Umzug SRG-Radiostudio Bern: Alle gegen Zürich

170 Berner Mitarbeiter sollen künftig aus Zürich senden. Nun prüfen sie den Ausstieg aus der SRG. Wie konnte es soweit kommen?

«Einfach schweigen und akzeptieren»: SRF-Journalistin Priscilla Imboden gestern Abend an der Demo gegen den Umzug des Radiostudios Bern nach Zürich. Foto: Beat Mathys

«Einfach schweigen und akzeptieren»: SRF-Journalistin Priscilla Imboden gestern Abend an der Demo gegen den Umzug des Radiostudios Bern nach Zürich. Foto: Beat Mathys

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Für Gilles Marchand ist es schon angenehmer gewesen, sich durch die Berner Lauben zu bewegen. Am Montagnachmittag zum Beispiel traf der SRG-Generaldirektor beim Hotel Schweizerhof auf Adolf Ogi und Albert Rösti, zufällig. Marchand wollte die beiden SVP-Grössen eigentlich nur freundlich grüssen. Doch Ogi und Rösti nahmen ihn umgehend in die Zange. Mehrere Minuten redeten sie auf Marchand ein, Ogi ziemlich energisch gestikulierend. Sie zählten ihm die Denkfehler auf beim Plan, das SRG-Radiostudio Bern an den Leutschenbach in Zürich zu zügeln.

Gilles Marchand hörte geduldig zu. Er führt diese Gespräche derzeit an­dauernd. Mit Stadtpolitikern, mit Regierungsräten, an SRG-Versammlungen. Am nächsten Montag muss er mit SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina im Bundeshaus antraben. Die ständerätliche Fernmeldekommission hat darum gebeten. Natürlich wegen des Radiostudios Bern.

Sechs Monate nach der Abstimmung über die No-Billag-Initiative ist die SRG wieder in aller Munde. Und wieder ist der Ton äusserst gereizt. Grund ist ein Sparvorschlag von SRF-Direktor Ruedi Matter. Er ist relativ kompliziert: Rund 170 Mitarbeitende von «Echo der Zeit», «Rendez-vous» und anderen Infosendungen sollen von Bern nach Zürich umgesiedelt werden, damit die SRG-Generaldirektion in Bern von einer teuren in eine günstigere Liegenschaft umziehen kann. Spareffekt: drei bis fünf Millionen Franken pro Jahr. Das Geschäft befindet sich in der heissen Phase. In zwei Wochen entscheidet der SRG-Verwaltungsrat.

Video: Protest für den Erhalt des Berner Radiostudios

Am Donnerstagabend versammelten sich mehrere hundert Personen auf dem Berner Bundesplatz, um gegen die drohende Verlegung des SRF-Radiostudios von Bern nach Zürich zu protestieren.

In der Politik sind die Meinungen schon gemacht. Dumme Idee!, fanden in den letzten Tagen einmütig SP-­Präsident Christian Levrat, CVP-Chef Gerhard Pfister, SVP-Hardliner Adrian Am­stutz und FDP-Doyen Kurt Fluri. Alle hatten sie ihre Gründe: der Zentralismus, der bescheidene Spareffekt, die Abwertung der Bundesstadt Bern. Als dann sogar die Zürcher Regierungs­rätin Jacqueline Fehr (SP) ihrer Sorge über die zunehmende Zürcher Dominanz in den nationalen Medien Ausdruck verlieh, war der Schulterschluss perfekt. Linke und Rechte, Bauern und Städter, Büezer und Alt-Bundesräte – für einmal sind alle vereint. Gegen die SRG-Spitze. Und gegen Zürich.

Die Allianz jedoch ist kurios. Gestern Abend versammelten sich 1000 Personen auf dem Berner Bundesplatz, um gegen den Abbau auf den Redaktionen von ­Tamedia und SDA und für den Erhalt des Radiostudios Bern zu protestieren. Unterstützt wurde die Demo auch von der Berner SVP. Vor sechs Monaten wollte sie die SRG noch abwracken. Jetzt lautet die Parole: Finger weg vom Radiostudio Bern!

«Natürlich ist das ein Widerspruch. Aber den müssen die SVPler mit sich selbst ausmachen», sagt Priscilla Imboden. Die SRF-Bundeshausredaktorin und Co-Präsidentin einer Journalistengewerkschaft koordiniert derzeit den Widerstand gegen das Spardiktat von oben. Dass sich auch Bürgerliche für das Radiostudio Bern wehren, beweist für sie primär, wie verbreitet das Unbehagen über die laufende Medienkonzentration und Zentralisierung in Zürich bereits ist.

Wem gehört der 4. März?

Die Eskalation in diesem Konflikt ist nicht allein mit der alten Rivalität zwischen Bern und Zürich erklärbar. Vielmehr stehen sich hier zwei Sieger des No-Billag-Kampfes gegenüber und ringen um die Deutungshoheit über den 4. März: auf der einen Seite die SRF-Journalisten, die sich im letzten Winter stark engagierten und das Abstimmungsresultat als Volksauftrag für hochwertigen Journalismus interpre­tieren. Auf der anderen Seite die SRG-Spitze, die immer wieder ihre Sparbereitschaft betonte und nun glaubt, Ergebnisse liefern zu müssen.

