Wer nicht in Como hängen bleibt, landet hier

Flüchtlinge durchqueren vom Tessin aus die Schweiz und reisen nach Deutschland. Ein Polizeiposten nördlich von Basel spürt das besonders.

Zu wenig Personal: Flüchtlinge schlafen in der Eingangsschleuse des Polizeireviers Weil am Rhein. Sie warten auf ihre Registrierung. Foto: Polizeirevier Weil am Rhein.

Zu wenig Personal: Flüchtlinge schlafen in der Eingangsschleuse des Polizeireviers Weil am Rhein. Sie warten auf ihre Registrierung. Foto: Polizeirevier Weil am Rhein.

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Rund 400 Migranten übernachten derzeit in einem improvisierten Flüchtlingscamp in Como, mehrheitlich Eritreer. Der Grund: Das Schweizer Grenzwachtkorps schickt Personen, die in der Schweiz keinen Asylantrag stellen, zurück nach Italien. Doch was passiert mit jenen Migranten, die es trotzdem in die Schweiz geschafft haben?

Flüchtlinge aus Eritrea haben sich in einem Park wenige Hundert Meter vom Bahnhof von Como entfernt niedergelassen. Foto: Francesca Agosta (Keystone)

Viele von ihnen wollen nicht hierbleiben, sondern Richtung Norden. Auffällig viele der Asylbewerber landen in einem Polizeiposten im südwestlichen Zipfel Deutschlands. Das Polizeirevier Weil am Rhein, nordöstlich von Basel und nur 1,5 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, ist davon zunehmend überfordert. Eigentlich passieren hier vor allem Schweizer Einkaufstouristen die Grenze, doch seit einigen Monaten sind die Polizeibeamten mit dem Erfassen von Asylbewerbern beschäftigt. Offenbar haben einige der Migranten einen Zettel mit der Adresse des Polizeipostens dabei. Der ist aber als Sitz der Landespolizei gar nicht für Asylanträge zuständig. Dennoch sind die Polizisten laut Revierleiterin Kathrin Mutter sehr oft damit beschäftigt. Der «Welt» sagte sie, dass die Beamten in manchen Nächten kaum mehr Zeit für andere Aufgaben hätten: «Zu Ruhestörungen fahren wir schon gar nicht mehr.» Im Mai seien 60 Asylbewerber auf dem Polizeiposten aufgetaucht, im Juli und Juli seien es jeweils schon 140 gewesen. Das sei für ihr Revier auf Dauer nicht zu schaffen.

Das Erfassen einer Person dauere schnell einmal zwei Stunden, sagt Kathrin Mutter. Wer abends ankomme, müsse manchmal auf dem Revier übernachten und warten, bis am nächsten Morgen jemand Zeit habe. Nach der Registrierung bekommen die Asylbewerber in der Regel eine Fahrkarte und die Aufforderung, sich innerhalb von 48 Stunden bei der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge zu melden. «Ob sie wirklich nach Karlsruhe fahren, wissen wir nicht. Es sind ja freie Menschen», sagt Mutter.

Die eigentlich für den Grenzschutz zuständige Behörde ist die Bundespolizei. Pressesprecher dort ist der Vater von Revierleiterin Kathrin Mutter, Helmut Mutter. Er sagt: «Natürlich kommen hier deutlich weniger Personen als im Tessin an.» Doch es würden stetig mehr. Die Bundespolizei ist verantwortlich für die Kontrolle des Personenverkehrs in einem 30 Kilometer breiten Korridor entlang der schweizerisch-deutschen Grenze. Die Zuständigkeit beginnt westlich von Schaffhausen und endet bei Basel. Regelmässige Zollkontrollen gibt es hier nur an grossen Grenzübergängen. Ansonsten wird die Grenze von mobilen Einheiten überwacht. Wegen der gestiegenen Migrationszahlen wurden einzelne Grenzübergänge wieder mit Personal besetzt und 40 zusätzliche Einsatzkräfte angefordert. «Deutsche und Schweizer sind auch gemeinsam in Streifenwagen oder in Zügen unterwegs», sagt Mutter.

Ein Feldbett für die Nacht

Zwischen Januar und Juli hat die Bundespolizei 1104 Personen erwischt, die versuchten, über die Grenze nach Deutschland zu kommen. Ab Mai sind die Zahlen sprunghaft angestiegen: Vor allem Personen aus Eritrea, Gambia, Äthiopien Nigeria und Guinea kommen. Allein im Juli waren es über 400. Zum Vergleich: Im ganzen letzten Jahr waren es insgesamt 1787 gewesen. Teilweise versuchten die Migranten mit dem Tram nach Deutschland zu kommen, sagt Helmut Mutter. Die Linie 8 fährt von Basel bis nach Weil am Rhein. Ein Drittel der Migranten seien unbegleitete Minderjährige.

Die Bundespolizei erfasst die Migranten und kontrolliert, ob die Person bereits einmal einen Asylantrag gestellt hat. Nach Abschluss der Registrierung erhalten sie ein vorläufiges Dokument. Sie werden aufgefordert, mit dem Zug nach Karlsruhe zu fahren, wo sie sich innerhalb von 48 Stunden bei der Landeserstaufnahmestelle für Asylbewerber zu melden haben. «Wir bieten aber auch ein Feldbett für die Nacht, etwas zu essen und ärztliche Hilfe an, falls nötig», sagt Mutter. Einige der Asylbewerber hätten sich mit der Krätze angesteckt.

Revierleiterin Kathrin Mutter ist trotz der hohen Belastung ihres Teams für offene Grenzen. Offiziell gilt Angela Merkels Weisung noch, die Grenzen für alle Asylsuchenden zu öffnen. Doch: «Wenn sich die Politik dafür entscheidet, die Grenzen offen zu halten, muss sie auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir mit den Konsequenzen klarkommen.»

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