz für die Expo in Mailand 15 Millionen Franken ein?
Für uns ist diese Weltausstellung eine gute Gelegenheit, unseren Standpunkt zum Thema Ernährung darzustellen. Unser Pavillon soll ein Treffpunkt sein, an dem über so brennende Themen wie Solidarität, Nachhaltigkeit oder Food-Waste diskutiert wird. Und die Nähe der Stadt Mailand zur Schweiz macht diese Expo natürlich zu etwas Besonderem.

Kann sie helfen, die Beziehungen zu Italien und der EU zu verbessern?
Grundsätzlich haben wir gute Beziehungen zu unseren Nachbarn. Doch auch unter Freunden gibt es immer wieder Diskussionen. Der Bundesrat misst dieser Expo grosse Bedeutung zu. Bereits haben fünf von sieben Mitgliedern einen Besuch definitiv zugesagt. Solche Anlässe sind immer auch eine gute Gelegenheit, offizielle Vertreterinnen und Vertreter anderer Länder zu treffen – nicht zuletzt natürlich jene Italiens, dem drittwichtigsten Handelspartner der Schweiz. Nicht umsonst waren wir 2011 das erste Land, das seine Teilnahme vertraglich zugesichert hat. Vergessen Sie nicht: Wir haben mit unserem südlichen Nachbarn auf kultureller Ebene vieles gemeinsam, allen voran die Landes­sprache Italienisch.

Was hat man aus bisherigen Weltausstellungen gelernt?
Unsere Anwesenheit an der Expo in China 2010 hat in den Medien weltweit viel positives Echo ausgelöst. Ein solcher Anlass ist also immer auch eine gute Gelegenheit, unsere Verbundenheit mit der Welt zum Ausdruck zu bringen. Und zum Themenkreis Ernährung und Gesundheit, der dieses Mal im Fokus stehen wird, haben wir einiges beizutragen. Um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Es wäre für unsere Partnerländer schlicht nicht nachvollziehbar, wenn wir nicht teilnehmen würden.

Eine Chance also, Offenheit nach aussen zu demonstrieren?
Das ist die Expo natürlich auch, aber sie ist mehr als ein kraftvoller Werbeauftritt für unser Land. Wir wollen uns die ­Gelegenheit nicht entgehen lassen, die existenziell wichtige Debatte über Ernährung mitzuprägen.

Die Diskussion ankurbeln will man mit vier Türmen, in denen Wasser, Salz, Kaffee und Apfelringe ­angeboten werden.
Sie sind das Herz unseres Pavillons. ­Besucherinnen und Besucher können die angebotenen Vorräte vor Ort verzehren oder mitnehmen. Die Türme werden nicht nachgefüllt, und je weniger Lebensmittel sich darin befinden, desto mehr senken sich die Besucherplatt­formen. Damit wird Nachhaltigkeit direkt erlebbar, was doch den einen oder anderen Denkanstoss zu verantwortungsvollem Konsum liefern sollte.

Inwiefern sind diese Produkte typisch für die Schweiz?
Jede Auswahl kann natürlich hinterfragt und kritisiert werden. Wasser passt aber sicher zu uns – es ist ein lebenswichtiges Nahrungsmittel, und nicht umsonst gelten die Alpen als Wasserschloss Europas. Salz wird in der Schweiz hergestellt, und es dürfte spannend werden, über dieses Lebensmittel zu debattieren. Apfelringe? Wir sind ein Apfelland, mit einer Vielfalt an Sorten. Bleibt der Kaffee: Heute ist er eines der wichtigen Exportprodukte des Landes, auch wenn der Rohstoff nicht von hier stammt.

Der Pavillon ist in Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie entstanden. Kommt man da nicht in den Verdacht, sich den Sponsoren gebeugt zu haben?
Es gab bei diesem Projekt eine gut­schweizerische Zusammenarbeit öffentlicher und privater Akteure. Das ist legitim, solange auch möglichst viele Perspektiven sichtbar werden. Ein Thema aus allen möglichen Blickwinkeln zu beleuchten, gehört zu den Stärken unseres Landes.

