Interview

«Was Berset vorschlägt, ist Wischiwaschi»

Obwohl der Gegenvorschlag zur Einheitskasse im Parlament chancenlos ist, winkt der Bundesrat das Projekt von Alain Berset durch. Gesundheitsökonom Willy Oggier warnt vor diesem Vorstoss.

Übt Kritik am Gesundheitsminister: Gesundheitsökonom Willy Oggier bei einer Medienkonferenz.

Übt Kritik am Gesundheitsminister: Gesundheitsökonom Willy Oggier bei einer Medienkonferenz. Bild: Keystone

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Die Kassen verwenden viel Geld und Energie dafür, einander junge und gesunde Versicherte abzujagen. Glaubt man Alain Berset, hat er einen wirksamen Hebel gegen das unsolidarische Treiben gefunden.
Leider trifft das Gegenteil zu. Wenn man will, dass sehr teure Krankheitsfälle besser betreut werden, muss man sie im System belassen und die Kassen mit vernünftigen Anreizen dazu bringen, für diese Patienten gute Behandlungsangebote aufzubauen. Alain Bersets Hochkostenpool bewirkt das Gegenteil. Nimmt man den Kassen die teuren Fälle weg, können sie sich aus der Verantwortung stehlen.

Warum? Kommen Krankheitsfälle ab 33'000 Franken in den Hochkostentopf, bleiben immer noch 93 Prozent der Gesundheitskosten im normalen Kassenwettbewerb.
Gerade die teuren Fälle sind der Grund, warum man in der Schweiz ein solidarisches Krankenversicherungssystem mit Einheitsprämie für Gesunde und Kranke geschaffen hat. Gliedert man die teuren Fälle in einen separaten Pool aus, entzieht man den Kassen einen wichtigen Existenzgrund. Bersets Vorschlag ist eine verkappte Einheitskasse light.

Aber die Solidarität nimmt doch zu, wenn die Kosten der teuren Fälle auf alle Kassen und damit auf alle Versicherten verteilt sind.
Es gibt nicht nur eine Solidarität der Finanzierung, sondern auch eine Solidarität bei der Qualität. Patienten, die hohe Kosten verursachen, sind besonders darauf angewiesen, dass sie gut betreut werden. Wenn die Kassen den grössten Teil dieser Behandlungskosten abschieben können, haben sie keinen Anreiz mehr, für teure Kranke spezielle Versorgungsprogramme zu organisieren.

Bemühen sich denn die Kassen heute überhaupt, solchen Patienten eine gute Versorgung anzubieten?
Es gibt durchaus Beispiele. Mehrere Kassen bieten etwa Spezialprogramme für Hochkostenfälle an. Und die Helsana arbeitet neuerdings strukturiert bei gewissen Krebserkrankungen mit Spezialkliniken im Ausland zusammen, um von deren Fachwissen zu profitieren.

Bersets Vorschlag bringt die Risikoselektion weitgehend zum Verschwinden. Nur so haben die Kassen doch einen echten Anreiz, mit guten Dienstleistungen und Kostenkontrolle zu brillieren.
Nein. Mit Bersets Vorschlag wird die Finanzierung komplizierter und untransparenter. Dadurch werden die Anreize für eine gute Versorgung weiter zersplittert. Es braucht kein Parallelsystem mit Hochkostenpool, sondern einen verfeinerten Risikoausgleich, wie ihn das Parlament fordert. Wenn für die Ausgleichszahlungen unter den Kassen künftig auch die Medikamentenwirkstoffe berücksichtigt werden, können auch die meisten teuren Fälle wie Transplantationspatienten und Krebskranke erfasst werden. Dann wird es sich für die Kassen spürbar lohnen, mehr Energie in die Qualität zu investieren.

Berset sagt, in Krankheitsfällen mit Kosten ab 33 000 Franken entfalte der verfeinerte Risikoausgleich keine Wirkung.
In der heutigen Form stimmt das. Wenn der Risikoausgleich auch den Krankheitszustand über Medikamentenwirkstoffe abbildet, stimmt das nicht mehr.

Deutschland kennt sowohl einen Risikoausgleich wie einen Hochkostenpool.
Es ist unzulässig, das deutsche und das schweizerische System zu vergleichen. Erstens dürfen in Deutschland die Prämien politisch kaum steigen, zweitens zahlen die Arbeitgeber über Lohnprozente mit. Deutschland lagerte die teuren Krankheitsfälle in einen Pool aus, um via Reduktion der Lohnnebenkosten den Wirtschaftsstandort zu verbessern. In der Zwischenzeit ist der Hochkostenpool aber zugunsten eines verbesserten Risikoausgleichs abgeschafft worden.

Mit dem Hochkostenpool sind die Prämienunterschiede weniger gross, so wechseln weniger Leute die Kasse. Das spart Verwaltungskosten.
Prämienunterschiede sind nicht schlecht, solange sie widerspiegeln, ob eine Kasse sowohl in der Verwaltung wie in der Versorgung der Patienten gut und wirtschaftlich arbeitet. Mit Bersets Vorschlag wird alles undurchsichtiger. Die Prämien werden noch weniger darüber aussagen, ob eine Kasse gut oder schlecht ist.

Ohne griffigen Gegenvorschlag stimmt das Volk für die Einheitskasse.
Das glaube ich nicht. Und selbst wenn, wäre mir ein konsequentes staatliches System immer noch lieber als das, was Berset vorschlägt. Ich sage das, obwohl ich ein Gegner der Einheitskasse bin. Wir brauchen Richtungsentscheide, nicht Wischiwaschi, wie es Berset vorschlägt Wir sollten nicht die Verbesserung des Risikoausgleichs mit einem dirigistischen Element wie dem Hochkostenpool vermischen. Das wäre ein Zeichen für ein weiteres Durchwursteln. Das Volk soll rasch über die Einheitskasse abstimmen. Dann können wir konkrete Reformen anpacken. Je nach Ausgang der Abstimmung in die eine oder andere Richtung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2013, 07:18 Uhr

Willy Oggier

Der Dr. oec HSG führt ein Beratungsbüro für gesundheitsökonomische Fragen und hat zahlreiche Publikationen zum Gesundheitswesen verfasst.

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