Wahres Wissen ist human

Auch die Schulen müssen lernen, mit der Digitalisierung umzugehen. Aber der Mensch bleibt für die Bildung zentral.

Informatikunterricht bedeutet nicht einfach, Programmieren zu lehren. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Informatikunterricht bedeutet nicht einfach, Programmieren zu lehren. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass Faktenwissen jederzeit weltweit fast allen Menschen zugänglich ist. Der unbeschränkte Zugang zu Informationen gehört zu den grossen gesellschaftlichen Umbrüchen des 21. Jahrhunderts. Google, Wikipedia, Facebook begleiten und informieren uns täglich. Aber sind wir Menschen deshalb wissender, klüger, gebildeter geworden?

Computer sind heute in der Lage, sowohl Schach- als auch Go-Weltmeister zu schlagen. Aber einen ethisch-moralischen Kompass haben sie nicht: Microsoft liess einen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter auf sozialen Medien mitdiskutieren. Er nahm alles ungefiltert auf und wurde in weniger als 24 Stunden rassistisch und sexistisch.

Menschliche Intelligenz unterscheidet sich grundsätzlich von der künstlichen, auch wenn diese schon selber lernen kann. Was bedeutet das für die Schule und die Bildung allgemein? Das spezifisch Menschliche wird an Bedeutung gewinnen. Sinnlich-emotionale Erlebnisfähigkeit spielt dabei eine besondere Rolle. Ein Beispiel: Nach einem prächtigen Herbst ist nun der Winter eingekehrt. Erinnerungen an folgende Zeilen werden wach: «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

Ein Computer würde uns vielleicht Hinweise zu Architektur­büros nennen, und er würde uns Adressen von Partnervermittlungsinstituten oder Dating-Sites liefern. Er weist uns auch auf Rainer Maria Rilke hin, kann aber nicht die sinnlichen Erlebnisse zwischen Herbst und Winter nachvollziehen, keine Emotionen, Gerüche, Kindheitserlebnisse, Glück und Trauer mit dem Gedicht verbinden.

Allerdings ist das kein Argument gegen Informatik im Schulunterricht. Informatikkenntnisse gehören zur Allgemeinbildung. Aber so wie der Leseunterricht nicht mit Goethes «Faust» beginnt, sondern mit Neugierde und einfachen Texten, so wird auch Informatikunterricht nicht einfach bedeuten, das Programmieren in einer bestimmten Programmiersprache zu lehren. Schülerinnen und Schüler sollen zunächst lernen, Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Danach üben sie, diese dem Rechner zu erklären. Dafür gibt es grundlegende Konzepte, die unabhängig sind von den jüngsten Internet­entwicklungen und sich über Jahrzehnte nicht verändert haben.

Wir müssen Kindern und Jugendlichen aufzeigen, was und wie sie in einer digitalisierten Welt lernen sollen, um jenes Wissen zu erwerben, das für das Leben und die Teilnahme in unserer Gesellschaft nötig ist. Wir müssen ihr Interesse und ihr Vorwissen aufnehmen, ihnen einen klugen Wissensaufbau ermöglichen, sie im Lern- und Bildungsprozess anleiten und auch Misserfolge zulassen.

Die digitale Transformation wirft die Frage auf, ob die Schule nicht nur verändert, sondern verdrängt wird. Wie können wir sicherstellen, dass künftig alle Kinder und Jugendlichen in guter Qualität unterrichtet werden? Wie können Bildungsgerechtigkeit, soziale Integration und demokratische Teilhabe gewährleistet werden? Hier liegt die grösste Herausforderung.

Kräfte bündeln

Die Digitalisierung kann einschränkende, entmündigende, manipulierende Folgen haben. Sie kann uns davon abhalten, die Welt anders als digital zu erleben und das Menschliche auszublenden. Digitalisierung kann uns aber auch helfen, Bildungsziele zu erreichen, die Selbst- und die Mitbestimmung auszubauen. Blinde Euphorie ist dabei so wenig hilfreich wie Angstmacherei.

Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um diesen Prozess mitzugestalten. Dazu sind Kooperationen der Hochschulen mit Institutionen und Firmen nötig, um die Entwicklungen der digitalen Transformation in positive Bahnen zu lenken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2017, 22:49 Uhr

Heinz Rhyn ist Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich. Foto: PD

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