«Es gibt bei den Mitarbeitern eine enorme Wut darüber, was in den letzten sechs Monaten passiert ist», sagt Priscilla Imboden. «Wir haben mitgeholfen, die SRG zu retten. Und jetzt sollen wir einfach schweigen und akzeptieren, dass unsere Jobs nach Zürich wandern?»

Auch für SRF-Direktor Ruedi Matter führt eine direkte Linie vom 4. März zur jetzigen Spardiskussion. Ent­sprechend irritiert ist er über die jüngsten Wortmeldungen aus Bundesbern. Alle Politiker hätten im Abstimmungskampf ­gesagt, die SRG müsse sparen. «Jetzt ­haben wir ein Projekt, das ­substanzielle Entlastungen bringt, ­immerhin 5 Millionen jährlich wiederkehrend, und jetzt soll das auch wieder falsch sein?» Rund 40 Stellen könne SRF dank dieser Massnahme erhalten, so Matter.

Allerdings gibt es beim Umzug auch verborgene Kosten, etwa den Know-how-Verlust. Gemäss einem internen Papier geht die SRF-Spitze davon aus, dass 30 Prozent der Mitarbeiter den Umzug nicht mitmachen. Das berichtete gestern die «Wochenzeitung». SRF-­Direktor Ruedi Matter dementiert diese Zahl. Sie sei «viel zu hoch». «Wir kommen auf eine andere, eine realis­tischere Zahl.» Wie hoch sie ist, will ­Matter aber nicht beziffern.

Falsch sei aber auch das Argument, dass die SRG ihre föderalistische Struktur aufgebe, so Matter. Erstens bestehe die Schweiz nicht nur aus Zürich und Bern. Zweitens wolle SRF die weiterhin in Bern angesiedelten Redaktionen für Inland und Bundeshaus verstärken und in allen Regionen einen zusätzlichen Fernsehkorrespondenten stationieren. «Wir bauen unsere dezentralen Strukturen also aus, nicht ab!»

SRG Bern prüft den SRG-Ausstieg

Allerdings verläuft der Konflikt längst nicht mehr nur zwischen SRG-Spitze und den Mitarbeitern. Namentlich bei den Genossenschaftern der SRG Bern Freiburg Wallis wächst der Frust. Der Vorstand der Regionalgesellschaft sprach am letzten Donnerstag darüber, welche Konsequenzen man ziehen ­wolle, wenn der Verwaltungsrat das Radiostudio aus Bern abziehe. Gemäss mehreren Quellen prüft der Vorstand verschiedene Szenarien, sogar einen Austritt aus der SRG.

Léander Jaggi ist nicht der Typ, der leichtfertig Drohungen ausspricht. Schon gar nicht gegen die SRG, seine SRG. Bevor der 67-jährige Postautounternehmer aus Brig 2016 zum Präsidenten der SRG Bern Freiburg Wallis gewählt wurde, hat er sich 22 Jahre lang im regionalen Vorstand um die Finanzen gekümmert. Daneben ist er seit 24 Jahren Präsident der SRG Wallis. Hunderte Male hin und zurück durch den Lötschberg wegen Sitzungen in Bern, Tausende Mails und Gespräche, alles für eine magere Entschädigung: Es gibt einen Begriff für dieses Engagement, er ist aus der Mode gekommen bei der Radio- und Fernsehgesellschaft. Idée suisse.

«Deprimierend, was alles kaputt­gemacht wurde in den letzten sechs Monaten.»Léander Jaggi, Präsident SRG Bern Freiburg Wallis

Jetzt aber Jaggi: «Wenn der Entscheid gegen Bern ausfällt, kann es sein, dass wir die SRG Deutschschweiz verlassen. Wir könnten uns selbstständig machen oder uns einem Privaten anschliessen.» Mit ein Grund für seine Enttäuschung ist die fehlende Solidarität der übrigen Deutschschweizer SRG-Genossenschaften – der Basler, der Zürcher, der ­Ostschweizer und der Zentralschweizer. Vor sechs Monaten hätten die Regionalgesellschaften gemeinsam gegen No ­Billag gekämpft und gewonnen, sagt Jaggi. Jetzt kämpfe die SRG-Geschäftsleitung gegen die Gesellschaft Bern Freiburg Wallis, und alle Schwestergesellschaften schauten weg. «Es ist deprimierend, was alles kaputtgemacht wurde in den letzten sechs Monaten.»

Wie der Ausstieg der SRG Bern Freiburg Wallis aus der SRG Deutschschweiz genau ablaufen könne, ist noch unklar. Die Statuten enthalten keine Bestimmung über einen Austritt. Es gibt auch keinen vergleichbaren Fall. Keine Regionalgesellschaft sah sich je veranlasst, über einen Austritt aus der SRG nachzudenken.

«Was ein ‹Bernxit› bedeuten würde, wissen wir noch nicht», bestätigt Jaggi. Klar sei nur, dass der regionale Vorstand nach einer solchen Auseinandersetzung mit der Zentrale nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren könne.

Die Frage Berner Journalismus oder Zürcher Journalismus, die so viele umtreibt, beschäftige ihn nicht besonders, sagt Jaggi. Für ihn gehe es um die Einheit der Schweiz. «Die SRG ist eine föderalistische Organisation. Nun macht sich die Geschäftsleitung daran, diesen Föderalismus abzuschaffen. Längerfristig wäre dies das Ende der SRG, da bin ich überzeugt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 09:54 Uhr

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