Wenn der Chirurg einen Katheter im Körper vergisst

Nach einer Operation litt eine Frau jahrelang unter undefinierbaren Schmerzen. Bis sie ein Stück eines Katheters ausschied.

Bei der Operation vergessen: Der Katheter ist auf dem Tomogramm als weisse Linie zu sehen.

Bei der Operation vergessen: Der Katheter ist auf dem Tomogramm als weisse Linie zu sehen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau A. hatte ein Nierenleiden. Eine der beiden Nieren funktionierte nicht richtig, sie musste schliesslich entfernt werden. Das war vor über zehn Jahren. Die Operation beendete die Krankengeschichte nicht. Im Gegenteil, diese fing erst richtig an. Seit dem Eingriff litt Frau A. unter diffusen Beschwerden. Sie liess sich deswegen mehrmals untersuchen. Doch man fand nichts.

Eines Tages empfand Frau A. beim Wasserlösen starke Schmerzen. Als sie in die Schüssel schaute, traute sie ihren Augen nicht: Sie hatte ein Stück eines Katheters ausgeschieden. Eine Computertomografie bestätigte die Befürchtung, dass sie den Fremdkörper jahrelang in sich getragen hatte: Das Bild zeigte ein weiteres Teilstück, das noch im Körper drin steckte. Frau A. wandte sich an die Patientenstelle in Zürich, die den Fall abklärte und nun in ihrem jüngsten Bulletin publik machte.

Eindeutig, aber verjährt

Wie konnte es zu diesem Fehler kommen? Vor der Operation war die Nierenpatientin im Spital untersucht worden, wobei ein Katheter eingeführt wurde. Die Operation erfolgte dann in einer Spezialklinik und verlief eigentlich problemlos. Dem Chirurgen war bekannt, dass eine Katheter-Untersuchung stattgefunden hatte, der Katheter wurde im Anästhesie-Protokoll ausdrücklich erwähnt. Gemäss Darstellung der Patientenstelle lag der Fehler beim Chirurgen, der den Katheter bei der Operation nicht vollständig entfernt habe. «Der Befund war eindeutig, die Sachlage klar.» Also schien es auch einfach, eine Sorgfaltspflichtverletzung nachzuweisen und eine Genugtuung für die Patientin zu erwirken. Doch die Geschädigte hatte noch einmal Pech: Der Fehler ist verjährt. Zehn Jahre nach dem Vorfall tritt die absolute Verjährung ein, wenn man nicht interveniert hat.

Der Patientenstelle blieb nichts anderes übrig, als an die Kulanz der Klinik zu appellieren. Diese zahlte eine kleine Genugtuung – nach Ansicht der Patientenstelle eine zu kleine angesichts des erlittenen Gesundheitsschadens. Überdies musste Frau A. versprechen, nicht an die Medien zu gelangen. Deshalb kann hier weder ihr Name noch der Name der Klinik genannt werden.

Abgebrochene Zange

Erika Ziltener, die Leiterin der Patientenstelle, weiss von weiteren Fehlern. Eben habe sich ein Mann gemeldet, der ganz Ähnliches erlebt hat. Auch er litt jahrelang unter diffusen Schmerzen im Unterleib, nachdem er nach einem Unfall ein neues Hüftgelenk bekommen hatte. Wie sich herausstellte, war dem Operateur ein Stück einer Zange abgebrochen und in der Wunde verloren gegangen. Das Metallstück war mehr als einen Zentimeter gross. In einem andern Fall war es vermutlich ein Stück eines Beatmungsschlauches, das quälte. Die betroffene Frau musste nach einem Unfall beatmet werden, wobei der Fremdkörper unbemerkt in den MagenDarm-Trakt gelangte. Die Frau hatte danach ständig Bauchweh. Erst nach mehreren Jahren konnte die Ursache eruiert und der Fremdkörper herausoperiert werden. Gemäss Ziltener kommt es auch vor, dass Menschen Fremdkörper in sich tragen, ohne dies zu merken.

Zählen, und nochmals zählen

Nicht bekannt ist, wie oft Chirurgen irgendwelches Gerät in Körpern liegen lassen. «Es handelt sich um sehr wenige Fälle», sagt Paula Bezzola, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung für Patientensicherheit. «Ein solcher Fehler passiert schätzungsweise in einer von 1000 Operationen.» Dies lasse sich aus internationalen Routine-Erhebungen für die Schweiz hochrechnen. Laut amerikanischen Studien seien es sogar nur 2 von 10 000 Operationen. Wenn es passiert, sind die Folgen allerdings gravierend. Die Weltgesundheitsorganisation hat deshalb eine Checkliste für Chirurgen lanciert, welche die Stiftung für Patientensicherheit derzeit auf die hiesigen Verhältnisse anpasst. Die wichtigste Regel gegen die Fremdkörper lautet: Vor und nach der Operation alle Instrumente zählen – und erst zunähen, wenn die Zahlen übereinstimmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2010, 09:37 Uhr

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...