Ganz grundsätzlich: Sehen Sie Essen als Teil der Kultur?
Man ist, was man isst. Was gegessen wird, verrät also auch viel über ein Land. Am Tisch zu sitzen mit Freunden oder mit der Familie, gehört darum tatsächlich zur Kultur dazu. Ich war vor meiner Zeit als Bundesrat Präsident der Vereinigung AOC-IGP, welche die geschützten Ursprungsbezeichnungen vergibt. Da konnte ich sehen, wie Produkte wie Sbrinz oder die Olma-Bratwurst stark in den entsprechenden Regionen verankert sind.

Sollte man diese Kulturform nicht auch finanziell fördern, wie dies etwa in Spanien oder Skandinavien der Fall ist?
Grundsätzlich sind in der Schweiz dafür private Organisationen zuständig, wie es etwa bei der Vermarktung von regionalen Produkten der Fall ist. Diese Vereinigungen werden jedoch teilweise vom Bund via Absatzförderung unterstützt.

Wäre es nicht sinnvoll, Köche direkt zu unterstützen? ­Caminada, Violier und andere ­prägen das Schweizer Image im Ausland doch genauso wie Pipilotti Rist oder Jean Tinguely.
Wir haben in der Schweiz auf kleinstem Raum viele gute Köche mit verschiedensten Kochstilen. Deren Bedeutung für das Land ist hoch – die Unterstützung durch die öffentliche Hand erfolgt bei uns wie gesagt indirekt. Und ich habe bisher noch keinen Koch getroffen, der um Geld für seine Kunstform gebeten hätte.

Welche Rolle soll der Bund denn im Lebensmittelbereich spielen?
Die Hauptrolle des Bundes besteht darin, die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten. Welche Zusatzstoffe sollen erlaubt sein? Wie sind Zutaten von ­Lebensmitteln deklariert? Wer kontrolliert, dass diese Angaben korrekt sind? Hier ist die Politik gefordert. Die zweite grosse Aufgabe des Staates betrifft die Prävention. Und schliesslich ist es Aufgabe des Bundes, im Krisenfall die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und Lebensmitteln sicherzustellen.

Was man isst, ist doch Privatsache?
Dass es gesund ist, sich möglichst ausgewogen zu ernähren, weiss der Konsument, die Konsumentin selbst. Aber der Staat soll dafür sorgen, dass alle Informationen über gesunde Ernährung zur Verfügung stehen. Er schafft damit die Voraussetzungen für selbstverantwortliches Handeln. Aber Sie haben natürlich recht: Genuss ist auch gesund, erst gestern habe ich zum Beispiel ein Fondue gegessen; die gute Stimmung wirkt ­immer noch nach, trotz oder wegen der Kalorien.

Wie stehen Sie zu ­Lebensmittel-Ampeln, wie es sie in England gibt? Dass man einfach mit roten, gelben und grünen Punkten angibt, wie gesund ein Produkt ist?
Das Parlament hat sich kürzlich gegen ein solches System entschieden. Die Zutaten sind bei uns auf den Lebensmitteln ersichtlich, in den meisten Fällen auch die Herkunft der Inhaltsstoffe. Es geht darum, dem Verbraucher so viel Wissen wie möglich anzubieten, ohne den Aufwand für die Wirtschaft ins Bodenlose zu treiben. Das ist uns mit der Revision des Lebensmittelgesetzes gelungen.

Womit wir nochmals aufs Salz ­zurückkommen – im Rahmen der Salz-Strategie des Bundes werden Bestrebungen gemacht, den Konsum einzudämmen.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir hierzulande zu einvernehmlichen Lösungen kommen. Die Bäckereibetriebe verzichten ja freiwillig auf einen Teil des Salzes in ihrem Brot. Und diese Massnahme ist einerseits sehr pragmatisch, andererseits wirksam. Es ist uns gelungen, dass in der Schweiz im Vergleich zu früher 10 Prozent weniger Salz konsumiert wird.

Wie viel Wasser und Kaffee pro Tag, wie viele Äpfel pro Woche ­konsumieren Sie selbst?
Ich trinke genug Wasser, auch in Form von Tee. Kaffee trinke ich etwa fünf bis sechs Tassen. Ist das viel, wenn man am Tag zehn Sitzungen hat? Und ja, ich esse fast täglich Früchte, auch Äpfel.

Salzen Sie Ihr Essen nach?
Sehr selten, in aller Regel vertraue ich der Kunstfertigkeit des Kochs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2015, 20:39 Uhr

Modell des Schweizer Pavillons für die Weltausstellung.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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