Wegen falscher Jobwahl in der Armutsfalle

Eine Studie zeigt, dass viele Frauen nicht privat fürs Alter vorsorgen – angeblich, weil sie zu wenig darüber wissen. Selber schuld also?

An den Schutzschirm gedacht? Frauen müssen deutlich öfter als Männer Ergänzungsleistungen beziehen.

An den Schutzschirm gedacht? Frauen müssen deutlich öfter als Männer Ergänzungsleistungen beziehen.

(Bild: Keystone Winfried Rothermel)

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Eine kleine AHV wegen Teilzeitarbeit und Kinderzeit, im schlimmsten Fall Altersarmut: Dass Frauen von diesen Problemen besonders oft betroffen sind, ist kein Geheimnis. Warum sorgen sie also nicht privat fürs Alter vor? Diese Frage stellte sich die Finanzberatungsplattform Moneypark – und gab sie an rund 1000 Personen weiter. Nur 56 Prozent der befragten Frauen haben eine private Vorsorge. Die restlichen antworteten oft mit dem Argument, dass sie wenig über die private Vorsorge wüssten. Bei den Männern kam diese Antwort weniger häufig vor. Bei beiden Geschlechtern gab es noch andere Gründe für das Fehlen der privaten Vorsorge: Man glaubt, die 1. und 2. Säule seien ausreichend, man will das Geld lieber privat anlegen – oder man hat schlicht kein Interesse an dieser Art Vorsorge.

Klicken Sie für eine grössere Ansicht. Quelle: Moneypark

Stefan Heitmann, CEO von Moneypark, findet es einerseits «verständlich», dass derart viele Personen sagen, sie wüssten zu wenig über die private Vorsorge. «Wer setzt sich am Wochenende schon gerne hin und studiert Finanzprodukte?», sagt er. Andererseits sei es aber auch «fahrlässig», sich damit nicht zu beschäftigen. «Es gehört schon auch zur Eigenverantwortung, dass man sich darüber informiert, wie gut oder schlecht die eigene finanzielle Situation ist – und sie nach der Pensionierung sein wird.» Auch Schulen, Unis und andere Ausbildungsstätten sowie die Arbeitgeber sieht er in der Pflicht, um die Wichtigkeit der privaten Vorsorge zu vermitteln.

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Information und Eigenverantwortung schön und gut. Aber was ist mit jenen Personen, die keine private Vorsorge betreiben, weil sie schlicht zu wenig Geld dafür haben? Diesen Einwand will Stefan Heitmann nicht gelten lassen. Wer so argumentiere, mache es sich zu leicht und ziehe sich aus der Verantwortung. «Schon wer 50 Franken pro Monat für die private Vorsorge ausgibt, kann – wenn er dies über eine lange Zeit durchzieht – im Alter stark davon profitieren», sagt Heitmann. «Es braucht keine grossen Summen, aber es braucht Disziplin.»

«7,7 Milliarden gehen jedes Jahr verloren»

Rosmarie Zapfl, Frauenrechtlerin und ehemalige CVP-Nationalrätin, stören diese Aussagen: «Wer so redet, kann sich schlicht nicht vorstellen, wie viele Frauen in der Schweiz keine 50 Franken auf die Seite legen können.» Viele Frauen würden ihr Leben lang arbeiten, ohne dass dies vom Staat als Arbeit anerkannt würde. Tatsächlich können Hausfrauen nicht in die ansonsten beliebte Säule 3a einzahlen, weil sie rechtlich keine Arbeitnehmerinnen sind.

Für Zapfl liegt das Hauptproblem bei den tiefen Löhnen. «8,7 Prozent des Lohnunterschieds zwischen Männern und Frauen sind nicht erklärbar», sagt sie. Und durch diesen Unterschied fehlten den Schweizer Frauen jedes Jahr Rentenleistungen in der Höhe von 7,7 Milliarden Franken. «Es steht und fällt also alles mit dem gleichen Lohn für gleiche Arbeit.»

Die Folge davon, dass bei vielen Frauen die Vorsorge im Alter nicht ausreicht, zeigt sich bei den Ergänzungsleistungen. Diese steigen stetig an, die Mehrheit der Bezüger ist weiblich. Also alles halb so wild, weil man sich im Notfall auf die Ergänzungsleistungen verlassen kann? Stefan Heitmann rät dringend von dieser Einstellung ab. «Man weiss heute nicht, wie hoch diese Ergänzungsleistungen bei der eigenen Pensionierung noch sein werden. Das ist eine gefährliche Abhängigkeit vom Staat.»

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In einem Punkt sind sich Stefan Heitmann und Rosmarie Zapfl aber einig: Frauen müssten besser über das Thema «Private Vorsorge» informiert werden und sich selbst auch besser informieren. «Es fängt schon bei der Berufswahl an», sagt Zapfl. «Hier muss man sich als angehende Coiffeuse oder Servicekraft überlegen, was dieser Job für meinen späteren Lebensstandard bedeutet.» Sie höre zudem immer wieder Frauen sagen, sie seien mit ihrem Lohn zufrieden. «Aber sie überlegen sich nicht, was das für die Rente bedeutet», sagt Zapfl. «Das muss sich ändern.»

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